Um an vermeintlich unverdächtigster Stelle zu beginnen: Wenig scheint auf den ersten Blick weiter entfernt sein zu können vom klassischen Gangster-Typus des Rap als die Grüne Jugend. Chauvinismus und Gewalt, Kriminalität und Drogen, Protz und Porno? Nicht doch! Aber dann lieferte die sonst so sprachsensible und klimabewusste Nachwuchsgarde vor ein paar Monaten doch gleich in Serie ab. Zuerst die Vorsitzende Jette Nitzard, die sich etwa im polizeiverachtenden „ACAB“-Pulli zeigte („All Cops Are Bastards“, in deutscher Tradition quasi „Bullen sind Schweine“) und schon mal zu Silvester Sprüche abfeuerte wie „Männer, die ihre Hand beim Böllern verlieren, müssen zumindest keinen Wehrdienst leisten“. Der daraufhin notwendig gewordene Nachfolger Luis Bobga wiederum überführte die Pose dann tatsächlich in seine Herkunft und rappte schon mal an der Stelle einer szeneüblichen Beschimpfung wie „Hurensohn“ auf ein Bild von Markus Söder. Nachdem Nitzard über den Bayerischen Ministerpräsidenten in einem Tiktok-Video gesagt hatte: „Dieser Hundesohn will einfach nur das gute Leben für sich und nicht das gute Leben für alle.“ Und so.
Als sich die ja freilich mit beabsichtigte Empörung darauf medial auch jeweils und immer zuverlässig einstellte, reagierten beide in einem Gestus, der den Kulturbruch verdeutlichte: Es geht hier doch nicht um etwas wörtlich so auch Gemeintes (war da nicht was mit Politikerbeleidigungen diese Woche noch?). Es ist viel mehr eben wie beim klassischen „Battle Rap“, wo es darum geht, einen Wettkampf zu gewinnen, der darin besteht, einander möglichst originell zu dissen. Ihre Community jedenfalls hatte das je auch verstanden und bejubelt. So besehen ist das, was sich in den mindestens zugespitzt kritischen, oft auch Hass speienden Internet-Kommentaren von den dümmsten Trollen bis zu den eigentlich klügsten Politikern so gegeneinander abgrenzt und aufstachelt: im Grunde eine Fortsetzung des Rap als Gesellschaftsspiel. Was bloß halt leider jede Debatte verunmöglicht, wie auch der Rap eher zu Gang-Kriegen geführt hat als zu verständigen Kooperationen. Und diese Ähnlichkeit ist alles andere Zufall, nachdem Rap wie weltweit auch hierzulande die erfolgreichste, die umsatzstärkste, die zuerst Generationen und darüber auch Gesellschaft und Gegenwart prägende Unterhaltungskultur ist. Übertrieben?
Dann erst mal zum Naheliegenden. Wie beim Rock und beim Punk nämlich war es auch beim Rap: Mitunter traten gerade diejenigen, die in der Leistungs- und Wohlstandsgesellschaft die Außenseiter und Verlierer hier aus dem Schatten und wurden in der Pose der Anti-Helden gefeiert. Mit wachsendem Erfolg wurden ausgerechnet solche Figuren dann zu Ikonen, zu Helden, zu Pop – gleich einer Rache an der vermeintlichen Normalität der bürgerlichen Gesellschaft. Bloß leider auf ganz andere Art, als das auch die neuen (Anti-)Helden selbst gern gesehen hätten.
