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Wissenschaft
13.08.2020

Debatte um das Wort "Mohr": Wo Rassismus seinen Ursprung hat

In Augsburg wurde das dunkle Radler „kleiner Mohr“ wieder abgeschafft, nun wird das Hotel Drei Mohren umbenannt.
Foto: Rolf Vennenbernd, dpa

An der Umbenennung des Hotels „Drei Mohren“ scheiden sich die Geister. Es lohnt sich, zurückzublicken in die Zeit, als die Idee der Hautfarben erfunden wurde.

Jahrhundertelang hieß Augsburgs bestes Hotel „Drei Mohren“ – der Legende nach benannt nach drei Mönchen aus Abessinien, die hier einen Winter verbrachten. Jetzt verabschiedet sich das Haus mit der langen Tradition von seinem Namen, weil „Mohr“ nicht mehr tragbar sei. Spätestens die Black-Lives-Matter-Bewegung hat die Hotelbetreiber zum Umdenken bewogen. Warum eigentlich?

Denn die allermeisten Reaktionen in Augsburg können diesen Akt nicht verstehen. Es sei geschichtslos, das Haus umzubenennen. Wenn das beste Hotel am Platz sich nach – ja, nach wem benennt? Da fangen die Probleme gemeinhin an. Wie darf man das jetzt sagen, wenn man nicht gleich das nächste vorbelastete Wort verwenden will. Das N-Wort kommt nicht infrage, Farbige, Negroide, Schwarzafrikaner auch nicht, wie Ratgeber zu einem Rassismuskritischen Sprachgebrauch eindeutig sagen. Schwarze Menschen ist okay – wobei Schwarz großgeschrieben werden soll, denn diesen Begriff verwenden Schwarze Menschen für sich selbst. Oder aber man verwendet das englischsprachige People of Colour oder eingedeutscht Menschen of Colour.

Von Anfang an ist der Begriff negativ verwendet worden

Das ist jetzt schon mal für das Folgende geklärt. Was war noch einmal die Frage? Genau, wenn sich das beste Hotel am Platz nach drei Schwarzen Menschen nennt, ist das doch positiv. Nein – schreiben zum Beispiel die Rassismusforscherinnen Susan Arndt und Ulrike Hamann in dem Buch „Wie Rassismus aus Wörtern spricht“. Das M-Wort sei die älteste deutsche Bezeichnung, mit der Weiße Schwarze Menschen als anders konstruiert haben. „Von Anfang an war der Begriff negativ konnotiert, da er auf die Feindschaft gegen Nicht-Christ_innen – in Spanien speziell gegenüber den islamischen Gegner_innen des Christentums – zurückzuführen ist.“ Weil die abwertenden Begleitvorstellungen immer noch existieren, „sollte der Begriff ersatzlos gestrichen werden, weil es paradox wäre, für einen rassistischen Begriff Ersatz zu suchen“.

Hier die Rassismus-Forschung, dort die Meinungen vieler Menschen, die sich an das „Drei Mohren“ genauso gewöhnt haben wie an den „Mohrenkopf“ oder den – Achtung Werbung – „Sarotti-Mohren“ mit seinem Turban. Warum prallen da jetzt so lautstark Welten aufeinander? Natürlich, weil es um ein Symbol geht, gleichzeitig aber auch, weil da so viel Geschichte mitschwingt, von der man sich im Fall des Hotelnamens nicht trennen will, die man aber im Fall der Rassismus-Forschung kritisch betrachten sollte.

Rassismus baut auf einer jahrhundertealten Tradition auf

Denn hinter dem Streit um den Namen geht es ja gerade zum Beispiel bei der Black-Lives-Matter-Bewegung um das Große und Ganze – Rassismus, der immer noch tagtäglich zu spüren ist und auf einer jahrhundertealten Tradition aufbaut und sich in dieser langen Zeit auch tief in die Sprache eingeschrieben hat. Unauffällig, wenn von hautfarbenen Strümpfen die Rede ist, was ja irgendwie impliziert, dass braune oder schwarze Strümpfe nicht hautfarben seien. Auffällig in umgangssprachlichen Formulierungen wie „Ich bin doch nicht dein N.“ – in dem eindeutig Bezug genommen wird auf die Jahrhunderte, in denen Schwarze Menschen aus Afrika im Zeitalter des Kolonialismus versklavt worden sind.

