Isabelle Huppert, erinnern Sie sich, mit welchen Gefühlen Sie die Affäre Bettencourt um das Jahr 2008 herum verfolgt haben?
HUPPERT: Wie alle anderen, denke ich: Alle sprachen darüber, alle versuchten das Ganze irgendwie zu verstehen, alle fragten sich, ob er das Geld letztlich gestohlen hat, was viele Leute behaupteten – eben all diese Hintergrundfragen, die man zu dieser Geschichte hatte. Aber den Film dazu zu machen, war viel interessanter. Wie Regisseur Thierry Klifa treffend sagte: „In dieser Geschichte kannte jeder das Ende, aber niemand den Anfang.“ Das war in meinen Augen der Schlüssel: durch die kleine Nebentür ins Haus zu gelangen statt durch die große Tür des Skandals. Das ist ein ganz anderer Ansatz, den dieser Film verfolgt.
Hat sich Ihre Einstellung zu der Affäre und zur Person Liliane Bettencourt durch den Dreh verändert?
HUPPERT: Nicht unbedingt. Denn der Film gibt denselben Elementen Raum, die man in der Geschichte mit großer Wahrscheinlichkeit vermutet – was möglicherweise die Geschichte ausmacht: Natürlich ist Geld im Spiel, aber es ist auch eine großartige Liebesgeschichte – in gewisser Weise. Oder in einer sehr ungewissen Weise … (lacht) Dazu kommt noch eine sehr außergewöhnliche, schwierige Mutter-Tochter-Beziehung. Damit hat man genug Zutaten, um diese seltsame, aber auch sehr traurige Geschichte eindrucksvoll zu erzählen.
Für Sie ist es nicht nur eine skurrile Story, sondern eine traurige? Eine Tragödie sogar?
HUPPERT: Nun, natürlich ist sehr viel Geld im Spiel – eben ein Vermögen. Aber man kann dennoch sagen, dass die Hauptfigur am Ende sicherlich den höchsten Preis zahlt, den sie je in ihrem Leben für etwas gezahlt hat – ihre Einsamkeit. Aber sie lässt nicht mal zu, sich selbst als Opfer zu betrachten. Denn sie sagt: „Mich kann nichts wirklich berühren.“
Was, glauben Sie, kann uns diese Geschichte heute sagen, mit zeitlicher Distanz?
HUPPERT: Sie könnte uns auf gewisse Weise beweisen wollen, dass alles möglich ist, selbst unter den bizarrsten Umständen! Wie sonst kann man es sich erklären, dass diese beiden Menschen aufeinander treffen, sich mögen, vielleicht sogar auf eine gewisse Art wirklich lieben? So unterschiedlich sie auch sind, sie finden sofort Gemeinsamkeiten. Natürlich ist er verrückt – er übertreibt mit allem, er ist einfach too much. Aber sie ist auch irrsinnig – sie übertreibt genau so und treibt alles auf die Spitze. Zumindest ist er, was er ist. Sie nicht. Sie ist anders, als sie sich gibt. Und damit ist sie das große Fragezeichen: Denn nachdem sie ihn trifft, verwandelt sie sich in eine völlig andere Person. Als hätte sich eine andere, fremde Person in ihr versteckt, und als sie diesem Mann begegnet, wird die verborgene Person in ihr plötzlich lebendig. Es ist immer interessant, wie Menschen verbergen können, wer sie sind, und das, hat sie wohl immer gemacht, bevor sie ihn kennengelernt hat: Sie verbarg, wer sie war.
Ist es eine Erleichterung für Sie, mal eine Person zu spielen, die es wirklich gab?
HUPPERT: In diesem Fall spielte es keine Rolle. Denn wir haben den Namen verändert, und der Ton des Films ist sehr spezifisch: Er hat etwas sehr Theatralisches, ist sehr exzentrisch, immer over the top. Das hat sehr geholfen, mit der Übertreibung zu arbeiten. Dennoch kommt das Ganze einem oft geradezu vor wie bei Shakespeare – man vergisst, dass das eine wahre Geschichte war. Durch die Verfremdungen entsteht eine Fiktion – eine Erzählung, die, wie es so schön heißt, „nur auf wahren Begebenheiten basiert“.
Ihnen soll das Drehbuch gefallen haben, weil es Ihnen Raum gab, einen Charakter zu erschaffen. Welche Aspekte haben Sie selbständig der Figur hinzugefügt?
HUPPERT: Diese Milliardärin ist das Produkt einer bestimmten Welt, einer ganz besonderen sozialen Schicht, nicht nur einer Bourgeoisie, sondern der wohlhabendsten Bourgeoisie, die man sich vorstellen kann. Sie ist eine Schöpfung dieser Klasse, ihre Haltung gegenüber der Welt resultiert aus dieser Blase. Und plötzlich trifft sie auf diese Type – und es knallt: Sie bleibt, wer sie ist, aber sie offenbart plötzlich Humor, Spaß am Leben, ist hedonistisch – und das macht die Geschichte sehr spannend. Saftig, wie wir sagen.
