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Gesellschaft
31.12.2021

Was ist gerecht? Wie eine 50 Jahre alte Theorie gerade heute hilft

Was bedeutet Klimagerechtigkeit? Und was Impfgerechtigkeit?
Foto: Siewicz/Scholz, dpa

Am Ende eines Jahres der Auseinandersetzungen auch zur Impfung und mit Blick auf umstrittene Zukunftsfragen zu Klima und Wohlstand: Man lese wieder John Rawls!

Was darf der Staat von seinen Bürgerinnen und Bürgern verlangen – und was nicht? Wozu sind diese ihm und der Gemeinschaft gegenüber verpflichtet? Fragen, die etwa bei den aktuellen Debatten um die Impfpflicht im Zentrum stehen.

Was ist ein angemessenes Verhältnis zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und sozialer Verantwortung? Dürfen Spitzenvermögende stärker in die Pflicht genommen werden, um die Unterstützung für Notleidende finanzieren zu können? Fragen, die in Steuerdebatten eine entscheidende Rolle spielen angesichts der wachsenden Schere zwischen arm und reich.

Solidarität einfordern oder auf die Freiheit pochen?

Was soll den Menschen in Deutschland beim Klimaschutz abverlangt werden? Muss das in Relation zu ihrem Anteil am weltweiten CO2-Ausstoß stehen? Inwieweit und von wem sind Länder zur Rechenschaft zu ziehen für Probleme in fernen anderen und zu verpflichten auf Ziele, nur weil sie als global beschrieben werden? Fragen, die im Zentrum von immer dringlicher wirkenden Weltklimakonferenzen stehen, dabei über freiwillige Absichtserklärungen kaum gelöst werden – was wiederum das Rufen der Demonstranten draußen immer noch dringlicher werden lässt.

Es sind alles Fragen der Gerechtigkeit. Die kommt hier eben nicht als ewig großes und mächtig abstraktes Thema der Philosophie daher – sondern welches Verständnis wir davon haben, erweist sich als bewusst oder unbewusst richtungsweisend in der Politik. Was gerecht ist und was nicht, prägt ganz konkret unser Verhalten als Einzelne und als Gesellschaft, unsere Verhältnisse in der Gemeinschaft und in der Welt. Darum hat das Buch von John Rawls bei Erscheinen vor 50 Jahren eine solche Wirkung entfacht – und darum ist es bis heute von Bedeutung: Weil das akademisch daherkommende „Theorie der Gerechtigkeit“ ein unmittelbar verständliches und dabei folgenreiches Prinzip gerade für die Praxis entfaltet. Darüber nachzudenken, würde also Impfpflichtbefürwortern, die unbedingte Solidarität einfordern, ebenso gut zu Gesicht stehen wie Impfpflichtgegnern, die auf ihre Freiheit pochen.

John Rawls im Jahr des Erscheinens der Theorie, fotografiert von seinem Sohn.
Foto: Alec Rawls, Harvard University Press

Der vor 100 Jahren ins gehobene Bildungsbürgertum geborene und dann in Harvard lehrende US-Amerikaner nämlich schlug einen Weg ein, der beides in Rechnung stellt und doch je überbordende Forderungen in die Schranken weist: die Freiheit des Einzelnen und dessen Einbindung in die Gemeinschaft. Und der dabei auch noch beides verband: die klassische Philosophie Immanuel Kants zu einem auf der Würde des Einzelnen basierenden Gesellschaftsvertrages einerseits – mit dem damals zeitgenössischen Utilitarismus, dessen Ziel und Maßstab (nach Jeremy Bentham) war: „das größte Glück der größtmöglichen Anzahl von Menschen“.

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Für Rawls ging das zu leicht über den Einzelnen und über die Unterschiedlichkeit der Menschen hinweg. Hinein in eine womöglich ähnlich aufgeheizte Zeit mit gespaltener Gesellschaft in seiner Heimat mit Vietnamprotesten und Rassismusunruhen stellt Rawls die Gerechtigkeit als Fundamentale fürs Zusammenleben der Menschen in den Mittelpunkt seines Denkens. Kompromisslos etwa darin, dass die Gerechtigkeit dem Guten nicht unter-, sondern vorgeordnet sein müsse: Sie darf also nie als Mittel zum Zweck eines höheren Heils eingesetzt werden, sondern ist selbst Ziel.

Auf der Suche nach Gerechtigkeitsgrundsätzen, die die „Grundstruktur“ einer Gesellschaft bestimmend sein sollen: Für Rawls war Gerechtigkeit eine Frage der Fairness. Diese zu erlangen setzte er, der wie die Aufklärer an den vernunftbegabten Menschen glaubt, an einem „Urzustand“ an: Was kommt dabei heraus, wenn freie und gleiche Menschen über eine Frage entscheiden, die durchaus ihr Eigeninteresse haben, aber nicht wissen, welchen Platz in der einzurichtenden Gesellschaft mit welchen Fähigkeiten sie einnehmen würden? Dieser „Schleier des Nichtwissens“ ist das Entscheidende. Denn ohne zu wissen, welchen Vorteil man selbst hat, stelle sich ein „Überlegungsgleichgewicht“ – man zieht, weil man selbst betroffen sein könnte, auch in Betracht, wie es den prekärsten Teilen der sozialen Skala geht. Leitend wird also nicht die Frage: Was ist das Maximum, das ich für mich herausholen kann? Sondern: Was ist das Minimum, das jedem und jeder zustehen muss? So, meinte Rawls, bliebe eigentlich allen gar nichts anderes übrig, als sich für gerechte Verhältnisse zu entscheiden, die für alle gut sind – für ein faires Miteinander bei Wahrung unhintergehbaren Grundfreiheiten für alle.