Wer die Kritik der Rassismusforschung ernst nimmt und auch verstehen will, tut gut daran, an die Ursprünge zu gehen. Etwa an den Beginn des Kolonialismus im frühen 16. Jahrhundert. Oft werden Christoph Kolumbus und Co. ja als Entdecker des amerikanischen Kontinents bezeichnet, was zum einen ausklammert, dass sie von Anfang an Eroberer waren, die am Gewinn der kolonialen Plünderungen und später auch Unternehmungen beteiligt waren.

Zum anderen aber steckt in einer Entdeckung ja immer auch, dass etwas zuvor für die Menschheit unbekannt war. Aber das kann aus einer Perspektive, die die Menschheit nicht nur von Europa aus, sondern global betrachtet, nicht gehalten werden. Der amerikanische Kontinent war 1492 längst von Menschen entdeckt und besiedelt, er war keine gigantisch große unbewohnte Insel, die erstmals in Kontakt mit dem Homo sapiens gekommen war.

Die Eroberer Amerikas benötigten eine moralische Rechtfertigung

Die Eroberung des amerikanischen Kontinents löste vieles gleichzeitig aus. Wichtig – so sagen es die Rassismus-Forscher – war für die Eroberer, eine moralische Rechtfertigung für den Raub und all die Grausamkeiten zu bekommen. Mord und Versklavung der Menschen, die den amerikanischen Kontinent längst besiedelt hatten, standen im kompletten Gegensatz zu dem, was der christliche Glaube der spanischen und portugiesischen Eroberer nahelegte.

Genau da werden Hautfarben-Konzepte, die es bereits in der Antike gab, um Menschen voneinander zu unterscheiden und zu hierarchisieren, mit der christlichen Farbsymbolik aufgeladen: Weiß als Farbe des Göttlichen, Guten und Überlegenen, Schwarz als Farbe des Teufels, der Sünde und der Schuld. Damit ließ sich der Auftrag der Europäer rechtfertigen, den amerikanischen Kontinent zu erobern und die Menschen dort wegen ihrer behaupteten Minderwertigkeit zu versklaven oder zu töten.

Die Europäer begannen mit dem transatlantischen Sklavenhandel

Als dann nicht nur durch die Gewalt und das Morden, sondern auch durch aus Europa eingeschleppte Krankheiten die Bevölkerung in Amerika dramatisch zurückging – Wissenschaftler gehen von bis zu 90 Prozent aus, ein Genozid also – begannen die Europäer im großen Stil mit dem transatlantischen Sklavenhandel, um in Amerika auch weiterhin über billige Arbeitskräfte zu verfügen. Schätzungen gehen von bis zu 30 Millionen Menschen aus, die über die Jahrhunderte in Afrika versklavt wurden, davon sind bis zu 12 Millionen Menschen gestorben, bevor sie Amerika auf einem der Sklavenschiffe erreichten. Als Rechtfertigung dafür diente immer die Idee, dass weiße Menschen zivilisiert und überlegen seien.

Die Theorien von den verschiedenen Rassen der Menschheit – verbunden mit einer Wertigkeit und Hierarchie, die weiß oben und alle anderen unten sahen – erfuhren im Verlauf der Jahrhunderte Änderungen. Zwischenzeitlich war es nicht nur die Haut, sondern die Vermessung des Körpers, am Schluss sollten es Gene sein, anhand derer Rassen unterschieden werden könnten.

