Man sieht vom Bartgeier zuallererst den Schatten. Ein schemenhafter Fleck, der da über die Felswände und Schneefelder der Berchtesgadener Alpen zieht. Den Greifvogel selbst entdeckt man erst später über den Graten mit bloßem Auge. Zuerst den schwarzen Punkt in der Ferne, beim Näherkommen viel Orange-Rot, erzählt Biologe Toni Wegscheider. Kein Wunder, der Bartgeier ist der größte von allen. Mit drei Metern misst er sogar einen ganzen Meter mehr Flügelspannweite als der majestätische Steinadler.
Biologe Wegscheider: Bartgeier sei ein Vogel voller Geheimnisse
Was fasziniert außer seiner Größe? Er ist ein Vogel voller Geheimnisse, wie Wegscheider sagt. Warum ein schwarzes Ziegenbärtchen unter seinem Schnabel hängt, weiß die Forschung bislang nicht. Ungeklärt auch, warum er seine weiße Brust in rotem Schlamm badet. Andere Mythen haben den Bartgeier in den Alpen sein Leben gekostet. Dass er die Lämmer aus den Herden und die Kinder von den Almen holt, erzählten sich die Bergbauern. Man nannte ihn Lämmergeier und rottete ihn aus. 1879 wurde der letzte Bartgeier auf deutschem Boden erlegt, unweit von Berchtesgaden war das.
Die Zeiten haben sich geändert, der Bartgeier soll in die Alpen zurückkehren. Dafür wird er europaweit gezüchtet und vielerorts ausgewildert. Seit ein paar Jahren macht ausgerechnet der Nationalpark Berchtesgaden als einziger in Deutschland mit. Jedes Jahr tragen sie dort zwei junge Geier in Kisten ins Gebirge. Ob die Greifvögel in Bayern Fuß fassen, wird sich in ein paar Jahren zeigen. Ist es das wert? Und wie misst man das? Auf Geierschau in den Ostalpen.
An einem Aprilmorgen zieht die Seilbahn Besucher verlässlich auf den Jenner in den Berchtesgadener Alpen. Vorbei an den braunen Hängen, wo die Murmeltiere bald aus den Löchern lugen. Oben bei der Bergstation auf 1800 Meter Höhe liegt noch Schnee, viel Schnee. Aber die Frühjahrssonne wird den Winter wegschmelzen. Hier, über den Gipfeln vom Hohen Brett und dem Schneibstein, im Herzen des Nationalparks Berchtesgaden, liegt es also: das Reich der Bartgeier. Sie heißen Sisi und Nepomuk, Bavaria und Vinzenz. Insgesamt neun von ihnen leben hier. Der Nationalpark und der Landesbund für Vogelschutz (LBV) haben sie unweit vom Jenner, im Klausbachtal, schrittweise ausgewildert.
Wenn man Bartgeier sehen will, muss man die Grate absuchen
Die Bartgeier haben eines gemeinsam mit Toni Wegscheider, der so etwas wie der Bartgeier-Beauftragte für den LBV ist: In den Bergen fühlen sie sich am wohlsten. Die Geier lieben das felsige Gebiet oberhalb der Waldgrenze, weil dort Steinböcke leben, eine wichtige Nahrungsquelle. Am liebsten kreisen sie in den warmen Luftsäulen, die von den Bergen aufsteigen. Knapp oberhalb der Grate ist das am stärksten. Wenn man einen Bartgeier sehen will, muss man also die Grate absuchen, erklärt Toni Wegscheider. An diesem Apriltag heißt es, Ausschau halten nach Wiggerl und Generl. Laut ihren GPS-Daten sollen sie sich gerade hier herumtreiben.
Blaue Kappe, Sportbrille, Spektiv über der Schulter, Feldstecher um den Hals, stapft Toni Wegscheider durch den zertretenen Schnee vor der Bergstation der Seilbahn. Typ Naturbursche, dieser Wegscheider. Auf der Aussichtsplattform der Jenneralm schießen Touristinnen in Jeans und Sneakers ein paar Selfies. Alpendohlen stürzen sich laut rufend auf mögliche Pommesreste. Andere Besucher blinzeln von Liegestühlen aus in die Aprilsonne und nippen an einem Hellen. Ein Skitourengeher bremst die Ski neben Toni ab, der jetzt mit dem Feldstecher die Grate abwandert. „Schaut’s nach einer Gams?“, fragt er und braucht ein paar Anläufe, bis die Skistöcke im weichen Schnee feststecken. „Nein, nach Bartgeiern“, sagt Toni Wegscheider freundlich, „Augen auf, wenn das größte vorbeifliegt, was vorbeifliegen kann, habt’s einen.“ Der Tourgeher wendet den Blick ebenfalls Richtung Bergspitzen. „Ach, stimmt, das hab ich in der Zeitung gelesen.“
In aller Ruhe baut Toni Wegscheider auf der Aussichtsplattform sein Spektiv auf. Der Biologe ist im Berchtesgadener Land aufgewachsen. Auf jedem Gipfel hier war er schon oben. Im Unterschied zu ihm ist der Bartgeier mit der Region noch nicht vertraut. Der Greifvogel ist ein Rückkehrer, nach etwa 150 Jahren, die er hier als ausgerottet galt. Man hielt ihn vermutlich wegen der Schafwolle, die der Bartgeier in seinem Horst verwebte, für einen Schafjäger. Später galt er als nutzlos, selbst der LBV verkaufte in den 1910er Jahren Greifvogelfallen.
Mit einem europaweiten Zucht- und Auswilderungsprogramm unter Leitung der Vulture Conservation Foundation soll der Bartgeier in die Alpen zurückkehren. 260 Tiere von Frankreich bis Österreich haben Partner der Organisation seit den 1980er Jahren schon ausgewildert. Erfolgreich waren sie damit besonders in den Zentral- und Westalpen. Dort vermehren sich die Bartgeier selbstständig, 500 von ihnen soll es insgesamt schon geben. In den Ostalpen hingegen stagniert die Population. Warum, ist nicht ganz geklärt. Ein Drittel der Geier stirbt in den Alpen an Bleivergiftungen, weil Geier die Knochen von angeschossenem und verendetem Wild fressen. Damit die Population in den Ostalpen wächst, muss ein neuer Hotspot her. Hier erwies sich der Nationalpark Berchtesgaden als besonders geeignet.
Zwei junge Bartgeier werde jährlich in Berchtesgaden ausgewildert
Jeweils zwei Jungvögel pro Jahr werden seit 2021 vom Team des LBV und Nationalparks in eine Auswilderungsnische ins Klausbachtal gebracht. Zuerst werden sie gefüttert, nach ein paar Wochen erkunden sie selbstständig die Umgebung. Nach ein paar Monaten kehren sie nicht mehr zurück in den künstlichen Horst. Einige Jahre später werden sie selbst brüten, so die Erwartung.
Naturschützer konnten in den Alpen in den vergangenen Jahren Erfolge vermelden. Einige Tierarten kehrten zurück oder erholten sich dank Auswilderungsprogrammen, bekannte Beispiele sind die Luchse im Bayerischen Wald oder die Braunbären im italienischen Trentino. Andere Arten wanderten wieder ein, weil sie nicht mehr bejagt und strenger geschützt wurden. Wie Wolf und Biber. Nicht alle dieser Arten werden dabei mit offenen Armen empfangen. Im Gegensatz zu Wolf oder Biber ist der Bartgeier ein willkommener Rückkehrer. Toni Wegscheider nennt ihn sogar ein „Wohlfühlprojekt“. Und das trotz des ganzen Aufwands, der um ihn gemacht wird. Warum ist das so? Dazu später mehr.
Erstmals wandert Toni Wegscheiders Blicke die Grate ab. Berufskrankheit, wie er mit einem Lachen sagt. Jetzt muss er aber unterbrechen und den Feldstecher zücken. Da drüben, über dem Gipfel des Schneibsteins, kreist ein Vogel. Zu klein aber für einen Bartgeier, sagt Toni Wegscheider. Ein Bussard, ein Kolkrabe? Der Biologe gibt Entwarnung: eine Rohrweihe. „Die ist wohl auf der Durchreise in den Norden. Vielleicht zum Chiemsee, nach Lüneburg oder bis nach Schweden“, sagt er. Wer weiß.
Anders als in der freien Natur im Nationalpark Berchtesgaden sind die Bartgeier vom Alpenzoo Innsbruck in ihrer Voliere einfach zu entdecken. Gerade sitzen sie auf einem Holzplateau und schauen missmutig. Man kann die Tiere aus einer Felslücke genau beobachten, die Größe und die prächtige rostrote Brust. Sie heißen Romeo und Juliet, beide sind zwölf Jahre alt, für Bartgeier, die in Gefangenschaft bis zu 40 Jahre leben, ist das jung. Beide Greifvögel sind dem Bartgeier-Zuchtprogramm entsprechende echte Europäer: Er stammt aus dem tschechischen Zoo Chomutov, sie aus der Zuchtstation Vallcalent in Spanien.
Bevor sie ausgewildert werden, wird das Leben der Bartgeier geplant, bemessen und dokumentiert. Hier zeigt sich auch der immense Aufwand, der für das Überleben dieser Art betrieben wird. Es beginnt in 40 Zoos und Zuchtstationen in ganz Europa, von Nürnberg bis Helsinki. Dort werden stabile Reservepopulationen gezüchtet. Die Koordinatoren des europäischen Zuchterhaltungsprogramms kennen jeden Jungvogel und sein genetisches Profil in diesem Netz. Sie entscheiden, in welcher Region das Tier ausgewildert wird oder ob es in der Zucht bleibt.
Im Alpenzoo Innsbruck wachsen die wilden Bartgeier der Zukunft heran
Der Alpenzoo Innsbruck ist eine dieser Bartgeier-Zuchtstationen. Und was für einer: Der Bartgeier prangt in seinem Logo und im Zooshop werden Plüschtier-Versionen feilgeboten. Er ist das Aushängeschild dieses Zoos, der sich da an die Hänge unter der Nordkette schmiegt und einen großzügigen Blick auf Innsbruck gewährt. Der Alpenzoo war einer der ersten Zoos der Welt, der Bartgeier regelmäßig gezüchtet hat und legte damit den Grundstein für ihre Wiederansiedlung in den Alpen. Viele Bartgeier aus Innsbruck oder deren Nachkommen fliegen heute durch die Gebirgsketten. Oder brüten Küken für die Geier-Generation der Zukunft aus.
An der Bartgeiervoliere steht Juliane Pokorny, Vogelkuratorin des Alpenzoos. Am liebsten sind ihr zwar die Waldrappen, sagt sie mit einem Lachen, kuriose schwarze Vögel mit zerrupften Frisuren und nackter Stirn. Aber auch für die Bartgeier hat die Zoologin was übrig. Dass Romeo und Juliet so missmutig schauen, liegt nicht nur an der strengen Gesichtszeichnung der Tiere. Juliane Pokorny deutet auf eine Felsnische am hinteren Ende der Voliere. In einer Staubwolke stehen zwei Pflegerinnen und reinigen den Horst des Geierpaares. „Sie sind nicht begeistert, dass jemand in ihrem Horst steht“, sagt sie. Gelegentlich tönt ein hoher Ton, wie ein Pfeifen. Die Bartgeier lassen ihrem Missmut freien Lauf.
Ein Auswilderungsprojekt wie das der Bartgeier ist auf lange Zeit angelegt, erklärt Pokorny. Bartgeier werden erst mit etwa acht Jahren geschlechtsreif. Hinzu kommt, dass in der Wildnis maximal ein Jungvogel pro Saison und pro Paar aufwächst. Die Population entwickelt sich darum nur schleichend. Man benötigt Zeit. Und Geduld. Und vor allem die Menschen mit ihren Zuchtbemühungen.
