Barrie Koskys tolle Party für Cecilia Bartoli: Rossinis „Il viaggio a Reims“ in Salzburg
Pfingstfestspiele Salzburg
Eine durchgeknallte Bühnen-Party für die Bartoli: „Die Reise nach Reims“ in Salzburg
Mit Rossinis Oper „Il viaggio a Reims“ lässt Regisseur Barrie Kosky den 60. Geburtstag der Star-Sängerin feiern. Musikalisch ist die Inszenierung ein Fest der Stimmen.
Rossini-Betriebsnudel-Komik: Die Salzburger Inszenierung von Rossinis „Il viaggio a Reims“ mit Cecilia Bartoli als Corinna.Foto: Monika Rittershaus, Salzburger Festspiele
Wäre es heute allen Ernstes noch eine Option, dass ein Komponist anlässlich der Installation eines Staatspräsidenten oder einer Monarchin eine Auftragsoper komponiert, die eben diese Ernennung oder Krönung zum Inhalt hat? Schwerlich. Genau dies tat Rossini 1825 zur Inthronisation des französischen Königs Charles X. Er tat es freilich nicht ohne Ironie. Sein Dramma giocoso „Il viaggio a Reims“ stellt eine Reise nach Reims wortreich in Aussicht, doch das Opernpersonal, eine volldebile Gesellschaft europäischer Aristokratie, kommt in Reims nicht an. Es steckt fest in einem Badehotel der Vogesen. Weil keine Pferde zur Verfügung stehen, die die Kutschen vor die Kathedrale zu Reims ziehen könnten. Blöde Situation. Gelähmt an einem Ort, Absenz bei einem überaus wichtigen Termin europäischer Geschichtsschreibung.
Barrie Kosky inszeniert Rossinis „Il viaggio a Reims“ in Salzburg
So die Situation bei Rossini. Aber eine Situation ist noch keine Handlung. Eine solche indessen ist für diese Oper nicht wiederzugeben. Weil sie im Grunde fehlt. Das Warten vertreiben sich die Hochmögenden – darunter als Musikliebhaber ein deutscher Baron, ein französischer Offizier mit Faible für Amateurmalerei, ein Altertumssammler, eine römische Bühnenkünstlerin und der Feuerkopf eines russischen Generals – mit allerlei Liebesanträgen, Eifersüchteleien, Eitelkeiten, nicht wirklich der Rede wert. Jedoch Anlass zu artistischen Vokalnummern eines erlesenen Sängerclubs, wie ihn nicht einmal größte Opernhäuser aus eigenen Reihen zusammenstellen könnten. Gefragt sind 14 Solisten, darunter aufgrund vokaler Anforderung mindestens neun exzeptionell starke, wendige Gurgeln.
Rossini schrieb einen langen Einakter, der seinen Humor aus der Kluft zwischen Hofkunst-Genre und banal Menschelndem zieht und bühnenpraktisch Offenbach und die französische Operette mit ihren Verhaltensauffälligkeiten und Überspannungen antizipiert. Mehr noch: Rossini erweist sich als ein Wegbereiter von Dada, Nonsens und absurdem Theater, gerade auch im Finale, wo Militär- und Blutadel ein Potpourri klingender europäischer Nationalheiligtümer zum Besten gibt: die Deutschlandlied-Melodie Haydns, God save the queen. Es klappern die spanischen Kastagnetten und eine Tirolerin jodelt. Schräg? Ja. Und Rossini.
Schrill kann er: der Opernregisseur Barrie Kosky, der in Salzburg Rossinis „Il viaggio a Reims“ inszenierte.Foto: Jan Windszus
Wer soll, wer kann so was inszenieren? Einen gibt’s, der sich in solch einer Großvoliere schriller Vögel zu Hause fühlt: Barrie Kosky. Er hat sein Leben, seine Regiekunst in weiten Teilen dem Überschäumen von Komödie, Revue und Tingeltangel verschrieben. Und dem Überschäumen von Klamauk, Slapstick und Albernheiten. Da bleibt – auch an der Schmerzgrenze – kein Auge trocken. Er ist der Richtige für Rossinis stockende Reise. Für Salzburg jetzt fühlte er sich bei all seiner hochtourigen Ehre gepackt. Drei Stunden fährt er Tempo 200 im ersten Gang.
Barrie Kosky inszeniert rollende Augen, Schluckaufs und einfrierende Grimassen
Er serviert eine total durchgeknallte Party unter harmlosen, aber nervenden Irren in offener Fünf-Sterne-Anstalt. Er vergisst nicht rollende Augen, Schluckaufs und einfrierende Grimassen; er kennt sich aus mit jeder Art von Tic nerveux, Hysterie- und Ohnmachtsanfall. Wir sind im Zoo der Schreckschrauben und Hornochsen – maßgeschneidert, extravagant und schrullig eingekleidet (Kostüme: Victoria Behr). Bei dauerzuckenden, dauertrippelnden Hotelboys werden dem Festspielpublikum maximal 15 Minuten Augen- und Ohrenentspannung gewährt: Zum einen beim tieftragischen Klagegesang der Reisegesellschaft über die ausbleibenden Pferde – und zum Zweiten, wenn die allseits angebetete römische Bühnenkünstlerin Corinna, Zimmer Nr. 10, zweimal zu Harfenbegleitung anhebt.
Cecilia Bartolis Belcanto-Gesang ist immer noch faszinierend
Corinna, das ist natürlich Salzburgs singende Pfingstfestspielintendantin Cecilia Bartoli – und auch sie mischt wahnsinnig ungehindert an den Turbulenzen mit – mal im Neglige und immer wieder sich an den Kopf schlagend, wenn sie vokal auf einer Fermate oder an einem Triller hängenbleibt. Der Schlag wirkt, und weiter geht’s im Text, in Cecilias noch immer faszinierendem Belcanto-Gesang und in all ihrer Rossini-Betriebsnudelkomik. Übrigens: Die Reisegesellschaft in Salzburg will nicht zur Krönung von Charles X., sondern zum 60. Geburtstag der Bartoli. Kleine Programmänderung im „Hotel zur goldenen Lilie“.
Ein Ensemble starker Stimmen macht „Il viaggio a Reims“ in Salzburg zum Hochgenuss.Foto: Monika Rittershaus, Salzburger Festspiele
Musikalisch freilich ist die wie ein Schweizer Uhrwerk schnurrende Party-Produktion ein Stimmfest, forciert vom Orchestermotor „Les musiciens de Monte-Carlo“ unter Gianluca Capuano. Herausragend, neben der Bartoli versteht sich: Melisse Petit, Marina Viotti, Dmitry Korchak, Ildebrando D’Arcangelo und Misha Kiria. Ein Nervendoktor wäre gut fürs Festspielhaus, auch bei den Salzburger Festspielen im Sommer, denn da wird Koskys Bühnen-Party wieder auf dem Spielplan stehen.
Diskutieren Sie mit
XXX 0 Kommentare
hier kommen komentare rein
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren