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Gesellschaft
06.01.2022

Timothée Chalamet und Zendaya: Die neuen Geschlechtertypen?

Eigentlich könnten sie auch die Klamotten tauschen: Zendaya, 25, und Timothée Chalamet, 26 - hier zur Premiere von Dune, in dem sie zusammen gespielt haben.
Foto: Marilla Sicilia, dpa

Ein Mann wie Timothée Chalamet, eine Frau wie Zendaya – die neuen Jungstars in Hollywood werden gleich mal als stilbildende Rollenmodelle gefeiert. Netter Versuch.

Was den Lauf der Geschichte angeht, lässt sich ja immer interessant diskutieren: Waren es nun die Sonderbegabungen einzelner Menschen, die die Entwicklungen bestimmt haben – oder haben die Zeitverhältnisse, die Strukturen eben diese Menschen ermöglicht, ja geradezu erzeugt? Übersetzt auf die Funktionsweisen der Unterhaltungsindustrie hieße das: Zeigt sich in einem neuen Star etwas, was in der Zeit liegt und in Personen nach Ausdruck sucht – oder ist das bloß eine hilfreiche Projektion bei der Erzeugung eines Stars durch die Produzenten?

Die aktuellen Kandidaten dafür in Hollywood heißen Timothée Chalamet und Zendaya. Er: 26, geborener New Yorker, aber auch mit französischem Pass, wird als Rollenbild eines neuen Männertyps gehandelt. Sie: 25, Kalifornierin mit deutsch-schottischen und afro-amerikanischen Wurzeln, wird als das It-Girl der Generation Z gefeiert.

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  • Er: für das Schwulen-Drama „Call Me By Your Name“ als Jüngster jemals für einen Hauptdarsteller-Oscar nominiert und überhaupt in Serie im Kino – vom feineren „Little Women“ bis zum schrillen „French Dispatch“, von Historie in „The King“ bis Zeitgeist in „Lady Bird“, von Drama in „Beautiful Boy“ bis Schabernack in „Don’t Look Up!“.
  • Sie: als Jüngste jemals mit einem Hauptdarstellerinnen-Emmy für die Serie „Euphoria“ ausgezeichnet, mit Tom Holland in Spider-Man nun schon in drei Teilen das Nachwuchs-Erfolgsgespann des Superhelden-Blockerbusterkinos bildend, zudem bereits mit „Malcolm & Marie“ in einem anspruchsvollen Schwarz-Weiß-Kammerspiel überzeugend.
  • Und beide: kürzlich zusammen im Science-Fiction-Großwerk „Dune“ zu sehen und jeweils ikonisch in Szene gesetzt – er auf den Titeln von Times-Magazine und der Vogue, sie in Kampagnen für Bulgari und Lancôme.

Fortsetzungen garantiert. Nicht nur gemeinsam bei zwei weiteren „Dune“-Teilen, sondern in der ganzen Wahrnehmung. Timothée Chalamet aktuell an der Seite von Leonardo DiCaprio im Kino und bald in „Wonka“ in der Nachfolge von Johnny Depp – die auf große Referenzen angelegte Neuinszenierung eines Startypus. Und die auf den bloßen Vornamen reduzierte Marke Zendaya Coleman, die auch schon mit politischen, anti-rassistischen Statements aufgefallen ist und nach einigen mitunter dazu passenden Gastspielen (bei Beyoncé etwa) demnächst wohl auch ihre Bühne als Sängerin bekommen wird.

Das alles ist freilich ganz schön viel für das noch zarte Alter der beiden. Anderseits aber muss man trotzdem fragen: Reicht das? Sind das mehr als nur beachtliche, individuelle Karriereschritte. Zeigt sich speziell in diesen tatsächlich etwas über unsere Gegenwart und die Geschlechterrollen? Denn dramatisch Fahrt angenommen haben in den zurückliegenden Jahren ja auch andere Hollywoodkarrieren: die des eigenwillig körperlichen Adam Driver etwa oder die der feinfühlig selbstbestimmten Saoirse Ronan.

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Timothée Chalamet lädt in seiner sensibel knabenhaften, modisch non-binären, androgynen Erscheinung freilich ein, an ihm die Abkehr von einem alten Männlichkeitsideal ein weiteres Mal verkörperlicht zu sehen. Es lässt sich mit Blick auf seine Löckchen dann ein weiteres Mal auch über toxisches Dominanzgebaren und die fatalen Folgen des Patriarchats sinnieren, nur mal zum Beispiel, wie es eben in der Folge von Artikeln wie der Times dann treu und brav in den Hollywood-angeschlossenen Kulturen geschieht. Dabei ist die Leerstelle, die durch diesen Befund indirekt beschrieben wird, eigentlich viel interessanter. Bald 25 Jahre alt nämlich ist der Trend bereits, der mal als „Metrosexualität“ beschrieben wurde und damit die Ablösung der klassischen Geschlechterrollen in einem Mischbereich erfasste.

Die Laufstege werden spätestens seitdem ohnehin von Männertypen, aber auch von Frauentypen mehrheitlich beschritten, in die Chalamet und Zendaya lückenlos einzufügen wären. Und auf den Bühnen der Popwelt ist es ebenso, man denke an die R&B-Künstlerinnen, die neuen Boygroups, gerade auch aus Korea, aber auch an Erscheinungen wie Daniel Küblböck. Und wie metrosexuell ist Ryan Gosling? Oder Jared Leto?

Wohl ist es bloß Hollywood bislang nicht gelungen, die passenden Gesichter zu finden, die Stars zum Zeitgeist zu formen. Ausgerechnet die Weltfilmwerkstatt, die mit ihren für die teuren Blockbuster-Produktionen zwangsläufig globalen Absatzmärkten doch so auf Stars angewiesen sind – um Investoren zu finden, weil viel Publikum allein wegen der Namen ins Kino geht. Brad Pitt etwa. Oder Leonardo DiCaprio. Warum ist aus keinem im Twilight-Duell Robert Pattinson gegen Taylor Lautner ein solcher geworden? Ragen Chalamet und Zendaya vielleicht auch einfach nur schauspielerisch in der derzeitigen Wahrnehmung ziemlich heraus aus ihrer Generation, für die es eben ein bisschen typischer ist, nicht mehr klassische Geschlechterrollen zu erfüllen – was aber zum Verkauf der Marke doch bitte noch etwas mehr bedeuten muss? Dabei ist doch das Wesentliche für junge Menschen erreicht, wenn sie ihre Rolle gefunden haben, wie junge Stars, wenn sie die guten, die richtigen Rollen für sich finden.

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