Eine früh im Aufstieg des Rap schon sehr kluge Reflexion hat das im Album „Home Invasion“ von 1993 gefunden. Der Rapper Ice-T, eine der schon frühen und lange beständigen Größen des Gangsta-Rap, nämlich kündet darauf auch schon im Cover davon, dass die Kids der weißen Wohlstandsgesellschaft diese Musik cool finden – und dass darum durch sie die prekären Lebensumstände all der rassistisch marginalisierten Gruppen (für ihn damals schon nicht nur die Schwarze, auch Puerto Ricaner und viele mehr) ins Bewusstsein der Gesellschaft kommen. Darum muss der Gangsta-Rapper auch zu eindrücklichen Musik, mit knalligen Reimen und in drastischen Beschreibungen von diesen Lebensumständen erzählen. Von der alltäglichen Gewalt, vom Hass, von der Herabwürdigung der Frauen … Aber haben die Wohlstandskids darum (siehe Cover) über die Musik von Ice-T und Ice Cube und Public Enemy auch auf die gesellschaftsverändernden Geschichten und Gedanken von Autoren wie Malcolm X und Iceberg Slim gegriffen, eine Idee für eine gerechtere Gesellschaft gewonnen? Ice-T hat im Hardcore-Projekt Body Count ja in Fortsetzung des „Fuck The Police“ von NWA auch vom „Cop killer“ gerappt nicht einfach als Pose, sondern in die Zeit des tödlichen Angriffs von Beamten auf Rodney King …
Das Außenseiter-Drama ist zur Pop-Pose geworden, das Gift des Rap hat sich weit über die Szene ausgebreitet
Nein, was passierte, war: Der Gangster wurde zum Kult – und mit ihm all die Kennzeichen seiner doch eigentlich prekären und gesellschaftlich problematischen Existenz. Chauvinismus und Gewalt, Kriminalität und Drogen, Protz und Porno … – eben hier schon genau das. Bis hinein in die Mode und die Sprache, aber auch samt einem mit demokratischen Werten schwer vereinbaren Ehrbegriff. Nicht nur zu eigen gemacht von denen, die sich tatsächlich ja weltweit in den Szenerien des Rap mit ihren eigenen Lebensumständen identifizieren konnten und bis heute können, auch hierzulande bis zum Deutsch-Rap von Advanced Chemistry bis Haftbefehl. Sondern auch von denen, die wie auf dem Album-Cover in den Wohlstandsjugendzimmern hocken, den coolen Gangsta-Rap hören, sehen, wie drastisch das Leben im Schatten sein, aber nichts dagegen unternehmen, sondern selber so werden wollen.
Das Außenseiter-Drama ist zur Pop-Pose geworden – und damit hat eben nicht nur ein tatsächlich toxischer Männertyp einen neuen Heldenschub bekommen. Über den nämlich ließe sich ja nach den Jahrzehnten der gesellschaftsprägenden Kraft auch international sagen, was kürzlich die FAZ aufatmend für hiesige Verhältnisse verkündete: „Deutschrap war lange das Revier des harten Mackers. Jetzt drängen queere, weibliche und weichere Gegenbilder ins Zentrum der Szene – und brechen ein Männerbild auf, das lange als unantastbar galt.“
Der andauernde „Battle Rap“ in den Social-Media-Debatten aber wird wohl noch viel länger wirken. Das möglichst originelle und knallige Herabwürdigen eines Gegenübers nämlich hat sich als Gift des Rap auch weit über die Szene hinaus ausgebreitet. In einer verarmten Form, die keine kritische Erkenntnis mehr beinhalten muss, herrscht da bitterschwarze Comedy. Aus kraftstrotzenden und auf ihre Ehre pochenden Gangstern sind dabei mitunter anonym hassende Würstchen genannt Trolle geworden, die unwürdigsten Nachfolger von Ice-T und Co. überhaupt. Und selbst in den idyllischsten Städtchen pinselt irgendein Knallkopf „ACAB“ auf jede dritte Parkbank – oder halt „1312“ als alphabetisches Synonym. Die Pubertät, sie hört nie auf.
Bei Ice-T und Konsorten waren die Wut und die Absolutheit des eigenen Standpunktes noch eine Frage der Selbstbehauptung - was sich durchaus fortsetzt bis ins Auftreten der heutigen Rapperinnen. In den männlichen Verfallsformen bis hinein in die Internetforen der Gegenwart aber geht es nur noch im Selbstgereichtigkeit, ja, offenbar auch bis hinein in die Grüne Jugend.
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