Wie kompliziert das manchmal ist, zeigen die jüngsten Erfahrungen mit Romeo und Juliet im Alpenzoo. Zweimal hat das Geierpaar schon gebrütet, beide Male wurden die Jungvögel ausgewildert. Einer davon, Geierdame Sisi, saust heute sogar durch die Berchtesgadener Alpen. Dieses Jahr hatte das Paar wie im Vorjahr keinen Bruterfolg. Das Ei zerbrach. „Wir wissen nicht, warum das passiert ist“, sagt Juliane Pokorny. Der Horst ist videoüberwacht, doch plötzlich lag da das beschädigte Ei. Das Zoo-Team zögerte nicht lange: Ein angewärmtes Kunstei musste schnell her. Eine Tierpflegerin legte es schleunigst in den Horst. Dieses Mal ging alles gut und zehn Minuten später saß das Weibchen auf dem Ei.
Im gesamten Alpenbogen wollen sie Bartgeier ansiedeln
Das ist wichtig, damit das Bartgeierpaar in Brutstimmung bleibt. Wenn nötig, hätten Romeo und Juliet sich als Ammeneltern um ein Bartgeierküken aus einem anderen Zoo kümmern können. Ammeneltern spielen eine wichtige Rolle in dem Zuchterhaltungsprogramm. Denn Bartgeier legen zwar zwei Eier, aber nur ein Küken überlebt. Das Stärkere drangsaliert sein Geschwisterchen so lange, bis dieses stirbt. Damit auch das zweite Junge aufkommt, wird in Zoos das zweite Ei an Ammeneltern weitergegeben. In dieser Saison mussten Romeo und Juliet aber doch kein Pflegekind übernehmen. Die Brutsaison ist vorüber, jetzt muss der Horst geputzt werden.
Juliet spreizt kurz ihre Flügel, dann fliegt sie los. Einmal quer durch die Voliere, der große Schatten zieht mit. Sie landet auf einem Stein am anderen Ende. Die Pflegerinnen haben die Voliere verlassen, Juliet trippelt ihnen ein paar Schritte am Gitter entlang hinterher. Der Horst ist sauber und Ruhe kehrt ein in der Voliere.
Wenn die Koordinatoren des europäischen Zuchterhaltungsprogramms einen Jungvogel für die Auswilderung festlegen, ist die Arbeit von Juliane Pokorny und dem Team vom Alpenzoo getan. Die Wildnis ist jemand anderes Gebiet. Zeit, die Greifvögel dann loszulassen.
In der Wildnis fängt die Arbeit von Toni Wegscheider an. Zurück nach Berchtesgaden also, wo der Biologe weiter die Grate mit seinem Feldstecher absucht. Innsbruckerin Sisi saust laut GPS-Daten heute ganz woanders herum. Besonders in den ersten Jahren erkunden die Bartgeier gerne die Welt und legen dabei hunderte von Kilometern zurück. Aber nicht alle: Jeder Bartgeier ist ein ganz eigener Charakter, wie Toni Wegscheider erzählt. Es gibt gemütliche und unternehmungslustige. „Bartgeier sind auch nur Menschen, sag’ ich immer.“ Sisi und Dagmar sind Vielflieger. Nepomuk nennen sie den Rastlosen, er war sogar schon in der Lombardei. „Generl ist unser treuester Vogel. Sie fliegt von Anfang an nur durch den Nationalpark.“ Erst, wenn die Bartgeier ihre jugendlichen Wanderjahre hinter sich haben, lassen sie sich nieder. Drei Viertel der Bartgeier kehren in die Heimat zurück, ein Viertel bleibt in der Fremde. Zum Beispiel Recka: Die frühreife Geierdame hat einen Partner in den Hohen Tauern gefunden und baut schon an einem Horst. Sobald es die Natur zulässt, in ein paar Jahren, wird sie dort hoffentlich brüten. Ein Meilenstein wäre das für die Berchtesgadener Population.
