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„Nur die Hälfte aller Sexträume beinhalten den Partner“: Wie wir träumen und was es bedeutet

Träume sind Schäume? Von wegen. Sie verraten einiges über das Wachleben.
Foto: Adobe Stock
Psychologie

„Frauen träumen mehr von emotionalen Themen, Männer häufiger von Sex und Kämpfen“

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    Und, wovon haben Sie letzte Nacht geträumt? Saßen Sie nackt im Büro und haben mit einem alten Schulfreund Karten gespielt? Haben Sie Einbrecher gejagt oder wurden verfolgt? Sind Sie vom Turm gestürzt, über eine Wiese geschwebt oder ist da einfach nur Leere und Sie erinnern sich an nichts? Egal, wie abgedreht oder banal, im Traum ist alles möglich. Da werden Naturgesetze ausgehebelt und Fantasien geweckt, plötzlich kann man fliegen, unter Wasser atmen, die verstorbene Oma wiedersehen und böse Mächte besiegen. Mal wacht man schweißgebadet auf, mal wünscht man sich, das nächtliche Erleben möge nie enden. Oft sind Träume auch verpufft, bevor man sie fassen kann. Wie also verstehen, was da im Schlaf passiert? Wovon träumen Menschen und was sagen die Bilder und Eindrücke aus, die da nachts im Kopf umherschwirren?

    Im Traum Fremdgehen? Keine Seltenheit, sagt Traumforscher Michael Schredl

    Antworten hat Michael Schredl. Er leitet das Schlaflabor am Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim und ist einer der führenden Traumforscher. Er sagt: „Wir alle träumen, aber das subjektive Erleben während des Schlafs ist so individuell wie im Wachzustand.“ Typische Träume, die jeder mal erlebt, gibt es also nicht? Schredl zögert. Ja und nein. Bei Albträumen finden sich wiederkehrende Muster, harmlose Träume hingegen ließen sich schwer verallgemeinern. Menschen träumen von der Arbeit, von Familienmitgliedern, Haustieren, Hobbys, aber wie sie das tun, ist äußerst vielfältig. „Träume sind dramatisierte Darstellungen von Themen, die uns im Alltag beschäftigten“, sagt Schredl. „Sie spiegeln unser Wachleben kreativ und meistens emotional intensiviert wider.“ Ein harmloser Streit unter Kollegen kann zum Zweikampf ausarten und nach einem aufwühlenden Gespräch bebt im Traum schon mal die Erde.

    Im Traum ist alles möglich: Ein harmloser Streit unter Kollegen kann zum Zweikampf ausarten und nach einem aufwühlenden Gespräch bebt schon mal die Erde.
    Im Traum ist alles möglich: Ein harmloser Streit unter Kollegen kann zum Zweikampf ausarten und nach einem aufwühlenden Gespräch bebt schon mal die Erde. Foto: Adobe Stock

    Aber bei aller Fantasie, ein paar allgemeine Tendenzen gibt es Schredl zufolge doch. So träumen Eltern häufiger von Kindern als Menschen ohne Kinder. Kinder wiederum träumen häufiger von Tieren als Erwachsene, weil ihr Verhältnis zu Tieren, ob Stofftier, Haustier oder Tiergeschichten, intensiver ist. Hundebesitzer begegnen in einem Fünftel ihrer Träume einem Hund, Menschen ohne Hund nur in etwa zwei Prozent ihrer Träume. Außerdem zeigen Studien: Selbst im Traum gibt es Unterschiede zwischen den Geschlechtern. „Frauen träumen mehr von emotionalen Themen, Männer häufiger von Sex und physischer Aggression im Sinne von Kämpfen“, sagt Schredl. „Die Inhalte sind verschieden und bestätigen alle Vorurteile.“

    Apropos Sex, im Traum Fremdgehen? Keine Seltenheit, sagt Schredl. „Nur etwa die Hälfte aller Sexträume beinhalten den Partner.“ Hatte Freud also recht, als er von unerfüllten Wünschen und sexuelle Neurosen fabulierte, die im Traum hervortreten? Nicht unbedingt, sagt Schredl. Man sollte sich lieber die Emotionen ansehen, die dahinterstehen. Fremdgehen im Traum könne ganz andere Dinge als den Wunsch nach erotischem Vergnügen ausdrücken. Allgemein gehe es um das Erleben von schönen Dingen im Wachleben, so könnten solche Träume anregen, sich damit auseinanderzusetzen, was im Wachleben mit dem Partner oder der Partnerin Spaß macht.