Diese Geschichte wirkt bis heute nach. Die Wissenschaftlerin Susan Arndt schreibt in ihrem Buch „Rassismus. Die 101 wichtigsten Fragen“: „Rassismus gehört zu den folgenschwersten historischen Hypotheken, mit denen sich die Welt auch im 21. Jahrhundert auseinanderzusetzen hat.“

Die Forderungen sind groß

Einen Ausweg finde die Menschheit nicht darin, die Geschichte zu verschweigen oder zu leugnen; stattdessen müsse gelernt werden, was der Rassismus mit der Welt und mit den Einzelnen angerichtet habe. „In einem zweiten Schritt wird es darum gehen, feste Glaubensgrundsätze aufzugeben (auch den, schon immer antirassistisch gewesen zu sein), bereits Gelebtes selbstkritisch zu überprüfen (auch wenn es noch so gut und antirassistisch gemeint war) und Gelerntes zu verlernen (auch wenn es noch so unschuldig aussieht).“

Die Forderungen, die gestellt werden, sind groß. Gleichzeitig werden bei den hier zurate gezogenen Büchern nicht alle Verallgemeinerungen mit Argumentationen untermauert. Dann werden Herder, Fichte und Schelling in zwei Sätzen als Vordenker des völkischen Nationalismus gebrandmarkt. Geschaut wird außerdem aus der Gegenwart auf die Vergangenheit, mit dem Wissen, wie sich alles entwickelt hat. Wünschenswert ist ein Blick, der die Geschichte aus den Umständen der Zeit erklärt. Was nicht heißen soll, dass damit die Rassismus-Forschung obsolet wird, vielmehr kann sie so erst verstehen, wie sich dieses Denken über einen solch langen Zeitraum einschleichen konnte.

Susan Arndt, Nadja Ofuatey-Alazard (Hrsg): Wie Rassismus aus Wörtern spricht. Unrast Verlag, 786 Seiten, 29,80 Euro

Susan Arndt: Rassismus. Die 101 wichtigsten Fragen. Beck Verlag, 160 Seiten, 10,95 Euro

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Die Diskussion ist geschlossen.

16.08.2020

In meinen Augen sind diese Anti-Rassismus-Jünger die größten Rassisten überhaupt. Wenn es nach denen geht, dann müssen wir uns bald unserer hellen Hautfarbe schämen. Aber im Schämen sind wir Deutschen ja besonders gut.
@ Alfred W. Ganz Ihrer Meinung.
@Richard M. Besonders ermüdend finde ich auch Ihr Gutmenschentum.

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16.08.2020

So wie ihr von den Menschen behandelt werden möchtet, so behandelt sie auch. Das ist - kurz zusammengefasst - der Inhalt der ganzen Heiligen Schrift.

Matthäus, 7,12

Die Welt sähe anders aus, wäre für viele lebenswerter, hörten wir weniger auf die Hetzer und richteten wir uns mehr nach diesem Matthäus - einem Anti-Rassisten und Gutmenschen offenbar.

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16.08.2020

"In meinen Augen sind diese Anti-Rassismus-Jünger die größten Rassisten überhaupt."

Was stört sie denn am Anti-Rassismus?
Wollen sie die Zeit zurückdrehen, damit sie am Rassismus teilhaben können ohne sich hinter kruden Kommentaren zu verstecken.

