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Geschichte
09.05.2022

Russlands Seele in "Krieg und Frieden": Was uns Tolstoi heute zu erzählen weiß

Eine der Illustrationen Nikolay Karazins zu einer "Krieg und Frieden"-Ausgabe von 1893 zeigt die Schlacht bei Schöngraben.
Foto: Wikimedia, stock.adobe.com

Während Putin den "Tag des Sieges" am 9. Mai für Propaganda nutzt, wirft Tolstois "Krieg und Frieden" ein anderes Licht auf diese Nation im Kampf. Eine Re-Lektüre.

Natürlich sind da all die Lebens- und Liebesdramen, um Andrej und Natascha, Nikolai und Maja und Pierre. Sie haben gewiss wesentlichen Anteil daran, dass dieser Roman von Leo Tolstoi schon bei Erscheinen vor rund 150 Jahren das Publikum in seinen Bann gezogen hat, dass auch Hollywood starbesetzt mit Audrey Hepburn und Henry Fonda und Anita Ekberg nicht um „Krieg und Frieden“ herumkam, dass Marcel Reich-Ranicki es (neben Dostojewkis „Die Brüder Karamasow“) als eines der beiden Werke nannte, die er zu lesen rate, wenn nur noch Lebenszeit für ein einziges Buch übrig sei.

Aber nicht von ungefähr hatte der Autor seiner (neben „Anna Karenina“) berühmtesten Schöpfung zuerst einen anderen, inhaltlich eigentlich stimmigeren Titel verliehen: „Krieg und Nation“ – denn es geht diesem Erkunder der russischen Seele darin über weite, weniger verfilmbare Teile, genau darum: Was hat sich im existenziellen und durch den Brand Moskaus traumatisierenden, letztlich aber dramatisch siegreichen Kampf gegen Napoleon gezeigt über Russland? Das macht ein Wiederlesen nun, da die Nation gut 200 Jahre nach jenem Krieg wieder gen Westen kämpft so aufschlussreich – und zwar ganz anders als die Propaganda, die Zar Putin nun mit der Verknüpfung zum Zweiten Weltkrieg sucht.

Der Autor Leo Tolstoi auf einer Sowjet-Briefmarke.
Foto: Wikimedia

Politik in Tolstois Werk: Der heilige Zar steht für die heilige Heimat

Nicht, dass sich der autoritäre Präsident der Gegenwart in Tolstois historischem Zar spiegeln würde. Alexanders Wesen zeigt sich nach einem kleinen Sieg seiner Truppen nahe dem deutschen Wischau zu Pferd: „Er beugte sich ein wenig zur Seite, führte mit graziöser Bewegung seiner goldenen Lorgnette an das Auge und betrachtete einen Soldaten, der, mit dem Gesicht auf dem Boden, mit blutigem Kopf, ohne Tschako, dalag. (...) Nikolai sah, wie dem Kaiser ein Schauder über den Körper lief und wie er mit dem linken Fuß das Pferd in die Seite stieß. Aber das gut dressierte Pferd sah sich gleichgültig um und rührte sich nicht. Ein Adjutant, der vom Pferd gestiegen war, fasste den Soldaten unter den Armen, um ihn auf die herbeigebrachte Tragbahre zu heben. ‚Langsamer, langsamer; kann man denn nicht langsamer?‘, sagte der Kaiser, der augenscheinlich mehr litt als der sterbende Soldat, und ritt davon. Rostow sah Tränen in den Augen des Kaisers und hörte, wie er im Weiterreiten auf französisch zu Tschartoryski sagte: ‚Wie schrecklich ist der Krieg, wie schrecklich!‘“

An diesem Kaiser, diesem Zar zeigt sich bei Tolstoi vielmehr, wie das so unendlich weite und unüberschaubar vielgestalte Russland traditionell allein einig ist in mehr als Gehorsam gegenüber der Obrigkeit: in Hingabe, ja Liebe zu der Person, die das Gemeinsame verkörpert und damit Wir-Gefühl vermittelt – Stolz! Und zwar viel besser und umfassender in Zeiten des Krieges als des Friedens, wo innere, soziale Herausforderungen zu meistern wären und allein schon in der Konkurrenz zwischen Moskau und St. Petersburg, aber viel mehr noch in den gegensätzlichen Lebenswelten von Stadt und Land Uneinigkeit herrscht. Der heilige Zar steht für die heilige Heimat, besonders wenn diese bedroht scheint.