    Menschen träumen, solange sie schlafen, auch wenn sie sich nicht daran erinnern

    Aber mal grundsätzlich gefragt: Träumen wir wirklich alle jede Nacht? Ja, sagt Schredl. „Wenn wir schlafen, ist das Gehirn in einem anderen Arbeitsmodus als im Wachzustand, aber es ist nie abgeschaltet.“ Wie das Herz nachts schlägt, ist auch das Gehirn aktiv und mit ihm das Bewusstsein und das subjektive Erleben. Schredl vergleicht den Zustand mit einem Alkoholrausch. „Nach einer Flasche Wein verändert sich die Hirnphysiologie und damit das subjektive Erleben“, sagt er. „Ähnlich bewirkt die veränderte Gehirnaktivierung ein anderes Erleben beim Träumen.“ Studien zufolge ist im REM-Schlaf das limbische System, das Emotionen verarbeitet, aktiver ist als im Wachzustand. Dafür sind die Gehirnareale für das planerische Denken weniger aktiv, was die vielen unrealistischen Träume erklären könnte.

    Menschen träumen, solange sie schlafen, auch wenn sie sich nicht daran erinnern. Das zeigen sogenannte Weckstudien im Schlaflabor, bei denen Teilnehmende alle fünf Minuten nach dem Einschlafen geweckt werden – und fast immer haben sie eine Erinnerung, egal in welchem Schlafstadium. Lange gingen Forschende davon aus, dass Menschen nur im REM-Schlaf träumen. Die Abkürzung steht für „Rapid Eye Movement“, da sich in der Phase die geschlossenen Augen hin- und herbewegen, als würde man vor dem inneren Auge einen Film sehen. Tatsächlich sind die Träume dann besonders lebhaft, aber auch in den anderen Phasen, von der Einschlafphase über den leichten Schlaf bis zur Tiefschlafphase, träumen Menschen.

    Ratgeber sollen bei der Traumdeutung helfen - alles Hokuspokus?

    Wie aber das nächtliche Wirrwarr auflösen und verstehen, was es zu bedeuten hat? Haben sich die alten Ägypter auch schon gefragt, sie schrieben Träumen eine tiefere Bedeutung zu und versuchten, sie zu entschlüsseln. In der Antike galten die nächtlichen Erlebnisse dann als zukunftsweisend, selbst ernannte Traumdeuter orakelten anhand von Träumen über bevorstehende Entwicklungen, Ärzte wie Hippokrates notierten die Träume ihrer Patienten und lasen daraus den Verlauf von Krankheiten ab. Mit der Moderne wuchs das Forschungsinteresse an Träumen, für Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse und leidenschaftlicher Traumdeuter, waren sie eine Brücke ins Unterbewusste. In seinem Werk „Die Traumdeutung“ stilisierte er Schirme, Messer, Spargel und Krawatten zu Männlichkeitssymbolen und sah in Dosen, Höhlen und Kisten weibliche Genitalien.

    Michael Schredl leitet das Schlaflabor am Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim und ist einer der führenden Traumforscher.
    Michael Schredl leitet das Schlaflabor am Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim und ist einer der führenden Traumforscher. Foto: Zentralinstitut für seelische Gesundheit

    Solche eindeutigen Zuschreibungen sind heute längst überholt, zumindest in der Traumforschung. Aber im Netz finden sich dutzende Seiten, die bei der Traumdeutung helfen sollen. Da werden Motorräder mit Durchsetzungskraft gleichgesetzt, schwarze Hunde zu bösen Omen erklärt und Bären als Zeichen unterdrückter Wildheit interpretiert. Oder waren es doch Teddybären? Dann sehnt sich der Schlafende wohl nach Geborgenheit. Auch Ratgeber mit Titeln wie „Einfache Traumdeutung: 300 Symbole, um deine Träume zu verstehen“ oder „10.000 Träume: Traumsymbole und ihre Bedeutung von A bis Z“ sollen bei der Entschlüsselung helfen. Alles Hokuspokus? Schredl seufzt. Bei der Auseinandersetzung mit Träumen geht es nicht um die Deutung einzelner Symbole, sondern um die Frage, was man aus dem Traum fürs Wachleben lernen kann.

