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Graue Welle? Immer mehr Frauen tragen ihr graues Haar mit Stolz

Graue Haare machen alt. Oder warum sonst wird gefärbt, was die Tube hergibt? Aber es tut sich etwas, auf Laufstegen, in sozialen Medien, in und auf den Köpfen. Ein Sinneswandel? Über die wachsende Gemeinschaft der sogenannten Silberschwestern.

Zum Beispiel Andie MacDowell, Schauspielerin, 65, die irgendwann das Gefühl hatte, „dass das Alter in meinem Gesicht nicht mehr zu meiner Haarfarbe passte".

Zum Beispiel Sophie Fontanel, Journalistin, 61, die es einfach leid war. „Immer sein Aussehen kaschieren, irgendwann kann man einfach nicht mehr.“ 

Zum Beispiel Claudia Windhagen, medizinische Fachangestellte, 55, Naturfarbe „straßenköterblond“, wie sie sagt: „Also nichts Weltbewegendes.“ Mit 27 Jahren entdeckte sie das erste graue Haar. Mit 53, nach einem besonders anstrengenden Dienst in der ärztlichen Notaufnahme mitten in der Pandemie, hatte sie genug: Vom Färben, von der Chemie, von den Flecken im Badezimmer. Als sie ins Wohnzimmer kam und ihrem Mann den Entschluss mitteilte, sagte der: „Endlich“. 

Es geht also um: graues Haar. Das Ergrauen. Das Grauen? Und um die Frage, ob sich da seit einiger Zeit etwas tut – in und auf den Köpfen? Siehe eben Andie MacDowell, Helen Mirren, Jamie Lee Curtis, siehe auch Christine Lagarde, Chefin der Europäischen Zentralbank, oder Caroline von Hannover oder eben Claudia Windhagen, deren lange Haare mittlerweile bis in die Spitzen grau schimmern. Auf Instagram hat sie ihren Farbwechsel geteilt, gewachsen ist so ein ganzes Netzwerk: Die Silversisters. Deren gemeinsames Credo: Natürlich grau. Oder wie es auf der Homepage steht: „Grau ist nicht das Ende, sondern der Anfang einer wundervollen Zeit. Gib Dir die Möglichkeit, diese Freiheit zu erfahren!“ 

Grau? Eigentlich wird das einzelne Haar ja farblos

Freiheit? Die ersten silbernen Fäden entdecken manche schon mit Anfang 20. Frühzeitiges Ergrauen nennt man das und es klingt wie eine heimtückische Krankheit, der man zu Beginn meist begegnet, indem man das Haar ausreißt. Es wachsen dann übrigens nicht drei neue oder gleich sieben graue Haare nach beziehungsweise kommen zur Beerdigung, wie es im Volksmund heißt. Blödsinn. Und das Wort Ergrauen trifft es auch nicht ganz: Eigentlich wird das einzelne Haar ja farblos, weil die Zellen in den Haarwurzeln keine Farbpigmente mehr produzieren. Grau erscheint nur der Mix von weißem und farbigem Haar. Die meisten Menschen werden in ihren 30ern oder 40ern mit langsam sich ausbreitenden grauen Strähnen konfrontiert, manche vielleicht erst Jahrzehnte später. Unfair, wie so vieles im Leben. Wobei die Gene zwar eine wichtige Rolle spielen, aber die eigene Lebensweise schon auch: Viel Stress, viel Sonne, viel Zigaretten, all das kann das Ergrauen beeinflussen. 

Claudia Windhagen gründete 2021 das Netzwerk Silversisters nach amerikanischem Vorbild.
Foto: Christina Gordon

