Kiefer Sutherland, einer ihrer neuen Songs heißt „Goodbye California“. Haben Sie sich wirklich aus Hollywood verabschiedet?
KIEFER SUTHERLAND: Ja, das ist so. Macaulay Culkin und seine Frau wohnen seit 2022 in meinem alten Zuhause in Toluca Lake, und auch meinen kleinen Bungalow habe ich nun weggeben. Ich habe die längste Zeit meines Lebens in Kalifornien verbracht, nun aber steht mir der Sinn stark nach etwas Ruhigerem, Langsamerem, mit weniger Verkehr.
Sind Sie fündig geworden?
SUTHERLAND: Ja, wir haben uns eine kleine Farm an der Ostküste gekauft, im Hudson Valley, weit genug, aber nicht zu weit weg von New York. Dort ist es wunderschön, aber leicht gefallen ist mir die Entscheidung dann doch nicht.
Warum nicht?
SUTHERLAND: Kalifornien war mein wahr gewordener Teenager-Traum. Die Stadt ist gut zu mir gewesen, seit ich mit 17 herzog, um „Stand By Me“ zu drehen, ein Jahr später dann „The Lost Boys“. Das war eine unheimlich tolle Zeit damals. Ich war superjung, von allem begeistert, mit weit geöffneten Augen lief ich durch Hollywood. Auf der anderen Seite war ich ein ganz schön besorgter Junge, der sich vor der Zukunft mit all ihren Möglichkeiten auch fürchtete. Insgesamt jedoch bin ich ein echtes Glückskind gewesen. Ich durfte bei „Stand By Me“ mit dem genialen Regisseur Rob Reiner arbeiten, und niemand von uns hatte sich vorher ausmalen können, dass dieser Film mal ein solcher Klassiker werden würde.
Stimmt es, dass Sie mit Robert Downey Jr. in einer WG gelebt haben?
SUTHERLAND: Ja, sogar richtig lange, ungefähr drei Jahre. Wir haben viel gefeiert, aber waren auch immer füreinander da, wenn es dem anderen nicht gut ging.
„Wenn ich jetzt so eine Art Zwischenbilanz ziehe, dann mit mehr als nur einem Hauch Melancholie“
Neben „Goodbye California“ gibt es eine Menge weiterer meist ruhiger, sehr intimer und zu Herzen gehender Countryfolk-Songs auf „Grey“. Was lag Ihnen am Herzen, als Sie diese Songs geschrieben haben?
SUTHERLAND: In den letzten zwei, drei Jahren, in denen die Platte entstand, habe ich deutlich weniger gearbeitet als sonst, und mir ging viel durch den Kopf, vor allem blickte ich zurück auf mein bisheriges Leben. Ich musste erleben, dass Menschen, die mir wichtig waren, allen voran mein Vater, plötzlich nicht mehr da waren, und mir wird immer deutlicher bewusst, dass ich kein junger Mensch mehr bin. Wenn ich also jetzt so eine Art Zwischenbilanz ziehe, dann tue ich das mit mehr als nur einem Hauch von Melancholie. Auch wenn ich ein wundervolles Leben hatte, muss ich vieles mit ansehen, das mich traurig gemacht hat.
Die allererste Zeile des Albums, im Stück „Come Back Down“, lautet: „Ist es nicht lustig, wie das Leben dich bricht, selbst wenn du es geschafft hat“.
SUTHERLAND: Dass die Platte genau so beginnt, ist kein Zufall. „Come Back Down“ ist scherzhaft ehrlich. Denn mir muss niemand mehr erzählen, dass du die Dinge ganz schön vermasseln kannst, selbst, wenn du dein Leben auf der Reihe hast. Auch ich habe meine Geister, die mich nachts im Schlaf verfolgen. Ich denke an Steve Jobs, den Gründer von Apple. Er war einer der erfolgreichsten und wohlhabendsten Menschen der Welt, dann bekam er Krebs und starb in relativ jungen Jahren. Egal, woher wir kommen oder was wir geleistet haben – der Tod ist der ultimative Gleichmacher. Diese neuen Songs reflektieren, dass alles im Leben seinen Preis hat.
„The Bottle Let Me Down“ ist eine Coverversion des Klassikers von Merle Haggard. Es geht darin ums Festhalten am vielleicht falschesten Freund von allen, der Flasche.
SUTHERLAND: Ich habe dieses Lied von Merle immer geliebt. Überhaupt bringe ich ihm nichts als Bewunderung entgegen, auch wenn ich ihn nur einmal kurz kennengelernt habe. Das Verhältnis zum Alkohol, so ist zumindest meine Erfahrung, steht nie auf einem gesunden Fundament. Es ist flüchtig. Mal denkst du wirklich, du findest den Trost und die Erkenntnis im Trinken, und plötzlich verachtest du dich dafür, dem Alkohol so viel Platz einzuräumen. In diesem Song geht es außerdem um eine Frau. Unglücklich verliebt sein und Saufen – das ist keine gesunde Kombination. Ich habe nichts gegen Alkohol, wenn es darum geht, Spaß und eine gute Zeit zu haben. Aber der Punkt, an dem es kippt und du besser aufhören solltest, der ist sehr schwer zu treffen.
Sprechen Sie aus Erfahrung?
SUTHERLAND: Ja, ich habe diese Situationen auch schon erlebt. Ich kann jedes Wort nachfühlen, das Merle Haggard singt. Er war ein Genie.
„Die Leute haben Haus, Auto, Kinder, Hund, und doch flippen sie beim kleinsten Anlass aus“
Der letzte Song auf „Grey“ heißt „Rage In Me“. Ein wirklich schönes Lied mit Pianobegleitung, aber es geht um ein sehr hartes Thema, oder?