    Der Sturz ins Bodenlose, auch Falltraum genannt, ist der häufigste Albtraum

    Bestes Beispiel: Der Verfolgungstraum. Aus ihm lässt sich lernen, dass Weglaufen eine schlechte Strategie ist, die nicht dazu führt, dass die Angst abnimmt. Konfrontieren und Hilfe holen wäre besser. „Wenn man bedenkt, dass der Verfolgungstraum eine dramatisierte Version eines Vermeidungsverhaltens ist, das aktuell im Wachleben eine Rolle spielt, hat man schon eine wichtige Erkenntnis gewonnen“, sagt Schredl. Aufs Leben übertragen steht vielleicht eine Entscheidung an, die man nicht treffen möchte, ein Gespräch, dem man aus dem Weg geht oder eine Verpflichtung, die man vor sich herschiebt.

    Die meisten kennen diesen Moment, wenn man nachts hochschreckt, geplagt von unangenehmen Bildern und Erlebnissen. Man fühlt sich bedroht, gerät in Panik, ist hilflos oder ängstlich. „Albträume können Themen des Wachlebens emotional dramatisiert darstellen“, sagt Schredl. Die Flutwelle, die über einen rollt, kann das Gefühl widerspiegeln, dass gerade alles zu viel ist. „Oft sind die Emotionen im Albtraum so heftig, dass man erwacht“, sagt Schredl. Und es gibt Grundmuster. Der Sturz ins Bodenlose, auch Falltraum genannt, ist Schredl zufolge der häufigste Albtraum. Dicht gefolgt von Verfolgung, Zuspätkommen, dem Gefühl der Lähmung und dem Tod einer nahe stehenden Person. „Gerade bei Albträumen ist es wichtig, sich mit ihnen und den Themen, die sie aufgreifen, auseinanderzusetzen“, sagt Schredl. Im Moment des Erlebens sind sie unangenehm, aber sie können helfen, denn sie machen wichtige Themen im Wachleben bewusst.

    Der Sturz ins Bodenlose ist der häufigste Albtraum. Auch Verfolgung, Zuspätkommen, dem Gefühl der Lähmung und dem Tod einer nahe stehenden Person verdüstern den Schlaf.
    Der Sturz ins Bodenlose ist der häufigste Albtraum. Auch Verfolgung, Zuspätkommen, dem Gefühl der Lähmung und dem Tod einer nahe stehenden Person verdüstern den Schlaf. Foto: Adobe Stock

    Eine Studentin erzählte ihm mal, wie sie im Traum mit einer Freundin im Meer schwamm und die Freundin immer weiter abtrieb bis sie ertrank. Das Gefühl, auseinanderzudriften und sich aus den Augen zu verlieren, hatte einen realen Bezug. Der Studentin machte es zu schaffen, dass ihre Mitbewohnerin ausgezogen war und sich nicht mehr bei ihr meldete. Verlustangst bildhaft dargestellt – im Traum ist alles möglich, wenn auch nicht immer direkt ersichtlich. Denn die Studentin schwamm nicht mit ihrer Mitbewohnerin, sondern mit einer anderen Person. „Nicht immer geht der Traum um die Menschen, die im Traum vorkommen“, sagt Schredl. „Das ist wie im Hollywood-Film, unser Bewusstsein arbeitet nicht realitätsgetreu, sondern sucht sich die beste Besetzung für eine Rolle.“ Ein alter Schulkamerad wird ausgewählt, weil er für die Rolle am besten passt. Bei Träumen von Einbrechern geht es nicht ums reale Einbrechen, sondern um Übergriffigkeit. „Deutlicher lässt sich das Gefühl, dass jemand in die Privatsphäre eindringt, kaum darstellen“, sagt Schredl.