Ein doppeltes X-Chromosom macht es in der Regel schwerer, dieses erste Anzeichen von Alter zu akzeptieren. Weshalb man in Drogeriemärkten auch viele Schritte am Regal mit den Haarfarben entlanggehen kann, aus dem einem schönes, langes, glänzendes, in allen erotischen Signalfarben erstrahlendes Frauenhaar auf den Packungen entgegenleuchtet, bevor man dann endlich bei den Duschgels ankommt. Und so kommt es auch zu dieser Zahl: 46 Prozent der Frauen in Deutschland färben sich laut Statista mindestens alle acht Wochen die Haare. Manche natürlich, um einfach ein bisschen blonder oder endlich mal rabenschwarz sein. Aber dass sich viele Frauen nicht ohne eine gefühlte Not stinkende Chemie aufs Haar kleistern und über die Lebensspanne gerechnet mehrere Tausend Euro für Farbe ausgeben, davon darf man wohl auch ausgehen. Frauen graut es ganz anders vor grau. Tief in den Köpfen nämlich sitzt der Satz: Grau macht alt. Muss also bekämpft werden, vielleicht sogar lebenslang gemäß der englischen Schönheitsmaxime: „Dye till you die“. Färben bis zum Tod. 

Besorgte Nachfrage: Ob man den nicht mehr zum Friseur komme?

Claudia Windhagen, Tochter einer Friseurin, hat sich ihre lockigen Haare lange selbst gefärbt, später auch färben lassen. Schwarz, gerne auch mal rot, nie aber blond. Die Intervalle wurden immer kürzer, irgendwann saß sie alle sechs Wochen im Salon. „Aber sobald der Ansatz zu sehen war, hat mich das so gestört, da habe ich selbst zwischengefärbt.“ Gewachsen ist nur der Frust. Bis sie dann mit 53 beschloss, einfach nichts mehr zu tun. „Ich habe den kalten Entzug gewählt“, sagt sie. Die Reaktionen kamen prompt, positive, negative, die oft im besorgten Ton. Was denn los sei? Ob sie nicht mehr zum Friseur komme – das erschien mitten in der Coronapandemie die naheliegendste Erklärung. „Die waren dann immer ganz perplex, wenn ich gesagt habe, nein, das will ich so.“ Ab und zu wurde dann ungläubig nachgefragt: „Du willst so aussehen?“ Claudia Windhagen sagt, eine Zeit lang fand sie das sogar ganz lustig. Die entsetzten Gesichter, „da sieht man ja richtig, was abgeht in den Köpfen, was die mit grauem Haar verbinden“. 

Auch im Mittelpunkt von haarigen Debatten: Sarah Jessica Parker (l) und Cynthia Nixon bei den Dreharbeiten zu "And Just Like That...".
Foto: Debra L. Rothenberg/ZUMA Press Wire/dpa

Kurze Frage an dieser Stelle: Was verbinden Sie mit grauem Haar bei Frauen? Ganz ehrlich… 

Das wollte auch die Universität Cambridge im Jahr 2010 wissen. Dafür wertete sie Tiefeninterviews von älteren Frauen im Alter zwischen 71 und 94 Jahren aus. Hässlichkeit, schlechte Gesundheit, sozialer Rückzug und Unsichtbarkeit – das assoziierte die Mehrheit der Befragten mit grauem Haar. Macht man einen harten Schnitt, und schaut auf die Männerköpfe, sind die Zuschreibungen andere. Erfahrungen, Reife, Sicherheit, Seriosität. Etwa 39 Prozent der Frauen empfinden laut einer Umfrage des Marktforschungsinstitut GfK von 2018 Männer mit grauen Haaren als attraktiv. Die österreichische Sexualforscherin Gerti Senger erklärt das schlicht auch mit Überlebensprinzipien: „Einem Mann mit grauen Schläfen wird eher zugetraut, die Nachkommen durchzubringen.“ Bei grauschimmernden Frauen hingegen stellt sich die Frage: Zu alt für Nachkommen? 

„Jeder hat dazu etwas zu sagen“, monierte die Schauspielerin Jessica Sarah Parker, Hauptdarstellerin der Serie „Sex and the City“, 58, als sie vor drei Jahren beim Kaffeetrinken in der Sonne mit grauen Strähnen fotografiert wurde. Neben ihr saß ihr Freund Andy Cohen, drei Jahre jünger, „einen ganzen Kopf voll schöner grauer Haare. Aber niemand hat ihn erwähnt, keine Menschenseele." Der doppelte Standard des Alterns, wie ihn die Amerikanerin Susan Sontag – weiße Strähne im schwarzen Haar – einst im gleichnamigen Essay beschrieb. 

