Pro: „Tatort“ ist ein Sonntagabend mit guten alten Bekannten
Nun gut, dieses Mal ist sie ein wenig lang, die „Tatort“-Sommerpause; und ein wenig früh beginnt sie auch. Aber das heißt ja nicht, dass wir ganz verzichten müssen. Bis zum 13. September gibt es zwar keine neue Folge aus Münster, Köln oder Stuttgart, dafür ein Best-of mit Thiel und Boerne, Ballauf und Schenk, Lammert und Boos und einigen mehr.
Macht gar nichts, denn jetzt mal ehrlich: Oft genug sitzt man doch spätestens um 20.20 Uhr da und überlegt, ob man die Folge schon gesehen hat oder nicht. Vage Déjà-vu-Momente, die keinen Anker finden in den Weiten des Gedächtnisses. „Das Gedächtnis ist ein Sieb“, weiß der Volksmund und Friedrich Nietzsche sah darin sogar Gutes: „Der Vorteil des schlechten Gedächtnisses ist, dass man dieselben guten Dinge mehrere Male zum ersten Mal genießt!“ Es hat also durchaus etwas für sich, wenn man zum Wiederholungstäter wird. Mal ganz abgesehen davon, dass man sich Meisterhaftes wie Lars Eidinger als psychopathischen Frauenmörder („Borowski und der gute Mensch“ am 7. Juni) ohnehin mit Gewinn mehrmals anschauen kann.
Aber dem echten „Tatort“-Fan geht es ohnehin nicht nur einfach um irgendeinen guten Krimi. Für den ist „Tatort“ Kult, der feiert ein Ritual, verbringt den Sonntagabend regelmäßig mit guten alten Bekannten: den flachsenden Münsteranern oder der toughen Charlotte Lindholm, dem abgründigen Peter Faber.
Da mag der Thrill vielleicht manchmal auf der Strecke bleiben, wenn man die ein oder andere Folge nun wiedersieht. Das Wohlgefühl allerdings nicht. Deshalb ist es mit dem „Tatort“ wie mit dem guten Eintopf: Aufwärmen schadet ihm gar nicht, oft schmeckt er sogar noch besser. (Birgit Müller-Bardorff)
Contra: Das Zuschauerleben ist zu kurz für alte „Tatort“-Folgen
Also was gibt es Langweiligeres, als einen Mord aufzuklären, dessen Lösung man schon kennt? Selbst wenn der Mörder nicht immer der Gärtner war, man muss schon ein sehr großer „Tatort“-Fan sein, um sich all die alten Folgen der Krimi-Serie während der 19-wöchigen Sommerpause bis September noch mal reinzuziehen. Oder eine ziemlich eingesessene Couch-Potato: Es gibt sie ja, diese Familienrituale: Sonntag, 20.15 Uhr, Nüsschen, Bierchen – und a scheene Leich‘ dazu. Wer damit nicht brechen will, muss nehmen, was halt so kommt.
Aber nicht doch, bevor man selbst den Serientod im Fernseh-Sessel stirbt, das Zuschauerleben ist zu kurz für alte „Tatort“-Folgen. Zumal die ausgewählten Sendungen zum Teil wirklich olle Kamellen sind. Da muss die Wiedersehensfreude mit längst abgelösten Ermittlern schon sehr groß sein, um noch mal einzuschalten.
Nein, nein, der Schimanski wurde nicht wiederbelebt, doch die älteste Folge, die zunächst bis Ende Juni zu sehen sein wird, nämlich „Borowski und der gute Mensch“, hat immerhin fünf Jahre auf dem Buckel; und Borowski seinen Job wohlverdient und auch -behalten längst an den Nagel gehängt.
Grundsätzlich gilt: „Tatort“-Folgen haben nichts mit Rotwein gemeinsam, sie müssen nicht lagern, um besser zu werden. Während man also die längst gelösten Kriminalfälle von gestern schaut, verpasst man jede Menge Neues von heute. Die aktuell gehypte Netflix-Serie, die spannende Dokumentation, den Film, den man im Kino verpasst hat und der nun endlich im Fernsehen zu sehen ist. Prioritäten müssen gesetzt werden …
Am besten aber doch: die Glotze auslassen, rausgehen und einen mörderisch guten Sommer erleben. (Doris Wegner)
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