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17.08.2020

@ Richard M.
Ja, ich würde ganz gerne die Zeit zurückdrehen.
In meiner zugegebenermaßen lange zurückliegenden Kindheit, da war es ganz normal, daß man Neger sagte oder auch Zigeuner oder Eskimo, es gab Zwerge und Krüppel, wir aßen Mohrenköpfe und unsere Mutter kaufte im Kolonialwarenladen ein. Das war der ganz normale Sprachgebrauch und wir benutzen diese Worte ohne jegliche beleidigende Absicht. Wir nannten unsere schwarze Katze Sarotti - wenn sie einen guten Tag hatte, dann hörte sie sogar darauf. Und man mußte nicht jedes seiner Worte daraufhin prüfen, ob es irgendwelche Gruppierungen nicht eventuell in irgendeiner Weise diskriminieren könnte.
Wenn aber heute eine Kindergärtnerin bei ihrem Anti-Rassismus-Kreuzzug für einen Monat alle Kinderbücher aus den Regalen verbannt, in denen nicht "Hochpigmentierte" (oder ist das auch ein Rassismusausdruck?) eine positive Hauptrolle spielen, dann ist das zwar eine ausgesprochen rassistisch, aber es gibt niemanden, der sich das zu sagen traut. Doch es ist Rassismus - Rassismus gegen Weiße. Ja, den gibt es nämlich auch.
Was mich richtig ankotzt, dann sind es Leute, die einem vorschreiben, wie man zu reden hat. Sie projizieren ihre eigene Schlechtigkeit, ihren eigenen Rassismus auf die Allgemeinheit und zwingen alle, sich in der Wortwahl ihrer Engstirnigkeit zu unterwerfen.
Und was mich auch noch ankotzt, dann sind das Leute wie Sie, die einem das Wort im Mund herumdrehen und falsche Beweggründe unterstellen.

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17.08.2020

@MATTHÄUS K.

Haben sie es denn nötig mit niveauloser Ausdrucksweise zu antworten?

Trotzdem versuche ich sachlich zu antworten.
Das was früher vielleicht normaler Sprachgebrauch war muss es heute nicht mehr sein und diesen Wandel haben sie leider verpasst. Außerdem haben sie anscheinend das Gefühl, dass man ihnen vorschreibt was sie sagen dürfen und was nicht. Es trifft allerdings nicht zu, denn wir haben Meinungsfreiheit und wie man sieht nützen sie diese Meinungsfreiheit auch aus.

Wenn sie allerdings austeilen, müssen sie auch das Echo aushalten und ich befürchte da hakt es gewaltig.

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26.08.2020

@Richard M.
Ich muß doch noch einmal auf Ihren letzten Kommentar eingehen. Lange stand ich auf dem Standpunkt „Der Klügere gibt nach“, aber mittlerweile weiß ich, daß es heißen muß „Der Klügere gibt so lange nach, bis er der Dümmere ist“.
Leider trifft es sehr wohl zu, daß uns vorgeschrieben wird, was man sagen darf und was nicht.
Wenn Sie - und das ist nur ein Beispiel - als Busfahrer bei den Augsburger Stadtwerken arbeiten, dann dürfen Sie nicht sagen, daß irgendetwas im Zusammenhang mit einem Neger vorgefallen ist. Sie müssen den Ausdruck „dunkelhäutiger Fahrgast“ benutzen. Und das ist eine Regelung, die schon seit 10 oder 15 Jahren gilt, eine zwingende Vorschrift. Die UN geht da etwas anders vor. Sie geben an, welche Ausdrücke man nicht mehr verwenden sollte und bringen auch die entsprechenden Ersatzausdrücke. Bekannt wurde, daß „landlord“ (Vermieter) durch „owner“ (Besitzer) ersetzt werden sollte. Fragen Sie doch mal einen befreundeten Neger nach seinem Umzug, ob er nun einen neuen Besitzer gefunden hat. Er findet das bestimmt sehr anti-rassistisch.
Sicher, Sprache wandelt sich. Das bedeutet aber nicht, diese verunstalten zu dürfen und sehenden Auges ins Lächerliche zu führen.
Wie weit die Situation schon fortgeschritten ist, kann man erkennen, wenn einem vorgeworfen wird, mit niveauloser Ausdrucksweise zu antworten – nur weil man seine Formulierungen nicht mit dem Political-Correctness-Filter in ein nichtssagendes Geschwafel, das nur ja keinen verletzen oder irritieren soll, weichgespült hat.

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15.08.2020

Diese Debatte ist inzwischen nur noch langweilig und extrem ermüdend.

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15.08.2020

"....stattdessen müsse gelernt werden, was der Rassismus mit der Welt und mit den Einzelnen angerichtet habe."

Sind sie denn auch für Rassismus, weil sie dies langweilig und extrem ermüdend finden.

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