    Im Traum äußern sich normale Wachgefühle wie Wut auch mal in Gewaltfantasien

    Stress im Wachleben kann das nächtliche Erleben verdüstern. Untersuchungen zeigen, dass die Albtraumrate bei Studierenden während der Prüfungszeit steigt. Auch Alkohol wirkt wenig wohltuend und kann negative Gefühle und Albträume verstärken. Traumatische Erlebnisse verfolgen Menschen auch oft bis in den Schlaf. Schredl zufolge wurden Deutsche, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben, häufiger von Kriegsszenen im Traum geplagt. Einer aktuellen Studie aus Polen zufolge nehmen Kriegsträume dort zu. „Mit der Nähe zu Russland steigt das Gefühl von Angst und Bedrohung“, sagt Schredl. Ob es mehr solcher länderspezifischen Unterschiede gibt? Schwer zu sagen, meint Schredl. Es gebe kaum Studien, eine aber falle ihm ein, da wurde Deutschland mit USA und Kanada verglichen. Ergebnis: Deutsche träumen häufiger vom Zuspätkommen.

    Im Traum äußern sich normale Wachgefühle wie Wut auch mal in Gewaltfantasien. Schredl erinnert sich an einen Mann, der ihm erschrocken erzählte, wie er im Traum jemanden tötete. „Er war im Wachzustand wütend, aber es war für ihn nicht einfach, damit umzugehen“, sagt Schredl. Auch Frauen würden im realen Leben häufig Wutgefühle unterdrücken, im Traum wird das Thema dann dramatisch aufgegriffen. „In der psychologischen Arbeit geht es dann um die Frage, wie man mit der Wut umgeht“, sagt Schredl. Auch er habe im Traum schon versucht, einen Mann zu töten, der es auf seinen Bruder abgesehen hatte. „Ich habe ihm mit dem Heizungsrohr den Schädel einschlagen, aber dann tat es mir leid und ich wollte den Notarzt rufen“, sagt Schredl. Das träumende Bewusstsein schreckt vor nichts zurück - und lässt sich allerhand einfallen.

    So lassen sich die nächtlichen Bilder auch schwer verallgemeinern. Ähnliche Eindrücke können für jemand anderen eine völlig andere Bedeutung haben. Kompliziert, das mit den Träumen, also mal andersherum gefragt: Gibt es Themen, von denen Menschen selten träumen? „Mir hat noch niemand erzählt, dass er im Traum stundenlang im Wartezimmer saß oder Zug gefahren ist“, sagt Schredl. „Ich trage eine Brille, die ist schon mal kaputtgegangen im Traum, aber ich habe sie noch nie abgesetzt oder geputzt, obwohl ich sie jeden Abend Tag in der Hand habe.“ Alltägliche Abläufe und Gegenstände sind im Schlaf schnell vergessen, zu langweilig, zu banal. Das Bewusstsein kann im Traum machen, was es will und nutzt die kreative Freiheit.

    „Träumen bedeutet Action, da ist immer was los“, sagt Schredl. So steht das eigene Bett auch selten im eigenen Schlafzimmer, obwohl da das Träumen stattfindet, aber auf einer Insel, im Luxus-Hotel oder über den Wolken träumt es sich doch deutlich besser. Ein Ort, an den das Gehirn im Schlaf auch selten führt: vor den Spiegel. Denn beim Träumen geht es ums Erleben, um Unbewusstes und Emotionen. Statisch vor dem Spiegel stehen und sich selbst wahrnehmen, fad für das träumende Bewusstsein. Das entwirft lieber aufregende Bilder und wundersame Erlebnisse.