Schon vor Jahren in: der Granny-Look, junges Gesicht zu grauem Haar

Tatsächlich aber scheint sich etwas zu tun – auf den Laufstegen, auf den Covers der Modemagazine, auf, aber auch in den Köpfen. Was beispielsweise auch der L'Oreal-Konzern bereits bestätigte: Man beobachte einen ersten Trend zur Akzeptanz von Grau bei Frauen vor allem um die 55 mit Auswirkungen auf das Colorationsgeschäft… Kurzfristige Nachwirkungen aus der Coronazeit, als der graue Ansatz für kurze Zeit keinen Erklärungsbedarf auslöste? Nebeneffekt des von jungen Frauen vor ein paar Jahren getragenen Granny-Looks, faltenloses Gesicht aber Haare wie die Oma? Oder doch Anzeichen eines kollektiven Bewusstseinswandels, verstärkt auch durch die stolz zur Schau getragenen, aber natürlich auch perfekt gestylten Silbermähnen von Stars wie MacDowell?

Moderatorin Birgit Schrowange 2012 (l) und 2022).
Foto: Kalaene/Kaiser, dpa

Birgit Schrowange zum Beispiel, immer noch prominentes Beispiel, präsentierte sich schon 2017 mit neuem Silberschopf. Quasi über Nacht war die Moderatorin, damals 59, für die Öffentlichkeit ergraut, nachdem sie ein Jahr lang in der Übergangsphase noch eine braune Perücke getragen hatte. Noch heute versteht sie die ganze Aufregung von damals nicht. Wie mutig sie sei, das sei ihr damals immer wieder gesagt worden: „Aber zu George Clooney sagt das doch auch keiner.“ Der wurde 2006 – schon graumeliert – zum Sexiest Man Alive gewählt. 

In Frankreich machte die Journalistin und Stil-Ikone Sophie Fontanel von sich reden, als sie 2015 entschied, sich aufs Abenteuer Grau einzulassen. Die schwarz-weiße Übergangsphase dokumentierte Fontanel auf sozialen Netzwerken. Die Reaktionen reichten von Jubel, Irritation bis hin zu Abscheu – so als habe sie aufgehört zu duschen. „Follower der ganzen Welt, haltet Sie davon ab“, forderte ihre Freundin, das einstige Supermodel Ines de la Fressange, unter dem Hashtag „Idéeabsurde“. Auch Fremde sprachen sie an: „Wenn es klappt, mache ich es auch. Die Männer nehmen uns ja sowieso gar nicht mehr wahr.“ Alles nachzulesen im Buch „Glückssträhnen. Eine Liebeserklärung an meine weißen Haare.“ 

Die französische Journalistin Sophie Fontanel hat über ihren "Farbwechsel" ein Buch geschrieben.
Foto: Copyright Sophie Fontanel

Mut? Dass es den trotz immer mehr prominenter Vorbilder offenbar noch braucht, zeigt sich auch, wenn man auf Instagram durch die Beiträge der Silberschwestern scrollt. Was sagt man zum Beispiel dem Sohn, wenn der nun mal findet: „Wozu der ganze Healthy Lifestyle, wenn du dann wie eine Oma aussiehst.“ – Antworten der Silversisters: „Dein Sohn wird sich noch über dich wundern“ – Du wirst es schaffen, so wie wir alle“. 

Im März 2021 gründete Claudia Windhagen das Netzwerk nach dem Vorbild der Silversisters aus Amerika. Mittlerweile zählt die Gruppe 1901 Mitglieder. Einmal im Jahr trifft sich der „harte Kern“, wie es Claudia Windhagen nennt, für ein gemeinsames Wochenende. Wer mag, kann bei ihr zum Beispiel eine Silversister-Tasse bestellen oder ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Unterschätze niemals eine Silberschwester. Sie könnte dir an Weisheit überlegen sein.“ Windhagen sagt, dass nicht nur sie nach Vorbildern suchte, sondern auch sie selbst eines sein konnte, gesucht wurde, sei eine der tollsten Erkenntnisse gewesen. So viele Frauen hätten nur darauf gewartet "Anregung, Unterstützung, Inspiration und Gleichgesinnte zu finden“. 