Der Bartgeier kommt in der Öffentlichkeit gut an
Auf der Aussichtsplattform auf der Jenneralm nähern sich zwei junge Frauen in Leggings, Steppjacke und Sonnenbrille mit Leopardenmuster. „Darf ich fragen, was Sie da beobachten?“, fragt eine von ihnen Toni Wegscheider zaghaft. Wegscheider wechselt sofort in den Naturpädagogen-Modus und lächelt. „Bartgeier. Das sind wunderschöne, riesengroße Vögel. Die größten in Mitteleuropa. Sie wurden von uns ausgesiedelt.“ Er öffnet seinen Rucksack und zieht ein Foto eines segelnden Bartgeiers heraus. „In dem Bereich da drüben ist ein Hotspot. Da reißen Lawinen die Gämse mit und Bartgeiern fressen die Knochen der Kadaver“, sagt er und zeigt auf einen Hang, „in jeder dritten Lawine ist eine Gams drin.“ Toni Wegscheider hat noch mehr in seinem Rucksack. Da, eine Bartgeierfeder. Er reicht sie einer der Frauen: „Wir waren hier 140 Jahre ohne Bartgeier. Wir machen noch ein paar Jahre weiter, bis wir eine Population haben.“ „Sind Sie denen schon mal nähergekommen?“, fragt die Frau mit der Leo-Brille ehrfürchtig und Toni Wegscheider ruft: „Nähergekommen? Wir betreuen die!“
Nachdem die Frauen sich bedankt haben und weitergezogen sind, widmet Toni Wegscheider sich wieder den Felsen und Hängen. Öffentlichkeitsarbeit ist ein wichtiger Bestandteil des Auswilderungsprojekts im Nationalpark Berchtesgaden, erzählt er. „Wir arbeiten nicht im Elfenbeinturm, sondern fahren einen extrem offensiven Ansatz, die Öffentlichkeit einzubinden.“ Heißt: Es gibt Festakte, wenn ein Geier freigelassen wird, Webcams aus der Auswilderungsnische, Pressearbeit, GPS-Daten im Internet mit den Flugrouten jedes einzelnen Bartgeiers. „All das hat dazu geführt, dass wir das prominenteste Auswilderungsprojekt in Deutschland sind, obwohl wir auswildern wie alle anderen“, sagt Wegscheider. „Ich würde sogar so weit gehen und sagen: Dass man den Bartgeier in Deutschland überhaupt kennt, ist uns zu verdanken.“
Dabei genießt der Bartgeier in den Alpen längst einen guten Ruf. Vorbei die Zeiten, wo man ihm als Lämmergeier nachstellte. Viele Touristen und Skitourengeher schicken dem LBV Fotos von Sichtungen und verfolgen das Projekt mit. Und trotzdem gibt es sie, die kritischen Stimmen, die dem Bartgeier sein neues Umfeld madig machen wollen. „Die maulen dann, dass das ja so viel kostet“, sagt Toni Wegscheid. 100.000 Euro rechnet Toni Wegscheider grob, kostet ein Bartgeier vom Ei bis zum wilden Vogel. Auch das sei eben Teil der Öffentlichkeitsarbeit: Den Menschen zu erklären, warum es den Bartgeier in Berchtesgaden braucht.
Wie lässt sich der Wert einer Tierart messen? Toni Wegscheider kennt viele Argumente für den Bartgeier. Er kennt sie, um auch die Förderer des Greifvogels zu überzeugen, etwa das bayerische Umweltministerium und damit die Bevölkerung. Denn am Ende sind es Steuermittel, die in die Auswilderung der Bartgeier fließen.
Den Bartgeier zu schützen, hilft auch anderen Arten
Wegscheider holt also aus. Zuallererst, das ökologische Argument: Bartgeier halten die Almen und Berge sauber von Kadavern. Sie ernähren sich außer im Küken-Alter von Knochen. Knochen, so lang wie ein Unterarm kann der Bartgeier schlucken, einfach so. Mit seiner scharfen Magensäure verdaut er alles, bis auf Hufe und Haare. Toni Wegscheider sagt: „Den Gang durch diesen Magen überlebt kein Milzbrand und keine Infektion.“ Almwirte könnten es sich getrost sparen, totes Almvieh abzutransportieren. Im Gegenteil, den Geier freut’s.