Wenn die Grenzen des Wachstums erreicht sind: Wie mit dem Wachstum der Bevölkerung umgehen?

Man kann das auf die Frage des Wohlstands anwenden und erhält damit ein Kriterium. Denn mit dieser Theorie geht es nicht etwa darum, Ungleichheiten glatt zu bügeln oder Spitzen einzuebnen – Rawls setzte nämlich so gar nicht sozialistisch die Dynamik durch die möglichst freie Entfaltung der Unterschiede in der Gesellschaft als etwas Gesundes an. Und er wollte auch nicht auf überbordendes Wohlfahrtssystem hinaus, das die Menschen zu Empfängern staatlicher Leistungen macht und damit womöglich die Selbstachtung untergräbt. Er blieb insofern ein Liberaler – auf der Basis, dass durch die unterschiedliche Vermögensverteilung niemand in seinen Grundfreiheiten beschränkt werden dürfe. Ein selbstverwirklichtes Leben, das jedem offenstehen solle, wäre so zugleich ein moralisches – das, meinte der Philosoph, entspreche auch dem Wesen des sowohl vernunftbegabten wie freiheitsstrebenden Menschen. Rawls schrieb: „Um also unsere Natur zu verwirklichen, haben wir keine andere Möglichkeit als den Plan, unseren Gerechtigkeitssinn als maßgebend für alle unsere Ziele zu bewahren.“

Was aber, wenn man das Prinzip seiner Theorie übersetzt in die Krisenfragen unserer Zeit? Die Schüler des Professors bemühten sich jedenfalls bereits, daraus auch ein über die Gesellschaft hinausgehendes, ein universales Prinzip zu machen, das uns heute in der Klimaproblematik leiten könnte. Das würde bedeuten, dass wir im „Urzustand“ quasi in Betracht ziehen müssten, in Bangladesch zu leben und damit die Verantwortung mitzutragen für die Möglichkeit mit allen grundlegenden Freiheitsrechten – und in diesem natürlich bestenfalls auch diejenigen unserer Nachkommen. Wäre das nicht notwendig? Allerdings fehlen dafür die Institutionen, die es in Rawls Modell für die Gesellschaft ja noch in den jeweils staatlichen und sozialen gibt. Von einer Weltregierung, die hier Maßstäbe der Gerechtigkeit institutionalisieren könnte, fehlt global jedenfalls jede Spur – das mussten die auch beim diesjährigen Weltklimagipfel wieder teils wütend Demonstrierenden einsehen, als dieser mal wieder mit einem Geschacher um Absichtserklärungen endete.

Das Recht auf das notwendige Minimum eines jeden zur Orientierung für alle

Und ein Problem bleibt dabei meist völlig ausgeblendet, auf das Rawls Perspektive aber erst Recht den Blick lenken würde: 2022 ist es 50 Jahre her, dass der Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“ anmahnte – seitdem aber ist die Bevölkerungszahl der Menschen auf der Erde von knapp vier auf bald acht Milliarden gestiegen. Und auch wenn sich das Wachstum, das in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts eine Stagnation bei rund zehn Milliarden erreichen könnte, verlangsamt: Die Stagnation findet ja hauptsächlich dank der wohlhabender Länder statt. Wer also die Teilhabe an den Grundrechten des Lebens weltweit bei klimatischen Zuspitzungen gerecht gestalten will, sieht sich mit einer weiter ungebremst wachsenden Bevölkerung etwa in afrikanischen Ländern wie dem Niger konfrontiert (6,8 Babys pro Frau laut Weltbank). Es entsteht ein Dilemma wie in der Rentenfrage, bei der immer weniger Menschen für das Auskommen von immer mehreren unter der Armutsgrenze sorgen sollen. Für die zunächst gesellschaftsinterne Regelung der durch die Umstellung auf Klimagerechtigkeit entstehenden Unwuchten aber könnte das Modell des US-Philosophen doch helfen …

Und um die geht es ja vor allem bei den Corona-Maßnahmen und der Impflicht. Was würde da die Betrachtung aus dem „Urzustand“ bedeuten? Was wäre gerecht, wenn alle in ihre Überlegungen einzögen, sie wären selbst Teil einer vulnerablen Gruppe? Und was würde es gebieten, wenn die Bewahrung einer möglichst großen Freiheit aller die Maßgabe der Entscheidungen wäre? Was mit John Rawls jedenfalls auch heute noch möglich sein sollte: Verständnis für hier beidseitig betroffene Grundbedürfnisse – und die Rückkopplung der eigenen maximalen Selbstverwirklichung an ein notwendiges in Minimum der gesellschaftlichen Verantwortung.

Falls sich der 2007 gestorbene Philosoph jedenfalls nicht darin getäuscht hat, dass der Mensch ein vernunftbegabtes Wesen ist, fähig zur Differenzierung.

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