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Debatte

24.06.2019

Wie viel Judentum muss in einem Jüdischen Museum stecken?

Sein Rücktritt löste viel Kritik und viele Diskussionen inklusive Richtungsstreit aus: Peter Schäfer.
Bild: Foto: dpa

Seit dem Rücktritt des Berliner Direktors Peter Schäfer streiten sich dessen Freunde und Kritiker um prinzipielle Fragen

Wie viel Judentum sollte in einem jüdischen Museum stecken, welche Rolle dabei Israel als Staat der Juden spielen? Nicht erst seit dem Rücktritt seines Direktors gibt es Streit um das Jüdische Museum Berlin. Die Museumsempfehlung eines Artikels über die antiisraelische Kampagne BDS (Boycott, Divestment, Sanctions) ist vorläufiger Schlusspunkt. Peter Schäfer, ein weltweit anerkannter Judaist, trat zurück, „um weiteren Schaden“ abzuwenden, wie es hieß.

Weniger als ein Jahr vor der Eröffnung der neuen Dauerausstellung im größten jüdischen Museum Europas mit bisher mehr als elf Millionen Besuchern steht das Haus aus dem Bereich von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) vor heiklen Entscheidungen. Vorerst soll eine Vertrauensperson das Museum leiten, wie der Stiftungsrat beschloss. Dies betreffe insbesondere konzeptionelle Fragen. Eine Kommission muss einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin für Schäfer finden – keine leichte Aufgabe angesichts der Querelen.

Benjamin Netanjahu interveniertebei Kanzlerin Merkel

Zwar hatte Direktor Schäfer die umstrittene Lese-Empfehlung nicht selbst über Twitter abgesetzt. Bis zuletzt musste er viele Vorwürfe an das Museum abwehren – und brachte sich dabei selber in die Kritik. Dabei war die Eröffnung im Bau des Architekten Daniel Libeskind 2001 als deutsch-jüdischer Meilenstein gefeiert worden. Damals gab es Einvernehmen über die Ausrichtung des Museums mit seiner Schau zu 2000 Jahren jüdischen Lebens in Deutschland.

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Der frühere US-amerikanische Finanzminister und Holocaust-Überlebende W. Michael Blumenthal stand als Gründungsdirektor auch persönlich für diese Verständigung. Dieser Konsens wird nun zunehmend infrage gestellt. So forderte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu Kanzlerin Angela Merkel (CDU) im vergangenen Jahr auf, die Ausstellung „Welcome to Jerusalem“ abzusetzen. Das Museum stelle dort einseitig die palästinensische Sicht auf die Stadt dar, Merkel sollte die Finanzierung des Museums einstellen. Grütters wies energisch Netanjahus Ansinnen als unzulässige Einmischung zurück.

„Das Museum scheint gänzlich außerKontrolle geraten zu sein.“

Kritik gab es auch, nachdem Schäfer den iranischen Kulturattaché im Museum zum Besuch empfangen hatte, also einen Vertreter jenes Landes, das die Auslöschung Israels zur Staatsräson erklärt hat. Der Direktor räumte ein, die Einladung sei ein Fehler gewesen. „Das Maß ist voll. Das Jüdische Museum Berlin scheint gänzlich außer Kontrolle geraten zu sein“, erklärte der Zentralrat der Juden, nachdem das Museum einen taz-Artikel getwittert hatte. Darin kritisierten israelische und jüdische Wissenschaftler den Bundestagsbeschluss, die BDS-Kampagne gegen Israel als antisemitisch einzustufen. Zuvor hatte der Zentralrat gefordert, das Museum müsse „jüdischer“ werden.

Der Historiker und Publizist Michael Wolffsohn sieht das Jüdische Museum Berlin vor einem Scheideweg. Das Haus müsse für sich klären, ob es das Spezifische am Judentum darstellen wolle oder sich vielmehr als „lebendiger Ort der Reflexion über die jüdische Geschichte und Kultur sowie über Migration und Diversität in Deutschland“ verstehe, wie es in der Selbstdarstellung des Museums steht. Beides gehe nicht, schrieb Wolffsohn im Tagesspiegel. Das Haus sollte sich davor hüten, sich den „Nahost-Islam-Sprengstoff“ noch aufzubürden.

Doch wer bestimmt eigentlich, was jüdisch ist? Mit der Frage mischten sich der israelische Historiker Moshe Zimmermann und der frühere Botschafter Shimon Stein in die Debatte ein. „Was jüdisch ist, entscheidet nicht allein Israel. Die Vielfalt im Judentum ist enorm. Das hat auch das Jüdische Museum Berlin zu vermitteln versucht.“ Die Kippa sei nicht das Symbol des Judentums, Reformjuden gehörten ebenso dazu wie Orthodoxe. Beim aktuellen Streit gehe es „um prinzipielle Fragen, um die Streitkultur in Deutschland, um Meinungsfreiheit und nicht zuletzt um Deutungshoheit“, schrieben sie im Tagesspiegel.

Monika Grütters: Das Museum ist vor Vereinnahmung zu schützen

Auch die Leiterin des Augsburger Jüdischen Museums, Barbara Staudinger, wendet sich von einer idealtypischen Erklärung des Judentums ab. „Denn wir wissen, dass das jüdische Leben in Geschichte und Gegenwart wesentlich vielfältiger ist und dass man falsch liegt, wenn man meint: Nur das ist jüdisch.“ Außerdem möchte sie eine Exotisierung des Jüdischen vermeiden. Die Israelitischen Kultusgemeinden halten in Deutschland indes prinzipiell an der Unantastbarkeit des Staates Israel als Zufluchtsort seit der Shoa fest. Wenn sich ein Jüdisches Museum im Gebäude einer Kultusgemeinde befindet, wird dies strikt eingefordert.

Nach dem Rücktritt gab es viel Rückhalt für Schäfer. Zunächst bekundeten etwa 45 jüdische Gelehrte aus Israel, Europa und den USA ihre Unterstützung. Am Montag folgte ein Statement mit Solidarität von rund 60 internationalen Direktoren und Kuratoren von Museen. Grütters stellte klar, dass die Autonomie des Jüdischen Museums Berlin ein hohes Gut sei, das Museum müsse vor Unterstellungen und Vereinnahmung geschützt werden.

Alois Knoller/Esteban Engel, dpa

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