Eigentlich klingt „Trink aus! Wir müssen gehen“ gar nicht wie ein Abschiedsalbum. „Es ist unfassbar, wir sind so gut ins Schuss“, heißt es gleich im ersten Song. Warum ist für die Toten Hosen dennoch der Zeitpunkt gekommen, aufzuhören?
CAMPINO: Es ist ein Bauchgefühl, das gar nicht so leicht zu beschreiben ist. Etwas, das über die Jahre gereift ist. Wir wussten immer, dass „Laune der Natur“ nicht unsere letzte Scheibe sein würde. Aber die Überlegung, wie unsere Zukunft vielleicht aussieht, kam immer wieder mal hoch. Dann redeten wir ein wenig darüber und schoben das Thema erstmal wieder weg. Auch die Medien fragen uns seit mindestens 25 Jahren, wie lange wir das noch machen wollen. Insofern kamen wir an der Frage nicht vorbei. Das Motto „Trink aus, wir müssen gehen!“ war schnell im Raum. Der Entschluss, sich jetzt Schritt für Schritt zu verabschieden, ist weder mit Euphorie noch mit Erleichterung verbunden, jede Menge Wehmut ist dabei. Aber sie wird überstrahlt von dem Gefühl, dass es die richtige Entscheidung ist.
Also waren sich alle in der Band einig?
CAMPINO: Es haben nicht alle fröhlich gerufen: Super! Wir haben darüber gesprochen und es gab natürlich verschiedene Standpunkte. Aber am Ende war es eine Gemeinschaftsentscheidung. Die Frage, wann der Moment gekommen ist, sich vom Acker zu machen, ist schwer zu beantworten. Ich persönlich finde es besser, lieber etwas zu früh zu gehen als zu spät. Aber das kann jeder anders sehen. Wir haben definitiv beschlossen, dass wir im Herbst die allerletzten Konzerte in Südamerika spielen und uns dann schrittweise zurückziehen. Das Ende der Live-Tätigkeiten haben wir uns noch nicht final gesetzt. Wir träumen immer noch von einer Unplugged-Tour, die wir eigentlich in der Coronazeit unternehmen wollten. Aber ich weiß überhaupt nicht, ob das noch stattfinden wird.
Ihr Album ist ein kraftvolles Statement, ein überaus würdiger Abschluss.
CAMPINO: Es wäre ja schade, wenn ausgerechnet unser letztes Album schwach wirken würde. Schön, dass es sich nicht so anhört, als hätten wir keine Kraft mehr. Die Idee war, mit Vollgas über die Ziellinie zu brettern. So, dass alle hoffentlich sagen: „Mensch, wie schade!“ Wir haben auch bei den Liedtexten versucht, eine Dringlichkeit herzustellen.
Im hymnischen „Was früher einmal war“ drehen Sie die Zeit zurück: „Es war so viel Feuer drin, es ist alles viel zu schnell verbrannt … Es ist auch gut, dass es vorbei ist“. Haben Sie sich immer selbst viel Druck gemacht?
CAMPINO: Es fällt mir schwer, das zu bestätigen oder zu dementieren, weil ich nicht weiß, wie das bei anderen Bands läuft. Wir waren schon von großem Ehrgeiz getrieben und haben die eigene Messlatte hochgelegt. Manche Entscheidungen fielen uns nicht leicht.
In dem punkigen Song „Schlechte Nachbarn“ geht es um rechtspopulistische oder rechtsextreme Gemeinschaften. Warum fühlen sich gerade junge Menschen davon angezogen?
CAMPINO: Ich glaube, das hat leider sehr viel mit Social Media zu tun. Und dort haben sich die Rechtsextremen inklusive der AfD von Anfang an einen riesigen Vorsprung gegenüber den klassischen Parteien erarbeitet. Hinzu kommt, dass skandalöse Meldungen, reißerische Parolen und übertriebene Aussagen viel häufiger angeklickt werden als nüchterne Berichte. Jemand, der sachlich bleiben will, hat da keine Chance. Auch bei Zeitungen wird auf Klicks geachtet, das ist ein gefährlicher Kreislauf. Der Versuchung, Artikel nur zu bringen, weil man weiß, dass sie viel angeklickt werden, ist schwer zu widerstehen. Das hat viel mit Verantwortung zu tun. Leider gibt es im Netz viele Plattformen, denen das egal ist. Und da werden die Leute abgefangen. Die AfD hat es wunderbar verstanden, sich das Gewand des Rebellen umzuhängen, der gegen das Establishment antritt. Das ist der größte Quatsch überhaupt, aber es funktioniert wie beim Rattenfänger von Hameln.
Auf TikTok inszenieren sich immer mehr Jugendliche mit Codes und Symbolen, die aus der rechten oder rechtsextremen Szene stammen. Ist das ein vorübergehender Trend oder sieht so die Zukunft unserer Gesellschaft aus?