Grau, das wird man am besten also gemeinsam, mit schwesterlicher Solidarität. Wobei die nicht immer gleich spürbar wird. Zu den typischen Reaktionen zählt laut Fontanel auch der Satz: „Dir steht das ja….“ Oder auch: „Ich bewundere Sie, aber ich könnte es nicht ertragen: Vor aller Augen zuzugeben, dass man alt wird.“ Ergrauen, eine großartige Sache – für andere? 

Frauen, die nicht mehr färben, gehen ein Risiko ein

Den Konflikt, in dem Frauen oft stecken, hat die Psychologin Vanessa Cecil von der Universität Exeter in einer Studie 2021 beschrieben: Wenn Frauen nicht mehr färben, riskieren sie, von ihrer Umgebung als weniger kompetent, gepflegt und attraktiv wahrgenommen beziehungsweise übersehen zu werden. Das war es, was die allesamt grauhaarigen Teilnehmerinnen der Studie berichteten. Manche auch, dass sich die eigene Familie geschämt hätte: „Du lässt dich gehen“. Für die Frauen überwog aber dennoch die positive Seite, ihr graues Haar nicht mehr verstecken zu müssen – authentisch zu sein. Das ist es auch, was die Silversisters feiern. 

Tanja: „Ich wollte ich sein und nicht mehr ein Wunschbild anderer. Ich laufe hocherhobenen Hauptes mit grauem Balken durch die Welt.“ Selina: „Beste Entscheidung meines Lebens bezüglich meines Äußeren – frei sein, authentisch und sehr glücklich.“ Britta: „Eine absolute Befreiung.“ Mary: „Ich fühle mich frei, freier als je zuvor.“ 

Ergrauen, ein Akt weiblicher Selbstermächtigung?

Ergrauen also als ein Akt weiblicher Selbstermächtigung, zu Kopf getragener Feminismus? Ganz im Sinne von Susan Sontag, die Frauen riet, über die Zahl der Jahre nicht zu lügen – was bedeutet: sie also auch auf dem Kopf nicht zu verstecken? Emanzipation habe sie immer darin gesehen, Tätigkeiten durchzuführen, die Männer auch machen, sagt Windhagen: „Vielleicht geht das auch in die Richtung: Männer färben nicht, warum sollen Frauen färben?"

Jane Fonda zählt zu den prominenten Kundinnen von Starfriseur Jack Martin.
Foto: Valery Hache/AFP, dpa

Wie aber eigentlich damit aufhören? Abschneiden? Oder zum Zebra werden, wie es Sophie Fontanel nannte? Eineinhalb Jahre werde der Haarwechsel dauern, hatte ihre Friseurmeisterin sie vorgewarnt und gescherzt: „Zebras sind doch prächtige Tiere“. Beim amerikanischen Coloristen Jack Martin dauert der komplette Übergang hingegen nur Stunden. Chemie spielt bei diesem „natürlichen“ Grau dann aber auch eine entscheidende Rolle. Martin verlängert das Muster des Haaransatzes mit Strähnen bis in die Spitzen, hellt auf, spielt sozusagen mit Grau! Oder aber er bleicht komplett, wie er der Vogue erklärte, und zwar „bis zur Farbe des Inneren einer Banane, das ist fast wie Weiß, ein bisschen blassgelbes Weiß, und dann töne ich das gesamte Haar". Spätestens seit er Jane Fonda im Schnellverfahren zur Silbermähne verholfen hat, ist der Mann selbst ein Star mit Hunderttausenden Followern auf Instagram. Claudia Windhagen hat die Methode übrigens in der Zeit des Haderns einmal selbst versucht, weil die Friseurin ihres Vertrauens sich weigerte: „Grauenvolle Ergebnisse kamen dabei heraus, schreiendes Orange und stumpfe Haare, was wiederum zum erneuten Haarfärben führte.“ 

