Newsticker
RKI meldet 27.836 Neuinfektionen und 81 Todesfälle - Inzidenz bei 441,9
  1. Startseite
  2. Kultur
  3. Zukunftstechnik: Selbstoptimierung bis zum gläsernen Gehirn: Wo Gefahren lauern

Zukunftstechnik
20.03.2018

Selbstoptimierung bis zum gläsernen Gehirn: Wo Gefahren lauern

Unser Gehirn, bloß eine Maschine? "Ein unmenschlicher Blick auf unsere Persönlichkeit", sagt Buchautorin Miriam Meckel. 
Foto: Fotolia

Die Optimierung des Menschen schreitet voran und zielt in unser Innerstes, das Gehirn. Medienexpertin Miriam Meckel hat sich mit möglichen Folgen beschäftigt.

Ob mit Fitnessarmbändern oder Biorhythmusrechner – Selbstoptimierung liegt im Trend. Aber sie zielt auch weiter, tiefer: auf unser Gehirn. Und wer denkt, das klinge nach fernen Zukunftsvisionen, der erfährt in Ihrem Buch: Wir sind längst auf dem Weg!

Miriam Meckel: Ja, das kann man schon so sagen, wenn man sich die Forschung ansieht und was bei einigen Unternehmen im Silicon Valley passiert. Der Weg zu einer echten Optimierung des Gehirns ist trotzdem noch ein langer. Aber die ersten Schritte sind gemacht.

Wo beginnt denn das "Brainhacking"? Sie schreiben ja auch von Studenten in Harvard, die in großer Mehrheit zu Prüfungszeiten ihr Gehirn mit Ritalin auf höhere Konzentration und weniger Schlafbedarf dopen.

Meckel: Es ist eine Stufenabfolge. Das fängt mit Medikamentenmissbrauch an, dann kommt so etwas wie die Aktivierung durch Magnetwellen oder Stromstöße, und die letzte Stufe wäre dann das, was sich Unternehmer wie Elon Musk vorstellen: dass wir wirklich über ein Hirnimplantat direkten Zugang zu unseren grauen Zellen haben und sie so aktivieren und beeinflussen können. Diese verschiedenen Stufen gehen aber immer auf dasselbe zurück, nämlich auf die Vorstellung, man könne das Gehirn wie eine Maschine an- und ausstellen, schneller oder langsamer laufen lassen. Und das ist natürlich kompletter Unsinn. Das Gehirn ist viel zu komplex, als dass man da mit einfachen Ursache-Wirkungs-Mechanismen rangehen könnte. Und vor allem ist es ein ziemlich schwieriges Menschenbild, das da aufscheint. Es besagt, wann immer ich den richtigen Reiz aufs Gehirn gebe, kann ich den Zustand herstellen, den ich suche, dann funktioniere ich so, wie ich selbst oder andere es von mir erwarten. Diese funktionalistische Sicht auf den Menschen, die sich in unserer Technologiezeit Schritt für Schritt durchsetzt, ist das eigentliche Problem.

Der bessere Mensch ist der effizientere, der schnellere.

Lesen Sie dazu auch

Meckel: Genau. Der Mensch und das menschliche Denken funktionieren aber natürlich vollkommen anders. Wir haben ja auch Besonderheiten, Veranlagungen zu Kreativität und Spontaneität, zur Unberechenbarkeit – das alles macht Menschen ja aus und ist übrigens auch sehr schön. Wenn alle berechenbar wären, wäre das Leben in dieser Welt unglaublich langweilig.

Aber für die Kreativität etwa gibt es halt auch entsprechende Mittel .

Meckel: Ja, im US-Fernsehen begegnen Sie dem ständig. Im einen Werbespot sitzt eine Frau auf der Bettkante und nimmt ein Schlafmittel ein, legt sich hin und schläft ein, während ihr Mann, der das Schlafmittel nicht genommen hat, sich unruhig im Bett herumwälzt. Und im nächsten Spot wird geworben für ein Mittel, das man einwerfen kann, damit man konzentriert und wach ist morgens, um mit seiner Arbeitsleistung in einer anforderungsreichen Welt zu bestehen. Diese Logik ist ein unmenschlicher Blick auf unsere Persönlichkeit.

Miriam Meckel ist Herausgeberin der „Wirtschafts-Woche“ und Professorin für Kommunikationsmanagement in St. Gallen. Ihr neues Buch: Mein Kopf gehört mir (Piper, 288 S., 22 €)
Foto: Piper

Und dabei – Sie sprachen ja vorhin bereits von der unüberschaubaren Komplexität des Gehirns und seiner entscheidenden Bedeutung für unseren Charakter – wissen wir doch gar nicht, was das wirklich alles auslöst, oder?

Meckel: Da muss man zwei Sichtweisen unterscheiden. Seriöse Forscher sagen, es gibt die Möglichkeiten der Optimierung und auch des Eingriffs ins Gehirn, des Lesens von Gedanken. Aber es wird noch sehr lange dauern, sie zu perfektionieren. Wenn man sich aber anschaut, wie es möglich wird, dass etwa durch das Locked-in-Syndrom ansonsten völlig abgekapselte Patienten über Gedanken einen Computerarm steuern oder schreiben können, dann ist das natürlich großartig. Zugunsten dieser Patienten muss es möglich sein, unter medizinischer Aufsicht am Gehirn zu forschen. Andererseits aber wissen wir heute auch, dass der wesentliche Kern unserer Persönlichkeit im Gehirn sitzt, auch die Emotionen und die Liebe etwa. Wenn man daran rumpfuscht, werden wir uns fremd, jeder sich selbst, aber die Menschheit sich auch als Ganzes.

