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Margaret Atwood

16.10.2017

„Wir wissen nicht mehr, wer wir sind“

Margaret Atwood ist die erfolgreichste Autorin ihrer Heimat Kanada und seit gestern nun Trägerin des Friedenspreises des deutschen Buchhandels.
Bild: Arne Dedert, dpa

Die Bestseller-Autorin mahnt: Die Welt kippt zurück in die 1930er Jahre. Darum kämpft die Kanadierin unverdrossen für Menschlichkeit, darum hat sie eine Botschaft

Schriftsteller hätten heute, in diesem „seltsamen historischen Augenblick“, in „Zeiten von Bedrohung und Wut“, eine wichtige Aufgabe – sagt die Schriftstellerin. Sie sollten „vor den Mächtigen die Wahrheit aussprechen, die Geschichten erzählen, die verdrängt worden sind, den Stimmlosen eine Stimme geben“. Viele hätten das getan und sich damit oft Ärger eingehandelt – „und manchmal hat es sie das Leben gekostet“. Die, die hier spricht, versucht darum, ihrem Anspruch selbst so gut wie möglich gerecht zu werden. Und dafür ist Margaret Atwood nun, zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse, geehrt worden mit einer der renommiertesten Auszeichnungen für politisch engagierte Schriftsteller überhaupt: Dem seit 1950 vergebenen und mit 25000 Euro dotierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Die 77-jährige Kanadierin liebt die Grimm’schen Märchen und erzählte in ihrer Dankesrede gestern in der Frankfurter Paulskirche eine Fabel: Von einem Wolf, der für die vermeintlich perfekte Welt die Zivilgesellschaft abschafft und das friedliche Zusammenleben opfert – und von Kaninchen, die vor Verwirrung und Angst erstarren. Die Moral von der Geschicht? Jedes Land habe neben einem „Alltags-Ich“ ein verborgenes, viel weniger tugendhaftes Ich, „das in Augenblicken der Bedrohung und Wut hervorbrechen und unsägliche Dinge tun kann“. Heute etwa angestachelt vom wirtschaftlichen Ungleichgewicht, dem Internet sowie „der Manipulation von Nachrichten und Meinungen durch ein paar Opportunisten zu ihren Gunsten“. Angesichts des gespannten gesellschaftlichen Klimas, sozialer Ungerechtigkeit und der zunehmenden Bedrohung der Umwelt müssten sich die Bürger überall die Frage stellen: „In was für einer Welt wollen wir leben?“

Atwoods Zeitdiagnose ist düster, sie sieht Parallelen zur Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg: „Das erinnert an die 1930er Jahre.“ Nun mahnte sie: „Wir wissen nicht genau, wo wir sind. Wir wissen auch nicht mehr genau, wer wir sind“ – und meinte insbesondere die USA. Jahrzehntelang hätten diese im Kalten Krieg trotz aller Mängel als Symbol für Freiheit und Demokratie gegolten. Das sei vorbei. Und so sei jetzt, nach mehr als 30 Jahren, auch wieder ihr Roman „Der Report der Magd“ aktuell. In dem setzen sich von Männern kontrollierte Parlamente zum Ziel, die Uhren zurückzudrehen – „am liebsten ins 19. Jahrhundert“.

Atwood hat in dem 1985 erschienenen Roman eine totalitäre Gesellschaft beschrieben. In den USA kommt eine christlich-fundamentalistische Gruppe mit Gewalt an die Macht. Frauen werden unterdrückt und als Gebärmaschinen benutzt. Eine auf dem Roman basierende TV-Serie hat in den USA dieses Jahr mehrere Emmys bekommen (und läuft demnächst im deutschen Bezahlfernsehen „Entertain TV“ an).

In Nordamerika ist die zierliche Atwood auch als Umweltschützerin bekannt, die sich um das Schicksal der Vögel kümmert. Die Bindung zur Natur wurde ihr praktisch in die Wiege gelegt. Als Tochter eines Insektenforschers wuchs sie mit Geschwistern in der Wildnis im Norden Kanadas auf. Die Schule besuchte sie erst mit zwölf. Die Beobachtung von Tieren war Teil ihrer Kindheit, und diese Leidenschaft teilt die studierte Literaturwissenschaftlerin bis heute mit Graeme Gibson, ihrem Mann und Kollegen. Dem aber gibt sie Bücher nie zuerst zum Lesen, weil das die Ehe unnötigerweise belasten könnte.

Bereits als Teenager wollte Atwood unbedingt Schriftstellerin werden. Nun hat sie ein Werk von über 50 Büchern aufgebaut. Romane, aber auch Kurzgeschichten, Essays, Theaterstücke, Drehbücher, Hörspiele, Opern-Libretti, Kinderbücher, sogar Comics – keine Gattung ist der Autorin fremd. Sie wurde auch immer wieder für den Literaturnobelpreis gehandelt. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat Atwood für „Humanität, Gerechtigkeitsstreben und Toleranz“ geehrt. Vorsteher Heinrich Riethmüller lobte, sie öffne uns die Augen, „wie düster eine Welt aussehen kann, wenn wir unseren Verpflichtungen für ein friedliches Zusammenleben nicht nachkommen“.

In den vergangenen Jahren beschrieb Atwood in einer Endzeit-Trilogie („Oryx und Crake“, „Das Jahr der Flut“, „Die Geschichte von Zeb“) eine Welt, die wegen ökologischer und politischer Probleme dem Untergang geweiht ist. Auch Genmanipulation hilft nicht mehr. Auf Deutsch erschienen 2017 zwei Romane („Das Herz kommt zuletzt“ und „Hexensaat“). (dpa, kna, epd)

Neues Buch Margaret Atwood: Aus Neugier und Leidenschaft – Gesammelte Essays. Berlin Verlag, 480 S., 28 ¤

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