Der Trend geht zu mehr Natürlichkeit

Egal welche Variante – auf einen guten Schnitt und vor allem auch auf gute Pflege kommt es an, sagt Antonio Weinitschke, Friseurmeister und Art Director beim Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks. Die Industrie habe sich zuletzt einiges einfallen lassen, neue Produkte für schimmernde Silberköpfe auf den Markt gebracht. Weißes Haar nämlich ändert nicht nur seine Struktur, kräftiges wird eher noch störrischer, feines noch feiner, so Weinitschke – es neigt auch zu Gelbstich. Weil es auf Sauerstoff und Sonneneinstrahlung reagiert. „Da arbeitet man dann mit Produkten mit Komplementärfarben, mit grauen oder violetten Pigmenten zum Beispiel, damit man das Grau zum Strahlen bringt.“ 

Der Sängerin und Schauspielerin Daliah Lavi wurde die Haarfarbe übers Meditieren egal.
Foto: DPA

Apropos Trend, der geht insgesamt zu mehr Natürlichkeit, sagt Weinitschke, weg von der plakativen Farbe. Er verweist im Übrigen auch darauf, dass es schon immer die eine oder andere Prominente gab, die mit grauem Haar aufgefallen sei. In den späten Achtzigerjahren zum Beispiel die Sängerin Daliah Lavi, „die hatte dann eine wunderschöne graue lockige Mähne und sah sehr gut aus damit, ähnlich wie MacDowell“. Auf die Frage, warum sie ihre Haare nicht mehr färbe, sagte Lavi übrigens einst: Über das Meditieren sei ihr die Haarfarbe egal geworden… 

Was der Visagist Luis Huber rät

Egal? Das zumindest ist eine Haltung, die Visagist Luis Huber in seinem Salon in München, eher nicht erlebt. „Für die meisten Frauen ist es ein Riesenschritt“, sagt Huber. Manche, aber es sind die wenigsten, gehen diesen wegen der Reaktionen ihres Umfelds auch wieder zurück. „Grau macht alt, das ist halt noch in den Köpfen, aber genauso unsinnig, wie dass Frauen in einem gewissen Alter die Haare kürzer tragen müssen.“ Alte Zöpfe sozusagen. Bei Luis Huber gibt es stattdessen neue Farbe. Und zwar für die Haut, die „ein bisschen angewärmt aussehen“ sollte, eine halbe Nuance dunkler als gewohnt, wie leicht von der Sonne geküsst. Dazu dann ein guter Lippenstift, die Augenbrauen ein bisschen kräftiger, den Puder eher weglassen, um die Haut nicht fahl wirken zu lassen. "Man muss ein bisschen umswitchen", sagt Huber, etwas mehr Kontraste setzen. „Wenn das Gesamtpaket passt, sieht das dann supercool aus.“ Claudia Windhagen sagt übrigens, sie hat die Farbe entdeckt während ihrer Silberreise. Eigentlich sei sie kein Schminktyp, aber nun trage sie gerne auch einen satten Lippenstift. 

Was aber, wenn es eine Möglichkeit gäbe, gar nicht erst zu ergrauen? Oder den Prozess umzukehren? Dass das möglich ist, zeigte eine Untersuchung des Vagelos College of Physicans und Surgeons der Columbia Universität. Stressbedingtes graues Haar könne bei reduziertem Stresslevel seine Farbe zurückerlangen, stellten die Forschenden fest. Repräsentativ war die Studie jedoch nicht. Nur 14 Probanden nahmen teil. „Es gab ein Individuum, das Urlaub machte und fünf Haare auf dem Kopf dieser Person verdunkelten sich während dieses Urlaubs, synchron mit der Zeit“, so Mitautor Professor Dr. Martin Picard. Fünf Haare aber machen noch keinen Schopf! 

Zurück also zur Gegenwart. Zum Beispiel zu Andie MacDowell, die sagt: "Ich habe mich noch nie so stark wie jetzt gefühlt". Zu Sophie Fontanel, die in Interviews gerne mal darauf verweist, „dass sich weiße Haare und Verführung meiner Erfahrung nach keineswegs ausschließen.“ Zu Claudia Windhagen. Ende letzten Jahres hatte sie das Gefühl, plötzlich überall Frauen mit grauen Haaren zu sehen. „Da habe ich zu meinen Freundinnen gesagt, jetzt passiert es: Jetzt wird es normal.“