Startseite
Icon Pfeil nach unten
Kultur
Icon Pfeil nach unten

Filmfestspiele in Cannes: Wird Thomas Mann der neue Superheld?

Filmfestspiele

Kühle Kunst in Cannes: Bei den Filmfestspielen dominiert das Autorenkino

  • |
  • |
  • |
  • |
    August Diehl (von links), Hanns Zischler, Regisseur Paweł Pawlikowski und Sandra Hüller zählen mit dem Film „Vaterland“ über Thomas und Erika Manns erste Deutschlandreise nach dem Krieg zu den Favoriten der Filmfestspiele in Cannes.
    August Diehl (von links), Hanns Zischler, Regisseur Paweł Pawlikowski und Sandra Hüller zählen mit dem Film „Vaterland“ über Thomas und Erika Manns erste Deutschlandreise nach dem Krieg zu den Favoriten der Filmfestspiele in Cannes. Foto: Scott A Garfitt/Invision/AP/dpa

    So sieht Begeisterung aus. Auf einer der Hauptstraßen von Cannes haben Hunderte von Fans ihre Campingstühle aufgeschlagen. Nach stundenlangem Warten scharen sie sich in einer riesigen Menschentraube. Der Verkehr ist blockiert. Warten sie auf die Premiere des neuen Almodóvar? Versuchen sie, ein Autogramm von John Travolta zu erjagen? – Nichts desgleichen. Der Grund der Hysterie: die neue Uhr eines Schweizer Herstellers. Ort des Geschehens: das einschlägige Fachgeschäft. Das wäre nur eine Randnotiz wert, würde das Festival von Cannes an anderer Stelle für ähnlichen Enthusiasmus sorgen. Aber der Eindruck der ersten Tage bestätigt sich nach allgemeinem Konsens der Medienbesucher: Die Stimmung der diesjährigen Festspiele ist gedämpft. Was nur zum Teil an der mangelnden Hollywood-Präsenz liegt. Dass Ehrenpalmen-Empfängerin Barbra Streisand wegen eines verletzten Knies nicht anreisen kann, fügt sich freilich in den Gesamteindruck.

    „Fatherland“ mit Sandra Hüller ist bislang der Favorit für die Goldene Palme in Cannes

    Aber es gibt auch keine Filme – speziell nicht im Wettbewerb – die für außerordentliche Gefühlswallungen sorgen. Pawel Pawlikowskis „Fatherland“ mit Sandra Hüller und Hanns Zischler als Erika und Thomas Mann bleibt bislang der Favorit für die Goldene Palme. Berechtigtes Kritikerlob konzentriert sich auch auf Andrei Swjaginzews „Minotaur“ – ein von Chabrol inspiriertes Krimidrama, das eine beklemmende Reflexion der russischen Kriegsgesellschaft bietet. Oder auf James Grays Thriller „Paper Tiger“, bei dem eine jüdisch-amerikanische Familie ins Fadenkreuz der russischen Mafia gerät. Oder auf Cristian Mungius „Fjord“, wo sich eine rumänische Familie mit ihren hochkonservativen Werten im Netz des norwegischen Sozialstaats verstrickt. Aber es sind – vermutlich – alles keine Filme, die den öffentlichen Diskurs prägen werden, die Scharen von Fans und Verächtern anziehen. Schon allein deshalb, weil ihr Erzählstil bei aller Präzision unterkühlt bleibt.

    Die Filmfestspiele in Canne präsentieren bisher brillant inszeniertes, aber unterkühltes Kunstkino

    Grenzüberschreitendes, Wegweisendes ist im Cannes des Jahres 2026 bis kurz vor Ende nicht zu finden, sondern im besten Falle hochintelligentes, brillant inszeniertes Kunstkino. Die koreanische Science-Fiction „Hope“, etwas überraschend im Wettbewerb platziert, fährt zwar Schauwerte auf Hollywood-Niveau auf, aber krankt an dramaturgischen Schwächen.

    Nun wäre das alles nicht weiter tragisch, würde nicht Cannes mit dem Anspruch antreten, die große Feier des Kinos zu zelebrieren. Letzteres hat auch die Konsequenz, dass etwa Netflix-Filme aus dem Wettbewerb verbannt bleiben, weil sie nicht hinreichend in französischen Kinos gezeigt werden. Aber genau diesem Anspruch kann das Festival nicht gerecht werden, wenn Hollywood fernbleibt und in erster Linie die etablierten Autorenfilmer zum Schaulaufen antreten.

    Ein großer Deal macht Schlagzeilen

    Es ist bezeichnend, dass die größten Schlagzeilen einem Businessdeal vorbehalten waren: 17 Millionen Dollar für die amerikanischen Verleihrechte für Jordan Firstmans Regiedebüt „Club Kid“ über einen New Yorker Clubpromoter. Doch dieser Film, wenngleich gefeiert, durfte eben nicht in der Liga des Wettbewerbs mitspielen, sondern lief in der weniger repräsentativen Nebenreihe ‚Un Certain Regard‘.

    So gesehen bleibt die Frage, ob Cannes seinem Anspruch gerecht werden kann. In den letzten Jahren hatte das Festival einen herausragenden Lauf, als hier Filme wie „Parasite“, „Anora“, „Anatomie eines Falls“ oder „Secret Agent“ ihren internationalen Siegeszug begannen. Der scheint nun 2026 endgültig gebremst – zumindest nach dem ersten Eindruck zu schließen. Aber liefert das Festival zumindest Indizien, dass das Kino im Zeitalter multimedialer Zersplitterung seine Relevanz behält?

    Es mag ermutigend sein, wie viele Mitt-20er sich in einer Art Fan-Programm für drei Tage vom Festival einladen lassen. Ebenso stimmt es hoffnungsvoll, wenn eine Dokumentation über Regisseur David Lean vor fast vollem Saal vorgeführt wird. Und Filme mit den epischen Dimensionen eines „Lawrence von Arabien“ stehen auf der Startrampe der Kinos – wie etwa Christopher Nolans „Odyssee“. 

    Wird Thomas Mann der neue Superheld in Cannes?

    Vielleicht braucht es einfach nur den jugendlichen Enthusiasmus des immerhin schon 72-jährigen John Travolta, um für die richtigen Impulse zu sorgen. Dessen Regiedebüt „Nachtflug nach L.A.“, die von Lebensfreude durchtränkte Verfilmung seines eigenen Kinderbuchs, stieß zwar bei den Fachzuschauern auf keinen großen Enthusiasmus, aber ausschlaggebend ist das normale Publikum. Und das strömt in größeren Zahlen als in den Vorjahren in die Vorführsäle, ob in Deutschland oder den USA.

    John Travolta bekam bei den Filmfestspielen in Cannes nicht nur die Ehrenpalme, sondern stellte auch sein Regiedebüt „Nachtflug nach L.A.“ vor.
    John Travolta bekam bei den Filmfestspielen in Cannes nicht nur die Ehrenpalme, sondern stellte auch sein Regiedebüt „Nachtflug nach L.A.“ vor. Foto: Scott A Garfitt/Invision/AP/dpa

    So gesehen braucht es vielleicht gar keine Weihetempel wie Cannes. Aber wer weiß: Vielleicht wird ja Pawlikowskis „Vaterland“ doch zum cineastischen Trendsetter. Und dann bekäme das Kino einen neuen, wenngleich gebrochenen Superhelden: Thomas Mann.

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein

    Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.

    Anmelden

    Sie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren