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Gesellschaft
18.01.2022

Ronja von Rönne sucht nach Licht im "scheiß Gelebe" mit Depressionen

Echt jetzt? Dieses Pressefoto extra zum neuen Roman inszeniert die gerade 30 gewordene Ronja von Rönne klischeehaft als Typ trauriges Mädchen.
Foto: Mehran Djojan, dtv

"Ende in Sicht": In Zeiten, in denen Depressionen zunehmen, hat die selbst darunter leidende Jungstar-Autorin einen Roman über die Erkrankung geschrieben. Warum geht das schief?

Eigentlich passt doch alles an diesem Buch. Gerade erst haben neue Studien gezeigt, dass die ohnehin vorhandene Tendenz vor allem unter jungen Menschen zu mehr Depressionen und Suizid in der Corona-Zeit weiter zugenommen hat. Da ist mit Ronja von Rönne nun eine so bildschöne wie gefeierte Jung-Autorin, die selbst, bis hin zum Twittern nach der Selbsteinweisung aus der Psychiatrie, ihr Leiden darunter öffentlich gemacht hat. Und eben diese hat nun einen Roman über die Erkrankung geschrieben, der darum auch gleich überall groß und breit rezipiert wird und damit ja auch zur gesellschaftlichen Sensibilisierung für das Thema beiträgt.

Alles gut also mit „Ende in Sicht“, dem neuen Werk einer Autorin, die, obwohl gerade erst 30 geworden, bereits seit zehn Jahren und ihren als Blog veröffentlichten „Sudelheften“ ein Begriff ist, die bereits beim Bachmann-Preis für Furore gesorgt, erfolgreich einen ersten Roman veröffentlicht hat und als Stimme eines jungen Lebensgefühls gefragte Kolumnistin bei "Zeit" und "Arte" geworden ist? Alle drei aktuellen Indikatoren für das Buch der Stunde jedenfalls scheinen erfüllt: Zuallererst die gesellschaftliche Relevanz, dazu eine möglichst persönlich involvierte, attraktive Autorenschaft (besser -innen!), und zuletzt schon auch: eine starke Geschichte. Ist, was zuletzt Mithu Sanyal mit „Identitti“ für den Migrations- und die non-binäre Antje Ravik Strubel mit „Blaue Frau“ für die Geschlechterdebatte war, nun Ronja von Rönne mit „Ende in Sicht“ für die Depression: literarischer Zeitspiegel und Publikumstüröffner?

"Tschick" + "Identitti": So ein Stoff hat durchaus das Zeug zum Bestseller

Mitunter ist in Reaktionen sogar vom Tabu die Rede, gegen das sie anschreibe – als gehörte die Depression nicht literarisch zum Grundbestand, als wäre sie nicht auch zuletzt Bestsellerstoff gewesen, bei Sally Rooney etwa wie bei Bov Bjerg. Und was die Gesellschaft selbst angeht, steht im Buch selbst über die 15-jährige Juli, die zu Beginn auf einer Autobahnbrücke steht, um sich von dieser in den Tod zu stürzen: „Lange bevor ihr eine müde Schulpsychologin die Diagnose verkündete, wusste Juli, was Depressionen sind. Mental Health war in allen sozialen Netzwerken allgegenwärtig, irgendwie war ja jeder heutzutage mal depressiv und dagegen gab es Apps, Tabletten und ganz, ganz viel Verständnis. Dies war das 21. Jahrhundert, und noch nie hatte Juli, egal wie oft mittelalte Psychotherapeuten und Schulpsychologinnen sie danach gefragt hatten, sich für ihre Diagnose geschämt.“

Worauf es Ronja von Rönne ankommt, folgt vielmehr direkt danach: „Das Problem war ein anderes. Sie wusste sehr wohl, wie Schriftsteller, Künstler, Tik-Toker und Wikipedia Depressionen beschrieben: als würde das Leben plötzlich ‚an Farbe verlieren‘ und der Alltag ‚immer grauer‘ werden. Doch für sie war es viel schlimmer. Es war bunt und leuchtete in allen Farben; nichts war grau, auch an Tagen, die eine solche Einfärbung verdient gehabt hätten. Aber wenn Juli dann abends im Bett lag und versuchte einzuschlafen, waren all diese Farben gleichermaßen schal und deprimierend. Und sie endete immer regelmäßiger damit, dass sie sich in Embryonalstellung zusammenkrümmte und darauf wartete, dass sich die Müdigkeit ihrer schließlich erbarmte. Und weil niemand Schuld trug an ihrem Zustand, zog sie schließlich das für sie einzig logische Fazit: Genauso wenig, wie sie andere für ihren Status quo verantwortlich machen konnte, genauso wenig konnte irgendwer etwas daran ändern.“ Die Autorin versucht also, die Depression als fatale Krankheit samt Panikattacken kenntlich zu machen in Abgrenzung zu den verbreiteten depressiven Verstimmungen, die nach Zuspruch verlangen.

Autorin Ronja von Rönne.
Foto: Mehran Djojan, dtv

Dazu bringt sie ihre Juli mit Hella zusammen, einer abgehalfterten Schlagersängerin, der das Mädchen vors Auto springt und die mit ihren 69 Jahren gerade auf dem Weg in die Schweiz ist, für einen gut organisierten Suizid. Dass das daraus entstehende Road-Movie etwas arg konstruiert und in den zufälligen Wendungen unglaubwürdig wirkt, ist gar nicht das Problem. Denn wer glaubte zum Beispiel schon, was faktisch in Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ passierte? Und in dieser Kategorie, das zeigt Ronja von Rönnes Schreiben vielleicht unwillentlich, sind wir hier: kontrasttypengetriebenes und dadurch unterhaltsames Jugendbuch (mit möglichem All-Age-Anschluss) zu eigentlich ernsten Lebensfragens. Menschen jeden Alters sind wohl auf Julis Seite, wenn Hella mit Belehrungsgefasel anfängt wie: „Das Leben schmeißt man nicht einfach so weg …“ Bis dem Teenager schlicht der Kragen platzt: „Du hast doch selber keine Lust mehr auf dieses scheiß Herumgelebe.“ Das passt also schon alles irgendwie.

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"Ende in Sicht": Das ist das eigentliche Problem dieses Romans

Das Problem ist hier ein anderes, dafür doppelt. Es liegt im Schreiben der Autorin. Das nämlich wackelt erstens stilistisch erheblich, treibt Blüten wie diese: „Wenn Juli ein Reh gewesen wäre, hätte sie diese Grünbrücke sicher dankbar und mit Kusshand überquert. Aber Juli war kein Reh. Und Juli plante keine Überquerung. Ganz im Gegenteil: Juli plante, in wenigen Minuten und mit voller Absicht selbst zu Fallwild zu werden.“ Oder, als sie doch überlebt und blutend auf dem Asphalt liegt: „Es ist ein großes Missverständnis, dass Schock zu Klarheit führt. Juli hatte keinen Moment der Klarheit, stattdessen sah sie die Sterne über sich und wunderte sich über die alten Griechen, die genau wie sie vor Jahrhunderten in einen ähnlichen Himmel gestarrt haben mussten. Im Gegensatz zu Juli allerdings hatten die alten Griechen höchstwahrscheinlich in dem Moment, als sie die blitzenden Himmelslichter bewunderten, nicht voller Selbsthass darüber nachgedacht, warum sie sich nicht von einer höheren Brücke gestürzt hatten, sondern die Astronomie erfunden. Aber Juli war gerade nicht in der Lage eine neue Wissenschaft ins Leben zu rufen …“

Und zweitens schadet solcherlei leichtfüßig und -fertiges Gefasel im Kleinen, kombiniert mit vielen szenischen Klischees von der Autobahntoilette über das Dorffeuerwehrfest bis zum Altenheim auch dem Anliegen des Buches im Großen. Es wirkt letztlich wie das Drehbuch einer Teenie-Komödie, das ein in der Pubertät zwar besonders, für das Menschsein an sich aber existenzielles Thema in launigen Häppchen verabreicht – die Zumutungen von Selbsthass und Sinnleere, Verzweiflung und Lebensüberdruss auf ein homöopathisches Maß herunterwitzelt. Und das seine berührendste Stelle im Nachwort findet, in dem Ronja von Rönne schreibt, es gebe das Buch nicht wegen, sondern es sei „trotz dieser Scheißkrankheit entstanden“: „Und deswegen gilt mein Dank vor allem den Menschen, die mich in dunkleren Zeiten aushalten, mir helfen, mich daran erinnern, dass eine kranke Wahrnehmung der Welt noch lange nicht bedeutet, dass tatsächlich alles so schlimm ist, wie es tut. Meistens ist mein Leben ziemlich schön. Deshalb: Ich danke meinen Eltern, meinen Freunden, meinem Mann. Ihr wisst, wer ihr seid. Und, viel wichtiger: Ihr erinnert mich auch immer wieder daran, wer ich bin, wenn ich es kurzzeitig vergesse.“ Dann folgen die Hilfsadressen: online unter www.deutsche-depressionshilfe.de und Telefon 0800/33344533. Happy End.

Ronja von Rönne: Ende in Sicht. dtv, 256 Seiten, 22 Euro.

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