CAMPINO: In vielen Ländern glauben Rechtsextreme zurzeit, das Momentum in der Hand zu haben. Es kann sein, dass wir Menschen erstmal wieder vor die Wand fahren müssen, bevor wir zur Besinnung kommen. Ich möchte diesen Punkt nicht erleben, und deshalb würde ich mich als Bürger dieses Landes jeden Tag hier einsetzen im Rahmen meiner Möglichkeiten. Ich lebe in Nordrhein-Westfalen. Wir sind das Bundesland mit den meisten Menschen aus aller Welt, die hier jetzt ihre Heimat haben. Im Verhältnis haben wir in NRW noch die geringsten AfD-Wähler und Rechtsextremen. Da, wo die Praxis zeigt, dass man miteinander auskommen kann, ist das Problem nicht so heftig wie in Gegenden, wo weniger Zugezogene und Menschen mit migrantischen Wurzeln leben. Das macht mir ein wenig Hoffnung.
„Ohne Immigration würde in diesem Land kein einziges Krankenhaus mehr funktionieren“
Sie singen auch ein Lied für alle, die Haltung und Courage zeigen und nicht einfach nur spalten.
CAMPINO: Es gibt unglaublich viele engagierte Menschen in unserer Gesellschaft, die dagegenhalten und sich für das Gemeinwohl einsetzen. Sie reden nicht darüber und werden deswegen vielleicht oft übersehen. Aus diesem Grund haben wir das Lied „Kein Blatt zwischen uns“ geschrieben. Ein Versuch, Dank auszusprechen. Ich glaube, dass in Deutschland ganz viel richtig läuft, aber wir haben diese komische Eigenschaft, uns oft nur auf das Negative zu konzentrieren. Unser Umgang mit Immigration ist – bei all den vorhandenen Problemen – alles in allem ein großer Erfolg. Aber das wird kaum benannt, und deshalb haben viele Bürger ein falsches Bild von der Situation. Ohne Immigration würde in diesem Land kein einziges Krankenhaus mehr funktionieren, um nur ein Beispiel zu nennen. Vielleicht haben manche Politiker Angst, die Gunst der Wähler zu verlieren, wenn sie Dinge aussprechen, die unpopulär sind.
Für das Bonusalbum „Alles muss raus“ sind die Toten Hosen mit Gästen wie Sven Regener, Blixa Bargeld, Peter Hein, Thees Uhlmann, Hannes Wader, Wolfgang Niedecken oder der Antilopen Gang ins Studio gegangen. Wusste der fast 90-jährige Liedermacher Wolf Biermann eigentlich, wer die Hosen sind?
CAMPINO: Das denke ich schon. Wir sind uns auch schon auf der einen oder anderen Veranstaltung begegnet. Als Teenager habe ich mitbekommen, dass er in den Siebzigerjahren ein Konzert in Köln gespielt hat und daraufhin nicht mehr in die DDR zurückkehren durfte. Damals habe ich kaum begriffen, was er für ein großer Einzelkämpfer war und mit wem er sich alles angelegt hatte. Seine Ausbürgerung war ein Kipppunkt in der Geschichte der DDR. Zum ersten Mal wurde sichtbar, da waren Menschen, die lehnten sich gegen das Regime auf. Im Osten folgte eine große Welle der Solidaritätsbekundung, und es kam zu vielen Ausreiseanträgen. Wolf Biermann ist aus der Geschichte der BRD-DDR nicht wegzudenken. Aber auch vom Westen hat er sich nicht vereinnahmen lassen und ist bis heute ein unbequemer, streitbarer und hochintelligenter Mensch geblieben.
Biermanns Gedicht „Ermutigung“ warnt davor, sich trotz der herrschenden Zustände nicht verhärten und verbittern zu lassen. Es ist heute wieder aktuell.
CAMPINO: Das war für uns auch der Grund, dass wir es jetzt spielen wollten. Es hat keinen Staub angesetzt. Wir erkennen uns heute auch in Hannes Waders „Schon so lang“ viel mehr wieder als früher. Natürlich sind wir in unserer Version ein bisschen ruppiger mit den Gitarren, aber wir versuchen, die Aussage dadurch nicht zu stören. Ich glaube, dieses Bonusalbum mit all unseren Gästen sagt fast mehr über „Die Toten Hosen“ aus als das Album mit den eigenen Songs. Anhand dieser Leute kann man sich ein gutes Bild davon machen, worum es uns geht und wen wir bewundern.
„Musik ist immer noch das bindende Element, wenn es darum geht, Gemeinschaft herzustellen“
Das Bonusalbum ist auch eine Hommage an den britischen Punk. Haben Sie bewusst keine amerikanischen Künstler angesprochen?
CAMPINO: Das liegt schlicht und ergreifend daran, dass wir immer anglophil geprägt waren. Oft dauerte es monatelang, bis eine Importschallplatte aus den USA in Deutschland zu erhalten war. An die Londoner Sachen sind wir viel schneller gekommen, und daran haben wir uns orientiert. Deshalb lösen die britischen Gruppen bei uns etwas ganz anderes aus. Der ganze gesellschaftliche Diskurs à la „No Future“ oder „London’s burning“ wurde in London ausgelöst. Punk brachte Großbritanniens Gesellschaft ins Wackeln. Dergleichen hat in Amerika nie stattgefunden. Vergleichbar höchstens mit Eminem viele Jahre später.
Gemeinsam mit Jean-Jacques Burnel haben Sie den Stranglers-Klassiker „Something Better Change“ von 1977 aufgenommen. Er ist ein Kommentar zu der damals stattfindenden Punk-Revolution. Fehlt es uns heute an der großen gesellschaftlichen Utopie?
CAMPINO: Man kann die Zeit von damals nicht mit der Gegenwart vergleichen. Musik hatte für uns in der Jugend eine ganz andere Bedeutung. Die Gruppierungen haben sich geprügelt wegen Musik. Punks gegen rechte Skins, Mods gegen Teds. Man hat sich über die Musik ausgedrückt und zugeordnet. Es war ein Statement, wenn man sagte, man höre eine gewisse Band. Heute wird wahrscheinlich mehr Musik gehört denn je, aber eben auch beliebiger. Von daher kann ich mir eine solche Wucht durch Musik nicht mehr vorstellen. Aber sie ist immer noch das bindende Element, wenn eine Demonstration oder Versammlung stattfindet und wenn es darum geht, Gemeinschaft herzustellen.
Von den Einstürzenden Neubauten, den Stranglers und den UK Subs zu Vicky Leandros – das ist ein echter Spagat. Auch für Sie?
CAMPINO: Das ist auf jeden Fall die vollste Bandbreite, die man fahren kann. Da mussten wir selbst drüber lachen. Letztendlich war das Konzept, dass wir uns einfach nur austoben und in alle Richtungen losstürmen. Leandros Lied „Ich liebe das Leben“ ist jenseits von Gut und Böse wie vielleicht auch Udo Jürgens „Griechischer Wein“. Es wird von Menschen jeden Alters und jeder Gesellschaftsschicht gesungen und drückt eine gewisse Melancholie und Lebensfreude aus. Obwohl wir mit den Roten Rosen bekannt sind als die Axt im deutschen Schlagerwald, fanden wir es spannend, einmal einen Schlager völlig ironiefrei zu ehren.
„Mit 82 aus dem Koffer leben und auf Tournee, da würde ich schlapp machen“
UK Subs-Sänger Charlie Harper ist 82. Könnten Sie sich vorstellen, in dem Alter noch auf der Bühne zu stehen?
CAMPINO: Ich bewundere Charlie für das, was er tut. Er hat eine unglaubliche Energie und ist dabei extrem positiv und immer gut gelaunt. Charlie lebt aus dem Koffer und ist praktisch ein Leben lang auf Tournee. Ich glaube, die Musik hält ihn am Laufen. Das ist aber ein Leben, das ich mir für mich nicht vorstellen kann. Da würde ich schlapp machen.
Es gibt auch eine Hommage an den Hosen-Proberaum. Kommt der ins Museum, wenn alles vorbei ist?
CAMPINO: Das hört sich erstmal schlüssig an, vom Raumdesign ist der auch sofort als Museum geeignet. Wir haben da aber noch gar nicht drüber gesprochen. Der Proberaum liegt in der Nachbarschaft unseres Büros. Das läuft ja auch erstmal weiter. Das sind alles Dinge, die Zeit brauchen, um abgewickelt zu werden, niemand hier ist in Hektik. Unser Büro wird nicht über Nacht geschlossen.
Zur Person: Die Toten Hosen verabschieden sich mit einem Paukenschlag. Am 29. Mai erscheint das prall gefüllten Abschiedsalbum„Trink aus, wir müssen gehen“ samt Bonusalbum „Alles muss raus!“. Campino, 62, heißt bürgerlich Andreas Frege, ist gebürtiger Düsseldorfer und Frontman der Band. Er ist verheiratet und gerade zum zweiten Mal Vater geworden. Gemeinsam mit der Band gelangen ihm große Stadion-Hymnen („Tage wie diese“) und Party-Klassiker („Zehn kleine Jägermeister“) mit über 30 Top-5-Chartplatzierungen. In der ARD-Mediathek ist eben die Dokumentation „Die Toten Hosen – Das letzte Album“ erschienen.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren