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Theater Ulm

07.10.2017

Willkommen in der Stadt der Hunde

Familienvater Chuck (Fabian Gröver) macht sich an Grace (Sidonie von Krosigk) heran.
Bild: Jean-Marc Tumes

In Lars von Triers „Dogville“ inszeniert Andreas von Studnitz die Arroganz vermeintlicher Moral

Ein ganzes Dorf wird ausgelöscht, vom Säugling bis zum blinden Alten. Ganz ohne Theaterblut und Waffengeräusch, sichtbar nur durch Bewegung und Emotion: Gerade in der sublimen Darstellung liegt die große Stärke von Andreas von Studnitz’ überraschender und unter die Haut gehender Inszenierung von „Dogville“ am Theater Ulm. Studnitz geht mit Pornografie und Gewalt in Lars von Triers Drama, das eigentlich Teil einer Film-Trilogie ist, zurückhaltend um. Umso schärfer richtet er den Blick in Mona Hapkes minimalistischem Bühnenbild auf die abgründige und narzisstische Arroganz vermeintlicher moralischer Überlegenheit.

Die Ausgangslage: Das abgelegene Dogville ist ein ärmlicher Flecken im Abwärtssog der Wirtschaftskrise. Der jeglicher Arbeit wenig zugetane Arztsohn Tom Edison entpuppt sich als ein idealistisch-ideologischer Weltverbesserer, der aus der „Hundestadt“ Dogville eine Gottesstadt „Godville“ schaffen und ihre Bewohner erziehen möchte. Seinen moralisch erhabenen Thesen kommt das Auftauchen von Grace zupass, einer schönen jungen Frau, die offenbar auf der Flucht ist und keinerlei Andeutung zu ihrer Biografie macht.

Jemandem zu helfen und zu vertrauen, den man gar nicht kennt – das könnte die Bewohner von Dogville offener machen, könnte sie moralisch auf eine höhere Stufe heben. Jakob Egger gibt dem selbst ernannten Moralapostel Tom jugendliche Unerfahrenheit und ein überzeugendes Bild seiner Außenseiterposition im Ort.

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Sidonie von Krosigk als Grace, einst Kinderstar der Bibi Blocksberg-Filme, zeigt in ihrer letzten Rolle am Theater Ulm psychologisch vielschichtige Facetten einer Charakterdarstellerin, zu der sie sich inzwischen entwickelt hat. Grace, die durch und durch gut wirkt, ist willkommen, und ihre Dienstleistungen in den Häusern und Gärten der Menschen von Dogville werden zunächst zögerlich, dann gern angenommen.

Doch die Situation kippt, als Fahndungsplakate nach Grace auftauchen: Wer eine kriminelle Vergangenheit hat, wird auf der Leiter der Hierarchie in Dogville zum auspressbaren Underdog. Die Opfer der Wirtschaftskrise treten nach unten, und Lars von Trier traut dem Menschen jede Scheußlichkeit zu. Die Männer, allen voran der fünffache Familienvater Chuck (Fabian Gröver) werden zudringlich, und jeder bedient sich am Körper der schönen Grace. Die Frauen, die Grace vorwerfen, die Männer zu verführen, entwickeln einen grausamen Sadismus, und die Kinder bewerfen die junge Frau mit Schlamm und Dreck.

Grace wehrt sich nicht. Sie versucht nach christlichem Vorbild, alle Gewalt und Demütigung zu vergeben – und provoziert damit immer grausamere Übergriffe. Und auch sie scheitert an der ethischen Selbstüberhöhung. Toms Verrat, der sie nur für sein Gedankenexperiment nutzte, macht Grace zur Rachegöttin.

Andreas von Studnitz greift nicht nur zum Verfremdungseffekt des epischen Theaters, indem er die Akteure Teile der Handlung erzählen lässt; am Ende wird Grace, Tochter eines Mafia-Bosses (Andreas von Studnitz), selbst zu einer Art brecht’schen Figur – der Seeräuber-Jenny nicht unähnlich. Sie richtet, denn die Welt, so sagt sie, sei besser ohne diese Stadt.

Ist es falsch, Fehlverhalten grundsätzlich entschuldigen zu wollen, oder siegt am Ende die Barbarei? Eine Antwort gibt „Dogville“ nicht. Aber viel Stoff zum Nachdenken.

am 7., 12., 14., 22. und 24. Oktober.

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