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Theatergeschichte

17.07.2018

Zusammenarbeit trotz Nazi-Erbe: Brechts beinharter Opportunismus

Caspar Neher, etwa 1917 (l.) sowie Bert Brecht, 1918
Bild: Foto: Bildarchiv

Der Augsburger Dramatiker, dessen Herz links schlug, holte den Freund und Bühnenbildner Caspar Neher nach Ostberlin, obwohl dieser nationalsozialistisch belastet war.

Bert Brechts strategisches Vorgehen beim Voranbringen seiner Karriere als Schriftsteller ist bekannt und oft beschrieben worden, sein vielfach moralbefreites Lavieren zwischen den Weltanschauungen und den Vorstellungen von Kunst. So schrieb er seit August 1914, nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges, für Augsburger Tageszeitungen nationalistisch wirkende Texte, nur um erstmals gedruckt zu werden. Der Patriotismus dieser Texte war nur vorgegeben, wie eine Vielzahl von ironisierenden, distanzierenden Elementen dem Kriegsgeschehen gegenüber erweisen. Und sein erstes großes Augsburger Drama Baal arbeitete Brecht um, weil er weder Verlag noch Theater finden konnte – zu Ungunsten der Qualität des Stücks, wie Brecht selbst genau wusste. Und als – viel später – die Kulturfunktionäre der DDR Kritik übten an seiner und Paul Dessaus Oper „Das Verhör des Lukullus“, war Brecht sofort zu Änderungen bereit. Viele weitere Beispiele dieser Art könnten genannt werden.

Verhandlungen mit einem Augsburger Journalisten  

Indessen war Brecht auch in anderer Hinsicht ethisch flexibel, wenn er sich Nutzen davon versprach – nämlich im Umgang mit Personen aus seiner Peripherie, die, während er im Exil war und gegen den Nationalsozialismus anschrieb, sich mit diesem arrangierten oder gar in Deutschland Karriere machten. Dieser Umstand ist bis heute kaum wahrgenommen worden.

So verhandelte er etwa 1950 in Augsburg mit dem Journalisten Alfred Mühr über die Gründung eines westdeutschen Theaterensembles, das aber nie realisiert wurde. Mühr war im „Dritten Reich“ Schauspieldirektor des preußischen Staatstheaters Berlin und Lehrer an der dortigen Schauspielschule. Und seinem alten Augsburger Freund, dem katholischen Journalisten Max Hohenester, NSDAP-Mitglied und Redakteur der Augsburger Nationalzeitung, war Brecht, wie Hohenesters Tochter in einem Brief mitteilt, durch eine entlastende Aussage beim sog. „Entnazifizieren“ behilflich.

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Caspar Neher entwarf Bühnenbilder für antisemitische Dramen 

Eine andere Dimension hat Brechts Beziehung zu Caspar Neher, dem bedeutenden Bühnenbildner, der einer seiner besten und ältesten Augsburger Freunde war und mit dem er, unterbrochen nur durch das Exil, bis 1952/53 eng zusammenarbeitete. Eine Vielzahl von Bühnenausstattungen berühmter Brecht-Inszenierungen stammen von ihm. Auch Caspar Neher war in Deutschland geblieben. Hier stattete er nicht nur Klassiker aus Literatur und Musiktheater aus, sondern auch Stücke von NS-Autoren wie Gerhard Schumann und Eberhard Wolfgang Möller, wie Christine Tretow in ihrer umfangreichen Biografie über Neher hervorhebt. Von Möller erwähnt sie nur die Ausstattung von „Der Untergang Karthagos“ (1938), eine Mischung aus Zeitsatire und Historiendrama, das bald von den Spielplänen verschwand. Das ist aber noch nicht alles.

Möller, geboren 1906, war einer der bekanntesten NS-Barden und ein hoher Funktionsträger. Schon 1930 SA-Mitglied und seit 1932 Mitglied der NSDAP, avancierte er 1934 zum Theaterreferenten im Propagandaministerium, 1935 zum „Reichskultursenator“. 1935 erhielt er von Joseph Goebbels den Nationalen Buchpreis, 1938 den Staatspreis für Literatur. Er schrieb unter anderem Historiendramen, die auf das „Dritte Reich“ als politischen Heilszustand hindeuten, auch etliche betont antisemitische Werke.

Von angeblich skrupellosen Geschäftsmännern und Rattenkönigen

Das erste, das Drama „Panamaskandal“, erschien 1930; 1934 folgte „Rothschild siegt bei Waterloo“. Auch nach seinem Karriereknick um 1938 trat er noch als antisemitischer Autor in Erscheinung, bei den Filmen „Die Rothschilds“ (auf der Basis seines eigenen Stückes) und „Jud Süß“, Veit Harlans berüchtigter Film, bei dem Möller Mitautor des Drehbuchs war.

Möllers „Panamaskandal“, mit dem er zum Sturz des „jüdischen Systems“ der Weimarer Republik aufrief, wurde 1936 am Düsseldorfer Schauspielhaus in einer Inszenierung von Hannes Küpper aufgeführt; die Bühnenausstattung schuf Caspar Neher. Derzeit werden von einem Berliner Antiquar acht originale Bühnenbildentwürfe Nehers zu eben diesem „Panamaskandal“ angeboten – was Anlass gibt, Nehers Arbeit während des Nationalsozialismus und Brechts spätere Beziehung zu Neher darzulegen.

Ausgesprochen rüde ist der Antisemitismus in Möllers frühem Stück, das den geistigen Nährboden bereitete für die Katastrophen, die folgen sollten: So wird das „Finanzjudentum“ exemplifiziert und „demaskiert“ anhand von Personen, denen unterstellt wird, dass sie als „skrupellose Geschäftsmänner“ und „Rattenkönige“ betrügend „über Leichen“ gehen und Staatskrisen verursachen. „Dunkelmänner“, die mit „eisernem Besen auszukehren“ seien, Auswüchse, die Caspar Neher durch seine Kunst visuell und affektiv vermittelte und ans Publikum zu bringen versuchte.

Nehers unselige Vergangenheit wurde bedenkenlos übergangen

Brecht schrieb nach dem Zweiten Weltkrieg, im ersten Halbjahr 1948: „Mich, den Stückeschreiber / Hat der Krieg getrennt von meinem Freund, dem Bühnenbauer“. Anderes schien Brecht nicht im Fokus zu haben. Der eine Freund lavierte im NS-Deutschland, der andere nun in der DDR – ausgerechnet. Als die Aussicht bestand, dass Neher Brecht hier nützlich sein konnte, wurde er bedenkenlos rekrutiert, nicht nur als Freund, sondern auch als künstlerischer Partner wiederbelebt. Was scherte den „Stückeschreiber“ Nehers unselige Vergangenheit?

Zuvor schon, nicht lange nach dem Krieg, hatte Brecht mit Neher Kontakt aufgenommen, um die Zusammenarbeit von einst wiederzubeleben – was gelang.

Es entstanden ja auch Produktionen von Weltgeltung.

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