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Brechtfestival Augsburg 2026: Wer ist Regisseurin Sapir Heller?

Brechtfestival Augsburg

Sie inszeniert „Die Dreigroschenoper“ in Augsburg: Sapir Heller macht aus ihrem Schmerz einen Zirkus

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    Sapir Heller verbindet ein Gefühl von Heimat mit der hebräischen Sprache - aber die Sprache ihrer Kunst ist Deutsch.
    Sapir Heller verbindet ein Gefühl von Heimat mit der hebräischen Sprache - aber die Sprache ihrer Kunst ist Deutsch. Foto: Stefan Loeber

    Wenn Sapir Heller von damals erzählt, von der Zeit, in der sie das Theater lieben lernte, blättert sie in Gedanken durch das Fotoalbum ihrer Erinnerung. „Diese Bilder habe ich auch alle noch.“ Sie zeigen: Sapir Heller, eine junge Frau aus Israel. Damals 18 Jahre alt, nun unterwegs auf einer Reise durch Deutschland. Dann treten zwei Männer ins Bild: Da ist der deutsche, junge Mann, der damals ihr Freund war. Bald steht dort ein anderer an ihrer Seite: Bertolt Brecht. Sie in Berlin, posierend neben einer Statue des Dichters. Sie in Augsburg, vor dem Haus, in dem Brecht geboren wurde. „Zwischen mir und diesem Autor hat es sofort geklickt“, sagt Sapir Heller und lacht. Denn eigentlich wollte sie dringend rauf auf die Bühne, als Schauspielerin. Doch heute ist sie die Frau, die das Ensemble selbst dirigiert als Theaterregisseurin. Gerade inszeniert sie Brechts „Dreigroschenoper“, beim Brechtfestival in der Brechtstadt Augsburg. Vor der Premiere erzählt sie bei einem Gespräch von ihrer Liebe zur Sprache, von Heimatsuche und Zukunftsängsten – von ihrem jüdisch-deutsch-israelischen Leben.

    Sapir Heller hat mit Bertolt Brechts Texten Deutsch gelernt

    Als junges Mädchen sei sie stundenlang vor dem Fernseher gelümmelt, gemeinsam mit ihrem Bruder. Im israelischen TV liefen damals argentinische Telenevoelas und sie dachte: Eines Tages werde ich selbst einmal die Hauptrolle im Film spielen. Im Gymnasium wählte sie dann Theater als Leistungsfach und noch heute ist sie der Kurslehrerin dankbar – die sie um die Rolle brachte. Sapir Heller sollte runter von der Bühne und stattdessen die Regie übernehmen. Eine Lektion des Unterrichts: Episches Theater, Brecht in der Theorie und im Spiel. So lernte Heller, dass Theater viel mehr bietet als Illusionen. „Was mir an Brecht heute gefällt? Diese nackte Darstellung von Theatermitteln“, sagt sie. „Wir täuschen niemandem vor, dass wir hier die Realität zeigen. Nein, wir erzählen hier etwas über die Realität, im Spiel.“

    Als sie 19 war und frisch verliebt in einen Mann aus Deutschland, packte sie ihre Koffer. Heute wundert sie sich über ihren Mut, in das fremde Land zu ziehen: „Es war naiv, es war wegen der Liebe.“ Also schnell Deutsch-Lernen, aber wie? Im VHS-Kurs? Mit der App auf dem Smartphone? Gab es damals noch nicht. Also lernte sie die Sprache mit einer Taktik, die sie ihrem Ziel ein gutes Stück näher brachte, eine Regisseurin zu werden. „Ich habe Deutsch mit Brecht gelernt: In der einen Hand eine hebräische Übersetzung, in der anderen das deutsche Original.“ Manche Monologe könne sie heute noch auswendig sprechen, Szenen aus der „Gute Mensch von Sezuan“. Sie findet damals schnell ihren Weg in die Kunst, studiert Schauspiel- und Musiktheaterregie an der Hochschule August Everding in München. Bis heute die Stadt, in der sie lebt.

    Sapir Heller inszeniert am Volkstheater München und beim Brechtfestival in Augsburg

    Bei Brecht hat Heller den Humor gefunden, den sie selbst als Überlebensstrategie nutzt. Den nötigen Witz, um Katastrophen in etwas Gutes verwandeln zu können. Das sei ihr persönliches Ziel, mit jeder Inszenierung. „Ein guter Freund hat einmal über meine Kunst gesagt: Sapir, du machst aus deinem Schmerz einen Zirkus“, sagt sie und lacht.