Vom Bartgeierschutz profitieren aber auch andere. Umbrella-Species nennt man eine Art, unter deren Schutzschirm weitere Tierarten schlüpfen, erklärt Wegscheider. Wenn Jäger lieber auf bleifreie Munition setzen, um den Bartgeier zu schonen, schont auch andere Aasfresser wie den Rotmilan. Mehr Aas in den Bergen schmeckt wiederum Insekten und auch die Meise bedient sich an dem Fell der Kadaver für ihr Nest. Der seltene Mauerläufer, ein Singvogel, pickt hingegen die Fliegen aus dem Aas. Alles ist mit allem verflochten. Einen einzelnen Singvogel würde die breite Öffentlichkeit aber nicht so aufwendig schützen wollen. Toni Wegscheider sagt: „Den Bartgeier schon. Schau dir das Vieh an, allein die Größe!“
Auch der Region kommt der Bartgeier zugute, findet Wegscheider. Er zieht naturliebende Touristinnen und Touristen an, Ranger können Geierbeobachtungen und Fototouren im Nationalpark anbieten. Einen seltenen Bartgeier zu sehen, gilt als Gütesiegel. Denn er lebe nur dort, wo die Natur intakt ist. „Das kannst du den Leuten nahebringen.“
Toni Wegscheider hat aber noch seine eigene Überzeugung. Der fehlende Bartgeier war eine Leerstelle für ihn. Er sagt: „Der Bartgeier gehört hierher. Es war unnatürlich, dass er hier nicht vorgekommen ist.“ Zuallererst ist Wegscheider nämlich ein Freund dieser Berge. Da steht er mit dem Feldstecher, und hat nun wieder einen kreisenden Vogel entdeckt, wieder über dem Schneibstein. „Wir sind schuld an seinem Verschwinden, wir schulden es ihm, dass wir ihn zurückbringen“, sagt er und schaut hinüber in die Hänge. Einen Bartgeier kreisen zu sehen, ist für ihn eine Genugtuung.
Die Arbeit ist getan, sobald sich die Bartgeier in Berchtesgaden selbst vermehren
Beim kreisenden Vogel am Schneibstein scheint es sich aber wieder nicht um einen Bartgeier zu handeln. Das sieht Wegscheider mit dem bloßen Auge. Der hier flattert zu viel. Bartgeier fliegen ruhiger, sie gleiten, wie er erklärt. Und können trotzdem bis zu 180 Stundenkilometer schnell werden. Ein Blick durchs Spektiv bestätigt Wegscheiders Vermutung: Es ist ein Mäusebussard.
Bald in diesem Jahr muss Toni Wegscheider wieder ausrücken. Wenn es gilt, die nächsten zwei Jungvögel in Steigen in die Auswilderungsnische im Klausbachtal zu tragen. Und der Kreislauf von vorn beginnt. In ein bis zwei Jahren werden die ersten Bartgeier im Nationalpark Berchtesgaden geschlechtsreif. Die Hoffnung ist groß, dass erstmals seit Langem in Deutschland Küken in der Wildnis geboren werden. Die werden dann hoffentlich auch eine Tages für Nachwuchs sorgen. Wenn es so weit ist, werden sich Toni Wegscheider, der LBV und der Nationalpark Berchtesgaden zurücknehmen. Der Natur ihren Lauf lassen. Vielleicht macht man dann im Friaul oder in Slowenien weiter. Bis in den gesamten Alpen Bartgeier herumsausen und das ganz ohne menschliche Hilfe. Aber bis dahin, sagt Toni Wegscheider, muss man eben nachhelfen. Der Mensch schuldet es diesem riesigen Greifvogel.
Zeit, die GPS-Daten von Generl und Wiggerl zu studieren. Toni Wegscheid tippt am Handy, ruft die Webseite des LBV auf. Gibt’s ja nicht, Wiggerl kreist am Großglockner, Generl hat sich in Richtung Tirol in die Leoganger Steinberge davongemacht. „Seit Monaten war Generl immer hier am Jenner, es ist das erste Mal seit Langem, dass sie wegfliegt!“, ruft Toni Wegscheider. Aber so ist das nun mal. „Wildtiere sind unabwägbar. Das macht es ja aus“, sagt er mit einem Grinsen. Spektiv und Feldstecher kann er getrost einpacken. Und auch das bloße Auge wird heute keinen Schatten an der Felswand entdecken. Zeit, den Jenner und den Nationalpark zu verlassen. Aber die Bartgeier bleiben. Hoffentlich.
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