SUTHERLAND: Ich schrieb „Rage In Me“ anfangs über mich selbst und meinen eigenen Frust, etwa wenn ich die Nachrichten gucke und kaum noch mitkomme bei all diesem Irrsinn. Daraus wurde dann so etwas wie eine gesellschaftliche Betrachtung. Ich komme in der Welt rum und interessiere mich für die Menschen, und ich stelle immer wieder fest, dass eine Menge Leute superwütend ist. Und ich habe Schwierigkeiten, den Grund für diesen Hass und diesen Frust zu finden. Die Leute haben ein Haus, ein, zwei Autos, ein, zwei Kinder, einen Hund, und doch flippen sie beim kleinsten Anlass aus. Vielleicht bin ich ungenau, aber ich glaube, wir sind auch deshalb so wütend, weil wir uns oft hilflos und überfordert fühlen und weil wir merken, dass wir unser eigenes Schicksal nicht mehr selbst in der Hand haben.
„Die ganzen Erfindungen, die es uns vermeintlich leichter machen, machen es uns in Wirklichkeit schwerer“
In „Simpler Times“ singen Sie ein Loblied auf die Zeit Ihrer Kindheit in den siebziger Jahren. Waren die Menschen vor fünfzig Jahren zufriedener und glücklicher?
SUTHERLAND: Das ist mein Eindruck. Ich hatte als Kind kein Handy und kein Internet, und ich wurde groß in einer Zeit, in der es sich nicht gehörte, bei anderen während der Abendessenszeit anzurufen, weil das die ein, zwei Stunden waren, in denen die Familie zusammensaß und über den Tag sprach. Ich musste in der Schule auch nicht sehnsüchtig darauf warten, dass mir ein Mädchen auf WhatsApp zurückschrieb, obwohl ich für solche Dinge mit Sicherheit empfänglich gewesen wäre (lacht). Mein Punkt ist, dass das Leben früher unkomplizierter war. Die ganzen Erfindungen, die es uns vermeintlich leichter machen, machen es uns in Wirklichkeit schwerer.
Wie sehen Sie als Schauspieler die Entwicklung in der Filmwelt?
SUTHERLAND: Ebenfalls mit Sorge. Früher gingen wir ins Kino, um neue Filme anzuschauen. Das war eine gemeinschaftliche Sache, wir lachten, wir weinten, und manchmal verbargen wir unsere Tränen vor den anderen. Heute sitzen wir meist zuhause, und selbst Paare hocken oft vor unterschiedlichen Programmen auf ihren jeweiligen Rechnern. Die soziale und verbindende Komponente des Filmguckens ist einfach nicht mehr existent.
Sie werden Ende des Jahres 60. Was macht das Alter mit Ihnen, abgesehen davon, dass es Ihre nostalgischen Gefühle verstärkt?
SUTHERLAND: Körperlich setzt mir das Älterwerden bis jetzt nur wenig zu. Ich kann noch alles machen, was ich auch mit zwanzig machen konnte. Vielleicht nur nicht mehr so schnell. Für mich ist es wichtig, dass der Körper noch so gut in Schuss ist. Zum einen hilft mir das in meiner Arbeit als Schauspieler, zum anderen denkt auch der Kopf nach wie vor, dass er noch frisch ist, solange der Körper mitspielt. Allerdings: Nur weil ich mich jung fühle, bedeutet das nicht, dass ich noch jung bin. Und das weiß ich auch. Ich werde 60, davor renne ich nicht davon. Ich finde es wertvoll, Lebenserfahrung anzuhäufen. Gerade als Schauspieler gibt mir das mehr Komplexität und weitere Ausdrucksmöglichkeiten.
„Mit 60 bist du dir der Endlichkeit des Lebens bewusster als mit 50“
Blicken Sie heute anders aufs Leben als noch vor zehn Jahren?
SUTHERLAND: Ja, wenngleich auf eher subtile Weise. Mit 60 bist du dir der Endlichkeit des Lebens bewusster als mit 50. Ich möchte mich einfach noch nicht damit abfinden, dass das Leben bald vorbei sein könnte. Ich liebe es, auf der Welt zu sein. Ich liebe meine Familie, meine Enkel, meine Freunde, das Leben ist gut zu mir.
Wie fühlt es sich an, Großvater zu sein?
SUTHERLAND: Fantastisch. Meine Enkel sind wirklich eine Wucht. Der Älteste ist sogar schon 21. Ich liebe es, die Kids aufwachsen zu sehen und bin sehr stolz auf meine Patchwork-Familie.
Mit 21 waren Sie selbst längst ein Filmstar. Was würden Sie dem jungen Kiefer für einen Rat mitgeben?
SUTHERLAND: In dem Alter war ich noch schrecklich nervös und hatte Angst vor so gut wie allem. Ich würde ihm also sagen, dass er sich nicht verrückt machen soll. Die Dinge werden sich schon fügen.
Zur Person: Seinen Hauptberuf hat der britisch-kanadische Schauspieler Kiefer Sutherland, geboren am 21. Dezember 1966 in London als Sohn des Schauspielers Donald Sutherland, zwar keineswegs an den Nagel gehängt: Voraussichtlich Ende des Jahres wird der 59-jährige in Luc Bessons Mafiadrama „Father Joe“ neben Al Pacino und Ever Anderson zu sehen sein. Doch die Karriere als Komponist, Sänger und Gitarrist meist melancholischer Akustikfolksongs nimmt in seinem Leben immer größeren Raum ein. Ende Mai veröffentlicht Kiefer Sutherland, der mit seiner Partnerin Cindy Vela nun an der US-Ostküste sesshaft geworden ist, sein vorzügliches wie nostalgisch geprägtes neues Album „Grey“.
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