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11.01.2018

"Wonder Wheel": Kate Winslet auf der Achterbahn des Lebens

Sie will mehr vom Leben, als ihr der Job als Kellnerin in der Strandbar und die glücklose Ehe im Amerika der 50er Jahre bringen: Kate Winslet in "Wonder Wheel" als Ginny.
Bild: Warner Bros.

Woody Allen kehrt an den Strand von Coney Island zurück, wo sich Traum und Wirklichkeit kreuzen. Das führt in "Wonder Wheel" allerdings auch zu emotionalen Wirrnissen.

Am legendären Strand von Coney Island am südlichsten Ende von Brooklyn, wo sich früher die Vergnügungsparks aneinanderreihten und ein beträchtlicher Teil der New Yorker Heiratsanträge gestellt wurde, siedelt Woody Allen seinen neuen Film „Wonder Wheel“ an. Schon vor vierzig Jahren besuchte Allen in „Der Stadtneurotiker“ Coney Island und nahm die Achterbahn als metaphorischen Bildhintergrund in Gebrauch. Protagonist Alvy Singer hatte die Kindheit in dieser Schaustellerwelt verbracht, woraus sich seine Schwierigkeiten bei der Trennung von Fantasie und Realität ableiteten. Auch in „Wonder Wheel“ gibt es einen Erzähler, der die Ereignisse immer wieder kommentiert und das Publikum mit direktem Blick in die Kamera adressiert.

Justin Timberlake spielt den Bademeister Mickey, der von seinem Hochsitz am Strand den Überblick bewahrt, bis er sich selbst ins Geschehen einbezieht. Neben seinem Baywatch-Job studiert Mickey Literatur, strebt ein Dasein als Theater-Autor an. Er schaut auf die Wirklichkeit mit dem Blick des Dramatikers, der sich selbst die Rolle des romantischen Helden zugedacht hat.

Eines regnerischen Tages stolziert Ginny (Kate Winslet) in ihrer ganzen melancholischen Pracht über Mickeys Strandabschnitt. Dieser ist gleich mit einem riesigen Schirm und Warnungen vor herannahenden Gewittern zur Stelle und Ginny ihrerseits von solch ungewohnter Galanterie stark beeindruckt. Das Leben hat es bisher nicht sehr gut mit ihr gemeint. Die erste Ehe mit einem Jazz-Drummer hat sie genauso wie ihre beginnende Schauspielkarriere durch eigenes Verschulden in den Sand gesetzt.

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Kate Winslet überzeugt in "Wonder Wheel"

Mit ihrem Sohn, der einen Hang zu Cinephilie und Pyromanie in sich trägt, flüchtete sie sich in eine glücklose Ehe mit dem Karussellbesitzer Humpty (James Belushi) und verdingt sich nun als Kellnerin in einer Strandbar. Die Affäre mit dem deutlich jüngeren, kultivierten Bademeister lässt sie von einem anderen, besseren Leben träumen, während für Mickey die Sommerliebelei eher ein dramatisches Forschungsprojekt darstellt. Als Ginnys Stieftochter Carolina (Juno Temple) das Interesse des Strandwärters weckt, beginnen die emotionalen Wirrnisse Shakespeare’sche Ausmaße anzunehmen. Die romantischen Vorstellungen der Figuren vermischen sich mit der Eigendynamik der Lebensachterbahn und bieten dem Ensemble vielfache Entfaltungsmöglichkeiten.

Vor allem überzeugt Kate Winslet als Frau in den besten Jahren, die mehr vom Leben will. Wunderbar, wie Winslet tiefe Sehnsucht und Verzweiflung am Rand des Wahnsinns ausbalanciert und die Figur aus Allens ironisiertem Erzählstrom herauslöst. Auch Jim Belushi liefert als grober, proletarischer Ehemann und weichherziger Vater eine kraftvoll differenzierte Performance ab.

"Wonder Wheel" ist eine Hommage an klassische Tennesse-Williams-Verfilmungen

Die Stärken dieses sehenswerten, wenn auch nicht brillanten Woody-Allen-Jahrgangs – die dramatisch-komische Abmischung hätte schon einer gründlicheren Überarbeitung bedurft – liegen nicht nur wie üblich im Dialogischen, sondern auch in der farbenprächtigen Bildgestaltung von Vittorio Storaro und dem stilvollen 50er-Jahre-Design. Die Gesichter werden immer wieder in expressive Rot- und Blautöne getaucht, die vom Vergnügungspark direkt ins Wohnzimmer strahlen. Zeitkolorit, Dialogdynamik und Bildgestaltung lassen „Wonder Wheel“ als Hommage an klassische Tennesse-Williams-Verfilmungen wie „Endstation Sehnsucht“ erscheinen.

Wonder Wheel (1 Std. 41 Min.), Drama, USA 2017

Regie Woody Allen

Mit Kate Winslet, Justin Timberlake, Juno Temple, James Belushi

Wertung: Vier von fünf Sternen.

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