„Walter wird sich das sicher mal anschauen, aber jetzt sitzt er gemütlich auf Mallorca und feiert noch ein bisschen 69. Geburtstag“, sagt Christine Vogt. Die Direktorin der Ludwig Galerie Schloss Oberhausen gehört zu den ganz wenigen, die Moers kennen. Ihr konnte sich das Phantom auch nicht entziehen, Vogt organisierte die erste Museumsausstellung dieses kreativen Zeichners und Autors. Dass sie zur Abwechslung in Erlangen im rappelvollen Stadtmuseum geführt hat, hängt mit dem Comic Salon zusammen – und der Übernahme ihrer hinreißenden neuen Moers-Ausstellung.
Comic-Festival in Erlangen lockt über 30.000 Besucher nach Franken
Alle zwei Jahre wird die fränkische Residenzstadt vier Tage lang von den Anhängern grafischer Erzählkunst geflutet, und der Erfinder von Käpt‘n Blaubär, dem „Kleinen Arschloch“ oder vom dichtenden Drachen Hildegunst von Mythenmetz steht weit oben in ihren Charts. Nur zur Beruhigung: Die erste bayerische Moers-Schau ist auch nach der wichtigsten deutschen Comic-Veranstaltung noch zu sehen – bis 13. September nämlich –, und der Weg lohnt sich.
300 Verlage, Händler, Hochschulen sowie viele Solokünstlerinnen und -künstler haben bis zum Sonntag ihr Programm vorgestellt, zu den rund 200 Veranstaltungen sind auch die Stars der Szene wieder eingetrudelt. Die neuen Sparmaßnahmen hat man jedenfalls kaum wahrgenommen. Von mehr als 30.000 Besuchern ist die Rede, der Begriff Salon eine heftige Untertreibung.
Man fing halt mal klein an, aber das Metier hat sich auch im einstigen „Comic ist Schund“-Land so famos entwickelt, dass einer wie Volker Hamann mit der Besprechung herausragender deutscher Produktionen nicht mehr in Verlegenheit kommt. Der langjährige Herausgeber der Branchenmagazine „Alfonz“ und „Reddition“ schwärmt vor allem vom zeichnerischen Nachwuchs, der mittlerweile an den Hochschulen gute Ausbildungsmöglichkeiten hat. Gerade auch bei erfolgreichen Könnerinnen wie Anke Feuchtenberger und Barbara Yelin.
Lisa Frühbeis erzählt vom Leben ohne Papiere in Augsburg
Den Manga-Hype sieht er mit gemischten Gefühlen. Der halte zwar einige Verlage am Laufen und ermögliche Querfinanzierungen für aufwendigere Comic-Projekte. Doch ein Hoch sei irgendwann vorbei. Insofern hofft Hamann, dass die Manga-Fraktion auch zu Graphic Novels wie Reinhard Kleists David-Bowie-Porträt oder den engagierten Arbeiten von Lisa Frühbeis greift.
Für ihren neuen Band ging die Augsburgerin den Geschichten von Menschen ohne Papiere nach. Unter dem Titel „Schattenleben“ hat sie gemeinsam mit dem Journalisten Jonas Seufert vier bestürzende Schicksale recherchiert und gezeichnet. Darunter das von Brienne aus Thailand, die nach Deutschland gelockt wurde, um als Zwangsprostituierte fast zugrunde zu gehen. Oder von Charlotte aus dem Senegal, die ihr Kind quasi auf der Straße bekommen hat.
Das ist harter Stoff, doch der lässt sich im Comic oft sogar besser vermitteln. Das hat auch der Beitrag des Münchner Comic-Festivals „Demokratie verteidigen“ in der Stadtbücherei gezeigt. Übrigens mit pointierten Kommentaren von Horst Haitzinger, Uli Oesterle oder Dieter Hanitzsch, der sich Friedrich Merz und Elon Musk vorknöpft. Ganz analog gezeichnet, quasi aus dem Handgelenk. Das muss man schon beherrschen und genauso die politischen Entwicklungen auf dem Schirm haben und taxieren können.
Walter Moers überzeugt mit präzisen Originalzeichnungen
Für manchen wäre das der Moment, sich von der Künstlichen Intelligenz auf die Sprünge helfen zu lassen. Aber das sei Quatsch, findet Lewis Trondheim. Der französische Superzeichner und Texter plauderte über seine Arbeit und gab zu: „Ich habe ganz ordentliche Filme gesehen, in Hollywood muss man sich warm anziehen. Aber der Comic ist für die KI viel zu komplex.“ Das hört man gern, doch wen wundert‘s. Trondheim gehen die Ideen einfach nicht aus. Von den Abenteuern des Herrn Hase bis zum Alltag einer Fliege und all dem, was er im Team fabriziert – so einer muss sich selbst mit 61 Jahren eher bremsen.
Bei Walter Moers dürfte es sich ähnlich verhalten, der Output ist immer noch hoch und frappierend präzise. Das demonstrieren 300 Originalzeichnungen, auf denen man vergeblich nach Korrekturen fahndet. Und auch die fabelhafte Posy Simmonds legt den Stift mit gerade mal 80 nicht aus der Hand. In Erlangen erhielt die Karikaturistin des Guardian nun den Max-und-Moritz-Preis für ihr Lebenswerk. Die Auszeichnung gilt als Comic-Oscar und wird inzwischen in acht Kategorien vergeben. Darunter erfahrene Zeichnerinnen wie Ulli Lust, deren neuer Band „Schamaninnen“ die herrlich freche Urgeschichten-Reihe „Die Frau als Mensch“ fortsetzt – und wieder ein echter Wurf ist.
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