Das Einsehen scheint begrenzt.

Meckel: Elon Musk argumentiert ja im Grunde zugunsten des Menschen. Er sagt, die künstliche Intelligenz wächst mit solcher Geschwindigkeit, dass sie uns in absehbarer Zeit überholen und beginnen wird, für uns Entscheidungen zu treffen. Damit werden wir als Menschheit dann zur abhängigen Variable. Man kann jetzt sagen, das sei vielleicht einfach nur eine ganz kluge Marketing-Rhetorik – aber angesichts der tatsächlichen aktuellen Entwicklungen darf man sich schon fragen, wie wir auf ein Szenario reagieren sollen, in dem wir quasi irgendwann abgelöst werden könnten.

Wir nehmen den einen bedenklichen Fortschritt der Digitalisierung vorweg, weil ein anderer Fortschritt der Digitalisierung bedenkliche Folgen haben könnte … Aber auch die Folgen der Reaktion gilt es doch wiederum zu bedenken. Sie schreiben etwa von der Gefahr der Zwei-Klassen-Gesellschaft, der Optimierten und der Nicht-Optimierten.

Meckel: Schauen Sie sich an, wie bereits heute soziale Zugehörigkeit und Bildungszugänge mit Aufstiegsmöglichkeiten und individuellem Entwicklungserfolg korrelieren: Die Schlaueren haben bessere Chancen, ein gutes und reichhaltiges Leben zu führen. Künftig müssen wir uns damit womöglich auf einer neuen Stufe auseinandersetzen. Denn wenn die Steigerung von kognitiven Fähigkeiten eine Frage des Preises wird, dann würde das eine weitere Spaltung vorantreiben. Es gäbe die "Superhirnis" und das "Hirnprekariat" …

Ist das nicht alles sehr dystopisch gedacht, also vorsätzlich und übertrieben verdichtet zu einer düsteren Vision?

Meckel: Das klingt durchaus dystopisch, und ich hoffe natürlich nicht, dass das so passiert. Ich bin nur eine begeisterte Anhängerin des frühzeitigen Nachdenkens über das, was kommt. Denn nur, wenn man das tut, kann man verhindern, dass sich diese Szenarien auf eine Weise entwickeln, wie sie es besser nicht sollten. Das gilt für Einzelne, aber auch für die Gesellschaft als Ganzes.

Wie groß sind die Chancen, sich mit solchen Bedenken gegen den Fortschritt zu stellen, der doch auch von mächtigen Unternehmen und hohen Investitionen vorangetrieben wird?

Meckel: Ich will mich keinesfalls gegen den Fortschritt stellen. Beim Gehirn allerdings denke ich, dass die Sensibilität größer sein sollte, weil Änderungen an der Persönlichkeit deutlich weitergehen als etwa der Missbrauch persönlicher Daten. Wenn wir uns die Entwicklung der digitalen Technologie bislang anschauen, gibt es wenig Hinweise, dass beispielsweise die Politik Vorreiter in prophylaktischen Überlegungen gewesen wäre, etwa im Hinblick darauf, kluge Rahmenbedingungen zu setzen. Unsere Vorstellungen von dem, was geschehen kann, gehen oft nicht weit genug. Wissen wir eigentlich noch, was wir tun? Das ist eine Frage, die wir uns immer wieder stellen müssen.

Welche Regulierungen wären nötig?

Meckel: Zwei Dinge sind aus meiner Sicht wichtig. Das eine ist das Recht, die eigenen Gedanken privat halten zu dürfen. Facebook hat im vergangenen Sommer angekündigt, wir könnten in den nächsten Jahren mit einem neuen Gerät bis zu hundert Wörter pro Minute direkt in das Smartphone hineindenken. Wie will man bei einer solchen Technologie sicherstellen, dass nur die Gedanken veröffentlicht werden, die auch dazu freigegeben sind? Das Zweite ist die mentale Integrität. In der Forschung mit Mäusen etwa ist die Aktivierung von tatsächlichen und die Aktivierung von falschen Erinnerungen bereits gelungen. Wenn man aber Erinnerungen manipulieren kann, dann manipuliert man tatsächlich direkt die Persönlichkeit. Wie will man etwa im Strafrecht noch den Begriff von Schuld aufrechterhalten, wenn man mit falschen Erinnerungen den Eindruck vermittelt, eine Person habe eine Tat begangen, die sie aber gar nicht begangen hat? Da gerät tatsächlich einiges aus den Fugen, in denen der Kitt unseres sozialen Zusammenhalts steckt.

Wir wollen wissen, was Sie denken: Die Augsburger Allgemeine arbeitet daher mit dem Meinungsforschungsinstitut Civey zusammen. Was es mit den Umfragen auf sich hat und warum Sie sich registrieren sollten, lesen Sie hier.

 

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.