    Heller inszeniert an großen deutschen Bühnen, vom Maxim Gorki Theater Berlin bis zum Volkstheater München. Die Stoffe, die sie wählt, sind Klassiker, Schullektüren, neu inszeniert – Böll, Dürrenmatt, Borchert. Hat sie auf diesen Bühnen und in dieser Sprache eine Heimat gefunden? Heller zögert. Ganz zu Hause sei sie weder hier wie dort. Immer noch blickt sie manchmal wie eine Fremde auf Deutschland. Aber auch in Israel kommt sie sich oft wie eine Touristin vor … wäre dort nicht der Klang der Gassen, der Familie, der Sprache: „Für mich ist die Heimat die hebräische Sprache. Ich könnte heulen, wenn ich ein hebräisches Kinderlied höre. Ich spreche Hebräisch mit meinen Kindern. Meine Theatersprache ist aber vollkommen deutsch.“

    Die „Mutter Courage“ in Tel Aviv war ein Erfolg für Sapir Heller

    Als sie vor 17 Jahren nach Deutschland zog, umging sie auch die Wehrpflicht in Israel. Und heute? Kehrt sie zurück in das Land, in dem sie groß geworden ist – mit einem Antikriegsstück. 2025 brachte sie ihren Brecht aus Deutschland mit im Gepäck und inszenierte seine „Mutter Courage“ in Tel Aviv. Ausgerechnet die „Courage“: Das Stück um eine Mutter im 30-Jährigen Krieg. Eine Mutter, die über ihre Soldatensöhne verhandelt. „Es war eine wahnsinnige Erfahrung, ein Antikriegsstück in dieser Zeit in Israel zu inszenieren“, sagt Heller. Jedes Wort trug politisches Gewicht, jeder Satz traf auf wache Ohren im Saal. Viele Menschen in Israel wünschten sich das Theater als Ablenkung vom Kriegsgeschehen, sagt Heller. Andere machten den Krieg zum Thema, aber mit Vorsicht. „Die „Mutter Courage“, so wie ich sie inszeniert habe, war da sehr direkt. Fast ein Schlag ins Gesicht. Die Botschaft an alle: Mensch, es gibt hier nur Verlierer. Hört auf damit.“ Manche Zuschauer verließen den Saal, weil das Stück so tief in ihre Gefühle traf, ihre eigenen Kriegsschmerzen berührte. Panikattacken. Aber Heller erreichten auch viele Briefe, die ihr für den Mut ihrer Arbeit dankten. „Die Menschen in Israel berührt das sehr: Ich fasse die Wunde an, und zwar sehr grob.“

    Heller erinnert sich: Ihren Kindern habe sie einmal von der großen Vielfalt vorgeschwärmt. Sie sollen das Beste aus ihren Chancen machen, aus dieser schönen Vielfalt von jüdischer, deutscher und israelischer Kultur. Und als sie fertig war mit ihrem Monolog, gab ihr Sohn nur eine kurze Antwort: „Ich bin gut, Mama.“ Aber spürt Sapir Heller diesen Optimismus heute noch?

    „Seit dem 7. Oktober hat sich die Realität geändert“, sagt Sapir Heller

    „Vor allem seit dem 7. Oktober hat sich die Realität geändert“, sagt sie. „Ich hatte diese Erkenntnis: Ich bin nirgendwo auf der Welt sicher. Und da kann ich meinen Kindern die Welt so schön ausmalen, wie ich will, es ist einfach nicht so.“ Heller wünscht sich kontroverse Diskussionen, auch über den Nahostkonflikt, mit Meinungen, die sich reiben und widersprechen dürfen. „Aber es gibt für mich nur eine Seite der Menschlichkeit: Und zu der gehören alle Menschen, die bereit sind, sich zu fragen, wie schaffen wir das gemeinsam als Gesellschaft? In Frieden? Wenn sich alle diese Frage stellen, ist das für mich schon die Antwort.“

    Info: Die Premiere von Brechts „Dreigroschenoper“ findet am 27. Februar im Martinipark des Staatstheaters Augsburg statt.

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