Spiegelte sich diese Lebenslust auch am Set wider, in Leichtigkeit, Freude oder Albernheit?
HUPPERT: Ja, natürlich. Das machte den Dreh wirklich besonders schön. Wir alle haben uns wirklich gut verstanden, wir kannten uns mehr oder weniger: André Marcon, der meinen Mann gespielt hat, war schon zweimal mein Ehemann, u. a. auf der Bühne in „Der Gott des Gemetzels“ – er ist ein wunderbarer Schauspieler. Jedenfalls herrschte gute Stimmung und gute Synergien.
Sie spielen hier eine sehr dominante Mutter – und feierten einen ihrer größten Triumphe selbst in der Rolle einer Tochter, die eine sehr dominante Mutter hatte, in Michael Hanekes „Die Klavierspielerin“.
HUPPERT: Nun, es macht immer viel Freude, diese Extreme zu erkunden. Gerade in menschlichen Beziehungen! Wenn man in gewissen Situationen und als solche Figur so ungeheuerliche Dinge sagt, von denen man denkt, dass niemand auf der Welt so etwas je sagen könnte. Ich sage hier zu meiner Tochter einmal: „Du willst wissen, ob ich dich liebe? Aber ich weiß nicht, ob ich dich liebe. Und vielleicht habe ich dich ja nie geliebt.“ Das war wirklich schwer über die Lippen zu bringen. Und sicher auch schwer zu hören. Obwohl ich kein Problem damit hatte, weil ich meine eigene Tochter so sehr liebe. (lacht)
Nehmen Sie selbst bei neuen Projekten auch manchmal Bezug zu Erfahrungen aus anderen Filmen, zu Ihren Haneke-Werken zum Beispiel? Beziehen Sie sich manchmal auf das Vergangene?
HUPPERT: Oh nein! Nein, nein. Es ist eher so: Sobald ich eine Rolle beendet habe, fliegt sie weg, weg in die Wolken. Ich erinnere mich dann kaum daran. Jeder Film und jede Dreh-Erfahrung ist so einzigartig … – Man könnte es sicher auf frühere Filme beziehen – nur läuft es bei mir nie so: Eine Rolle, jeder Film, ist bestimmt von seiner Zeit und seinen Umständen, dann sind die Regisseure so unterschiedlich, sodass ich nie eine Parallele zwischen zwei Filmen ziehe.
Auf der Berlinale waren Sie als blutige Gräfin „Die Blutgräfin“ zu sehen. Was reizte Sie daran?
HUPPERT: Vor allem, dass er von Ulrike Ottinger inszeniert wurde, das verrät schon viel. Denn Ulrike ist selbst ein Typus, eine ganz besondere Regisseurin. Der Film ist eine Art barocker Träumerei, offensichtlich nicht realitätsnah. Er basiert auf der adeligen Erzsébet Báthory, die mal in Ungarn vor Jahrhunderten existierte, aber eine schreckliche Person war. Nun, ich spiele sie immer noch als schrecklichen Menschen, aber auf eine fröhlichere Art.
Sie haben Hunderte Rollen gespielt. Erfordern einige Rollen mehr Zeit zur Vorbereitung? Oder ist der Aufwand immer der Gleiche?
HUPPERT: Es ist unterschiedlich: Historische Kostümfilme beanspruchen oft viel mehr Aufwand als moderne Filme. Auch einige Regisseure benötigen mehr Zeit – allein wenn ich einen Film mit dem koreanischen Regisseur Hong Sang-soo drehe zum Beispiel, dauert es länger. Aber mental ist es derselbe Prozess.
Also überwiegen die Gemeinsamkeiten?
HUPPERT: Ich komme immer wieder auf denselben Gedanken zurück: Wenn man sich erst einmal entscheidet, den Film zu machen, dann hast du ihn eigentlich schon hinter dir. Alles hängt von dieser Entscheidung ab! Wenn du dich mental dafür entschieden hast, hast du Dich mit ihm auseinandergesetzt, dann ist die Arbeit eigentlich getan.
Wie viel Zeit benötigen Sie dann für solch eine Entscheidung?
HUPPERT: Eine sehr lange Zeit. Manchmal Jahre. Nur, wenn es Michael Haneke ist, dann nicht, non, non.
Und wenn es der iranische Meisterregisseur Asghar Farhadi ist, in dessen Film „Parallel Lives“ Sie sogar zusammen mit Catherine Deneuve in Cannes zu sehen sein werden?
HUPPERT: Ahh, das war eine großartige Erfahrung – ich bin so gespannt auf den fertigen Film! Für mich war die Begegnung mit Farhadi wunderbar. Ich habe immer wieder gesagt, er ist wie ein iranischer orfèvre - ein Künstler, ein Könner, ein Magier. Alles, was er tut, hat mit Feinfühligkeit zu tun, mit einem tiefen Sinn für Details. Einmal kam er herüber, kurz bevor es „Action!“ hieß, und hat mir nur eine Strähne aus dem Haar gezogen … Das Gefühl für den allgemeinen Aspekt einer Szene beherrscht er ebenso wie die kleinsten Details. Es war ganz wunderbar, mit ihm zu arbeiten, wunderbar.
Allein die Besetzung des Films ist enorm: Catherine Deneuve und Sie in einem Film, die zwei Grandes Dames des französischen Films …
HUPPERT: Ja, der Cast ist auch recht groß, was an dem Film liegt. Es ist ein sehr komplexer Film, er spielt zwischen Fiktion und Realität: Ich spiele eine Schriftstellerin, und man erlebt die Sicht des Autors, aber auch, wie sie die Realität in Fiktion verwandelt. Daher gibt es mehrere Ebenen und demnach viele Schauspieler.
Wie empfinden Sie es, an Drehorten so unterschiedliche Universen zu betreten? Mit Regisseuren, die so meisterlich, aber auch so unterschiedlich sind wie Haneke, Farhadi oder Verhoeven …?
HUPPERT: Es sind wirklich komplexe Universen – und neuerdings gehört für mich auch Hong Sang-soo dazu, der wirklich ein Genie ist, ein erstaunlicher Regisseur. Nun, diese Arbeit ist natürlich sehr inspirierend! Und das ist genau das, was mir an meinem Beruf am besten gefällt: auf diese unterschiedlichen Arten inspiriert und gefordert zu werden. Das liebe ich!
Ist das der Grund, warum Sie noch immer weitermachen? Sie haben eine sehr lange Karriere erlebt, spielen seit über 55 Jahren, sind aber immer wieder neugierig auf neue Regisseure und Visionen. …
HUPPERT: Ja, und mich erfüllt natürlich auch das, was ich auf der Bühne mache: Gerade bin ich mit zwei Stücken auf Tournee, einmal mit Romeo Castellucci, mit „Bérénice“, das andere ist eine Arbeit, die ich mit Robert Wilson gemacht habe, „Mary Said What She Said“. Auch das Theater macht mich glücklich. Und so reise ich ein bisschen durch die Welt, um beides, Theater und Film, machen zu können.
Dennoch sind Sie einigen Regisseuren sehr treu!
HUPPERT: Sie waren mir auch sehr treu – Robert Wilson zum Beispiel, vier Stücke habe ich mit ihm gespielt, genau so ist es im Falle von Romeo Castellucci oder Haneke.
Gibt es überhaupt noch einen Regisseur, der auf Ihrer Wunschliste steht?
HUPPERT: Es geht wohl eher darum, wer mit mir arbeiten möchte! Natürlich will ich mit jedem „großen“ Regisseur der Filmwelt arbeiten, aber was heißt das schon?
Eine Ihrer verrücktesten und extravagantesten Anschaffungen sind: zwei Kinos, die Sie mit Ihrem Mann und Ihren Söhnen im Herzen von Paris betreiben, richtig?
HUPPERT: Ja, unserer Familie gehört das „Christine Cinéma Club“ und das „École Cinéma Club“ im Quartier Latin. Jeder Filmliebhaber in Paris kennt sie, auch von außerhalb kommen Fans. Paris ist bekannt für diese Art von kleinen Kinos, die ausschließlich Klassiker zeigen. Blockbuster gibt‘s bei uns nicht! Ich merke, dass es unter den jungen Zuschauern ein großes Bedürfnis gibt, alte Filme komfortabel im Kinosessel anzugucken. Die Säle, die große Leinwand sind doch etwas Magisches. Sie kurbeln meine Fantasie an. Unvorstellbar, das zu empfinden, wenn man auf sein Handy starrt.
Zur Person
Sie ist eine Ikone, ist eine Grande Dame des französischen Kinos, vielfach ausgezeichnet und prägt gleichzeitig das Weltkino. Isabelle Huppert, französische Charakterschauspielerin, geboren 1953 in Paris, verkörpert nun in „Die reichste Frau der Welt“ Liliane Bettencourt, die Erbin des Kosmetikkonzerns L‘Oréal: Die Milliardärin schenkte einem Hallodri, der sich als Fotograf durchschlug, erst ihr Vertrauen, vielleicht sogar ihr Herz – und im Laufe der Jahre über eine Milliarde Euro, bis ihre Tochter sie 2011 entmündigen ließ. Die Fehde zwischen Mutter und Tochter – genauso wie die Mésalliance zwischen vornehmer Erbin und dreistem Nichtsnutz – beschäftigte Frankreich über Jahre. Huppert ist seit 1982 mit dem libanesischen Produzenten und Regisseur Ronald Chammah verheiratet, das Paar hat drei Kinder.
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