So beschreibt Tolstoi in "Krieg und Frieden" Europas Nationen und Kulturen

Das verstärkt sich also durchaus nicht zufällig damals wie heute durch Religiöses. In Oswald Spenglers „Der Untergang des Abendlandes“ gut 50 Jahre nach „Krieg und Frieden“ liegt in diesem Zug des Russischen darin auch die Gefahr, die sie zur größten für den Westen macht. Bei Tolstoi wird das an einer vergleichenden Charakterisierung explizit: „Der Franzose ist selbstbewusst, weil er glaubt, seine Persönlichkeit wirke sowohl durch geistige aber auch körperliche Vorzüge unwiderstehlich und bezaubernd auf Männer und Frauen. ( …) Der Russe ist besonders deswegen selbstbewusst, weil er nichts weiß und auch nichts wissen will, da er nicht an die Möglichkeit glaubt, dass man etwas wissen könne. Aber bei dem Deutschen ist das Selbstbewusstsein schlimmer, hartnäckiger und widerwärtiger als bei allen andern. Der Deutsche bildet sich ein, die Wahrheit zu kennen. Die Wissenschaft, die er sich ausgedacht hat, ist für ihn die absolute Wahrheit.“ Ohne gemeinsame Basis der Weltsicht im Ästhetischen oder im Rationalen bleibt hier also das Religiöse – besonders wirksam in Verbindung mit Nationalem.

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Wenn es indes eine charakterliche Spiegelung Putins gibt in „Krieg und Frieden“, ist es eher Alexanders Widerpart, Napoleon, den Tolstoi so kennzeichnet: „Kein Schrecken über das, was er vollzogen hatte, konnte seine Seele erschüttern. Kühl nahm er die ganze Verantwortung für alle diese Geschehnisse auf sich .“ Aber auch: „Er, der von der Vorsehung für die traurige unfreiwillige Rolle des Völkerhenkers bestimmt war, bildete sich ein, dass der Zweck seiner Handlungen das Wohl der Völker war und dass er imstande gewesen wäre, das Schicksal von Millionen zu beherrschen und durch Gewalt Wohltaten zu spenden.“ Nach dem, was Außenminister Lawrow neulich vom Ziel einer Befreiung bis nach Lissabon posaunte, scheint das umfassend übertragbar. Zentral an Tolstois Charakterisierung ist aber der Begriff der Vorsehung, die Napoleon zum ausführenden Objekt statt zum prägenden Subjekt der Geschichte macht. Gegen alle Historiker, die die Zeitläufte durch vermeintlich bestimmende Einzelfiguren schildern, spricht sich im russischen Romancier eine Weltsicht der vorbedingten Bewegungen aus, deren vermeintliche Zwecke (ob Weltfrieden, Freiheit oder Macht) nie wirklich Ursache, sondern nur Vermittlung eines wiederum nur vermeintlich agierenden Willens sind.

"Krieg und Frieden" wirft die Frage auf: Wie frei ist unser Wille überhaupt?

Herrscher nämlich sind auch keine Vollstrecker irgendeines gemeinsamen Willens: „Die Theorie der Übertragung des Willens der Masse auf historische Persönlichkeiten ist eine Umschreibung.“ Am Beispiel jener im Buch geschilderten Jahre zwischen 1805 uns 1812: „Der wirkliche Grundgedanke der europäischen Ereignisse war die kriegerische Massenbewegung der europäischen Völker von Westen nach Osten und dann von Osten nach Westen.“ Diese Bewegungen und das Handeln der Menschen darin vollführten sich, so Tolstoi, vielmehr notwendig als durch freie Entscheidung – zu begreifen sei umso besser, je mehr man die wechselseitige Beziehung zwischen Ursache und Folge erkenne.

Demnach befänden wir uns heute, nach einer langsamen Bewegung gegen den Osten in den vergangenen gut 30 Jahren, nun wieder bei einer eher schnelleren Bewegung gen Westen. Zu welchem Zweck letztlich? Das könnte allein Gott wissen. So formt sich beim literarischen Philosophen der russischen Seele eine religiöse, fundierte Schicksalsergebenheit: Die Opfer des Krieges sind zu beweinen, aber über dessen Sinn und Unsinn ist nicht zu urteilen – falls es solches überhaupt gibt.

"Nur die Gottheit kann die Richtung der Bewegung der Menschheit angeben"

Westlicher Rationalität läuft solches Denken völlig zuwider. „Nur der Ausdruck der göttlichen Macht steht, unabhängig von der Zeit, in Beziehung zu einer ganzen Reihe von Ereignissen, die sich in einigen Jahren oder Jahrhunderten begeben sollen, und nur die Gottheit kann die Richtung der Bewegung der Menschheit angeben; der Mensch aber arbeitet zur rechten Zeit und nimmt an dem Ereignis teil.“ Tolstois Zar Alexander mag damit über die Zeiten hinweg recht haben: „Wie schrecklich ist der Krieg!“ Aber nur Frieden und Stabilität – das scheint der russischen Seele demnach auf ewig fremd. Eine beim Gefühl der Bedrohtheit in Stolz und Glauben gegen alle Rationalität (general-)mobilisierbare Nation im Ozean der Geschichte.

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