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Revolution 1919

05.06.2019

Wie man sich 1919 in der Region an den Revolutionären rächte

Ernst Toller war in Niederschönenfeld inhaftiert.
Bild: dpa (Archiv)

Nach den Kämpfen von 1919 steht die Region im Fokus: Die linken Häftlinge im schwäbischen Niederschönenfeld, die rechten in Landsberg – das hatte System.

Wenn sie „Träumer“ waren, wie Volker Weidermann sein Buch betitelt hat über jene Zeit, als „Dichter die Macht übernahmen“ – dann sind die Revolutionäre der Münchner Räterepublik spätestens im kleinen schwäbischen Niederschönenfeld in einem Albtraum erwacht.

Im Februar 1919 war ihr erster Ministerpräsident Kurt Eisner vom Nationalisten und Antisemiten Graf von Arco erschossen worden, im Mai ihre linke Erhebung von den rechten Garden nach nur fünf Monaten an der Macht niedergeschlagen worden. Dann wurde, wer nicht tot war, verhaftet und von Volks- und Standesgerichten zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Der erst 21-jährige aufstrebende Schriftsteller Ernst Toller schrieb in „Eine Jugend in Deutschland“: „Anfangs hausen wir in verschiedenen Gefängnissen. Nach einigen Monaten treffen sich alle im alten Jugendgefängnis bei Rain am Lech. In der sumpfigen, nebligen Ebene zwischen Lech und Donau liegt der nüchterne, dreiflüglige Gefängnisbau mit seinen kahlen Wänden, seinen hohen Mauern.“ Hier, fernab, das sollte sich schon bald herausstellen, hatte die neue Staatsregierung der Bayerischen Volkspartei sie versammelt, um Rache zu nehmen.

Niederschönenfeld war nach der Revolution 1919 in ganz Bayern ein Begriff

In den fünf Jahren, in denen das ehemalige Zisterzienserkloster und dann erste Jugendgefängnis in Deutschland für jene politischen Gefangenen umgewidmet worden war, war Niederschönenfeld in Auseinandersetzungen in ganz Bayern, in heißen Debatten auch im Berliner Reichstag ein Begriff: „der Fall Niederschönenfeld“. Er wurde immer größer durch den „Fall Toller“, weil der Autor in jenen Jahren mit seinen Theaterstücken zugleich die größten Erfolge feierte und damit auch mit seinen Klagen über die Haftbedingungen für besonderes Aufsehen sorgte – eine wohl darum gleich zu Beginn seiner Zeit hier angebotene Begnadigung aber ablehnte. Er wollte keine Sonderbehandlung, saß er hier doch mit seinen Genossen, dem über 20 Jahre älteren Schriftsteller-Kollegen Erich Mühsam, dem Augsburger Ernst Niekisch, und August Hagemeister, wie Toller ja eigentlich als Abgeordneter in den Bayerischen Landtag gewählt, aber hier nun freilich kaltgestellt.

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„Festungshaft“ – das sollte hier wie beim von der Todesstrafe begnadigten Anton von Arco in Landsberg eigentlich bedeuten: eine reine Sicherheitsmaßnahme, keine Eingriffe in die persönliche Freiheit, keine Disziplinarmaßnahmen. Und so blieb es beim rechten Grafen und einem späteren Mitinsassen namens Adolf Hitler in der oberbayerischen Kreisstadt auch. In der schwäbischen Gemeinde aber beginnt bald schon eine Eskalationsspirale der Strafen gegen die Linken. Von Besuchs- über Brief- bis hin zu Sprechverboten, von Einzelhaft über Bettentzug bis hin zum Setzen auf Wasser und Brot, von der Beschlagnahmung von Manuskripten und auch Tagebüchern bis hin zum tagelangen Liegen in Zwangsjacke. Toller zitiert in „Justiz – Erlebnisse“, wie Anstaltsleiter Hermann Kraus sein Amt auffasste: „Ich kann mit Festungsgefangenen machen, was ich will – Widersätzlichkeit bedeutet Tod.“ Er qualifiziert sich so für die baldige Beförderung zum Oberstaatsanwalt in Augsburg.

Auch bald nach draußen dringende Veröffentlichungen über die Haftumstände ändern nichts, führen eher zu Verschärfungen. Und als der den Revolutionären wohlgesonnene Gustav Radbruch in Berlin Reichsjustizminister wird und eine Prüfung aller Anstalten anordnet, verweigert Bayern ihm einfach den Zutritt – nur ein weiteres Kapitel im Fall Niederschönenfeld, auch zwischen Reichs- und Landesregierung.

1922 tauchen erstmals Hakenkreuzschmierereien in den Gefängnissen auf

Dafür tauchen 1922 erstmals Hakenkreuzschmierereien an Gefängniswänden auf, Wachleute fügen als Reaktion auf Beschwerden noch den Satz hinzu: „Achtung, hier wohnen Juden.“ In Zeitungen wie dem Miesbacher Anzeiger erscheinen Hetzartikel. Und der aufstrebende Adolf Hitler erzählt seinen Anhängern, die Häftlinge von Niederschönenfeld würden wohl früher oder später einfach massakriert werden.

Die Justizvollzugsanstalt Niederschönenfeld befindet sich in einem ehemaligen Kloster.
Bild: Wolfgang Widemann

Doch so weit kommt es nicht. Noch nicht. Zwar stirbt August Hagemeister tatsächlich in Haft, weil er bis zum Schluss mit seinem Herzleiden als Simulant abgetan wurde. Zwar setzen die Strafen Ernst Mühsam immer mehr zu, wird Ernst Toller depressiv – aber zu Weihnachten 1924 werden die noch lebenden Revolutionäre begnadigt, wie auch Anton von Arco und der seit seinem Putschversuch erst wenige Monate einsitzende Hitler in Landsberg. Niederschönenfeld wird wieder Jugendhaftanstalt und ist es bis heute.

Ernst Niekitsch wird später in den Widerstand gegen Hitler gehen, bereits 1937 verhaftet, bis Kriegsende im Zuchthaus sitzen – und gerade noch lebend befreit. Ernst Toller wird bei Machtergreifung der Nazis zufällig in der Schweiz sein, nie mehr nach Deutschland zurückkehren und sich 1939 noch vor Kriegsausbruch, an Depressionen leidend, in einem Hotel in New York das Leben nehmen. Und Erich Mühsam wird bereits 1933 verhaftet, ins KZ Oranienburg verfrachtet und dort 16 Monate später von bayerischen SS-Männern ermordet.

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