In der Welt knallt es an allen Ecken, ist es dann so verwunderlich, dass Kriege und Krisen auch auf die Biennale in Venedig überschwappen? Kaum eine Plattform eignet sich besser, um die Muskeln der Macht zu zeigen, um gesehen und gehört zu werden – oder, um so zu tun, als sei alles paletti.
Nach zwei Jahren „Abstinenz“ ist der russische Bär zurück in seinem Pavillon und gibt den Partylöwen. Tanzen darf das Publikum, das in der Bar gleich noch mit Hochprozentigem versorgt wird. Gratis, versteht sich. Da kommt Stimmung auf, die freilich nicht jeder teilt. Die lautstarke Protestaktion der Punkband Pussy Riot war am Mittwoch ein medienwirksamer Höhepunkt in grellem Pink. „Russlands Kunst ist eine blutige“, skandierten die Frauen, „leistet Widerstand!“
Russlands Biennale-Auftritt ist an Zynismus nicht zu überbieten
Dieser Schlachtruf war dabei nicht nur an das Putin-Regime gerichtet, sondern auch an die oberste Leitung der Biennale. Präsident Pietrangelo Buttafuoco hatte einen Boykott Russlands abgelehnt, obwohl die EU-Kommission damit drohte, Fördermittel in Millionenhöhe zu streichen. Genauso wenig wollte der rechtspopulistische Funktionär weiter Krieger ausladen. Der Iran hat seine Teilnahme inzwischen abgesagt, Israels Pavillon ist dicht, angeblich wird renoviert, der Beitrag zog in eine unscheinbare Ecke des Arsenale.
Russlands Biennale-Auftritt ist an Zynismus nicht zu überbieten. Doch wer sich fürs Canceln ausspricht, muss in der Konsequenz noch andere Staaten in Betracht ziehen. Das ist die Crux einer Großausstellung, auf der seit der Gründung verschiedene Nationen ihre Kunst präsentieren – heuer sind es 99 Länder. Nur bringt das Spannungen mit sich, etwa mit dem Ergebnis, dass die diesjährige Jury zurückgetreten ist.
Ohnehin liegt über dieser 61. Biennale ein Schatten. Henrike Naumann, eine der beiden Künstlerinnen des Deutschen Pavillons, starb im Februar mit nur 41 Jahren. Schon im Mai 2025 erlag Koyo Kouoh, die Künstlerische Leiterin der Biennale, ebenso einer Krebserkrankung. Man möchte meinen, in Kouohs Motto „In Minor Keys“ liegt eine Vorahnung. Dabei waren die „Molltonarten“ anders gedacht: „Sie verweigern sich orchestralem Bombast oder militärischem Stechschritt und werden in leisen Tönen lebendig“, erklärte die aus Kamerun stammende Kuratorin.
Die erste Arbeit der Biennale zeigt: Die Natur hat immer das letzte Wort
Ruhig geht es auch los, an den Pfeilern des zentralen Pavillons der Giardini hat Otobong Nkanga Keramikbehälter mit Pflanzen gehängt. Still und unaufhaltsam werden sie wachsen und die Fassade in einen Garten verwandeln. Die Natur hat immer das letzte Wort. Deshalb wird man drinnen im ersten Saal auch gleich streng ins Visier genommen. Célia Vásquez Yuis Parlament der Tiere aus Tonskulpturen versperrt den Weg und scheint Fragen zu stellen: Wie geht ihr mit uns um? Wie mit der Schöpfung?
In vielen Werken spielt das Miteinander eine Rolle, das oft zu einem Gegeneinander geworden ist. Doch die Klänge sind im ersten Teil der Hauptschau überwiegend zarte: Annalee Davis aus Barbados bestickt feine Decken mit den Pflanzen ihrer Heimat. Harmlos ist das nicht, die britischen Kolonialherren ließen die Frauen Spitzenwaren für den Markt herstellen und ihre Familien auf den Plantagen schuften. Davis holt beides zurück, die Pflanzen und die Spitzen.
Lauter wird es naturgemäß im Arsenale, der alten Schiffswerft, zumal in diesem Jahr viele Beiträge fast ineinander über gehen. Kouoh hat die Schau auf 111 Künstlerinnen und Künstler reduziert, die sich dadurch ausführlicher vorstellen können. Unter dem Titel „Let this be my Cathedral“ schuf Annalee Davis außerdem eine Art Großherbarium, vor dem man sich meditativ versenken oder einfach austauschen kann. So werden einige Installationen zu Orten des Innehaltens, auch der Andacht, je nach kulturellem Hintergrund mit sagenhaften Fantasiegottheiten. Rajni Perera aus Sri Lanka und Marigold Santos von den Philippinen haben eine imposante weibliche Tonfigur geschaffen, die sich herausfordernd aufbäumt, während ihre abgetrennten Beine hinter ihr jede weitere Aktion versagen. Das ist das Dilemma vieler, die sich fauchend fügen müssen.
Nach dem Nigerianer Okwui Enwezor 2015, ist Koyo Kouoh die erste weibliche Person of Color, die eine Biennale in Venedig konzipiert hat. „Man gab mir Carte Blanche, ich spiele die schwarze“, sagte sie. Nachdem der Brasilianer Adriano Pedroasa vor zwei Jahren süd- und lateinamerikanischen Künstlern den Vorrang gab, kommen jetzt – späte Gerechtigkeit – die Kollegen mit afrikanischen Wurzeln zum Zug. Verspielter, poetischer, sinnlicher. Und die Anknüpfungspunkte sind vielfältig, denn ein guter Teil der verwendeten Materialien und Objekte sind aus dem Alltag übernommen.
Deshalb wird man auch sehr schnell in die Arbeiten von Henrike Naumann hineingezogen, die gemeinsam mit Sung Tieu den Deutschen Pavillon gestaltet hat. Einrichtungen erzählen bei Naumann von gesellschaftspolitischen Befindlichkeiten. Im zentralen Raum zeigt sie ein trostloses Ost-Wohnzimmer im kühl-metallischen Stil der frühen Neunziger. Gegenüber ist ein realsozialistisches Bild ihres Großvaters mit Altkleidern und Holz rekonstruiert. Man blickt zur Lagune hin auf einen Eisernen Vorhang aus Kettenhemden. Das ist die Front, die nie verschwand.
Sung Tieu, Tochter vietnamesischer „Vertragsarbeiter“ in der DDR, hat den Pavillon mit einer Plattenbaufassade aus unzähligen Mosaiksteinchen überzogen. In einem solchen Niemandsgebäude ist sie aufgewachsen. Die Mutter brauchte mehrere Jobs, um für ein Mindestauskommen zu sorgen. Beide Positionen bringen die Perspektiven des Ostens so eindringlich zusammen, dass man sofort eine Löwen-Empfehlung aussprechen möchte. Bei allem tiefen Ernst regiert auch Leichtigkeit. Schokomarienkäfer krabbeln die Wände hoch. Das kann auf viele blinde Augen oder auf Glück deuten. Man darf sich’s aussuchen.
Biennale in Venedig bis zum 22. November, www.labiennale.org
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