    19.200 Träume hat Traumforscher Michael Schredl in seinem Traumtagebuch notiert

    „Ich bin immer wieder überrascht, wie kreativ unser Bewusstsein ist“, sagt Schredl. Er habe mal geträumt, dass er in einem Zimmer wohnt mit einem Loch in der Wand, durch das Tiere hineinkriechen können. Ein gelungenes Bild dafür, dass er sich im realen Leben schwer abgrenzen konnte und nur einer von 19.200 Träumen, die Schredl in seinem Traumtagebuch notiert hat. Seit mehr als 40 Jahren macht er das und entdeckt immer wieder Interessantes. So kann er anhand seiner Aufzeichnungen die Klimakrise ablesen, denn Worte wie Schnee und Eis finden immer seltener Erwähnung. Auch der Medienkonsum beeinflusst die nächtlichen Erlebnisse, wie sein Traumtagebuch zeigt. Früher habe er mehr Action-Filme geschaut und auch häufiger von Waffen geträumt. Ein besonders schöner Traum, der ihm in Erinnerung geblieben ist? Schredl überlegt: „Einmal bin ich übers Meer geflogen, endloser Horizont, unter mir die Wellen, die Kraft der Natur war beeindruckend.“ Fliegen zu können, davon träumt wohl jeder – und wer es im Schlaf erlebt, vergisst es so schnell nicht. „Eine positive Erfahrung, die uns im Wachzustand verwehrt bleibt“, sagt Schredl. Das macht Flugträume so besonders.

    Die höchsten Berge erklimmen, über eine Wiese fliegen - träumen kann so schön sein.
    Die höchsten Berge erklimmen, über eine Wiese fliegen - träumen kann so schön sein. Foto: Adobe Stock

    Im Schlaf öffnet sich eine Welt, die keine Grenzen kennt und Unmögliches wahr werden lässt, eine inspirierende Welt. Maler wie Salvador Dalí oder Joan Miró verarbeiteten ihre Träume in surrealistischen Werken. Auch Sänger Paul McCartney will die Melodie zum Beatles-Hit „Yesterday“ im Traum gehört zu haben. Apropos Musik, die wird im Traum meistens als positiv empfunden, da sie im realen Leben mit Freizeit und Entspannung verbunden ist. Professionelle Musikerinnen und Musiker erleben sie aber auch negativ im Traum, weil sie mit Stress und Druck verbunden ist. Ein verpatzter Einsatz, ein Instrument, das keinen Ton mehr von sich gibt, da wird der Traum schnell zum Albtraum.

    Traumforscher sagt: „Wir erleben im Traum alles genauso real wie im Wachzustand“

    Der bleibt dann oft in Erinnerung, aber was ist mit all den schönen Träumen? Warum können sich manche Menschen kaum an sie erinnern? Das Positive vorweg: Das Erinnern lässt sich trainieren. „Entscheidend ist die Aufmerksamkeit“, sagt Schredl. „Wer sich für seine Träume interessiert, regelmäßig Traumtagebuch führt und über das Erlebte nachdenkt, wird sich besser an seine Träume erinnern können.“ Tendenziell würden sich Frauen besser an Träume erinnern als Männer, bei kreativen Menschen bleiben sie eher hängen und auch schlechte Schläfer haben mehr Traumerinnerungen, weil sie häufiger aufwachen.

    Neben der Beschäftigung mit dem Thema hat Schredl noch einen Tipp: Ausschlafen. Wer jeden Tag vom Wecker aus dem Schlaf gerissen wird, denkt ans Piepen, Aufstehen, Arbeiten und hat die Erlebnisse der Nacht schnell vergessen. Auch die Schlafdauer spielt eine Rolle, je ausgiebiger die Nachtruhe, desto mehr träumt man und desto eher bleiben die Bilder im Gedächtnis. „Wir gehen ins Bett, wann wir wollen und stehen auf, wann wir müssen“, sagt Schredl. „Das führt dazu, dass die meisten Menschen zu wenig schlafen.“ Sieben bis neun Stunden wären ideal, je nach individuellem Bedürfnis. Aber guter Schlaf? Eine Wissenschaft für sich, lieber beim Träumen bleiben und über das Warum sprechen.

    Welchen Sinn haben die nächtlichen Wahrnehmungen? Darauf hat auch Schredl keine Antwort. „Wir wissen nicht, warum wir träumen, wir wissen nur, dass wir es tun.“ Es gebe verschiedene Theorien, aber keine eindeutigen Daten, die es belegen. Schredl gefällt der Vergleich mit dem Spielen von Kindern, das keinen direkten Zweck erfüllt, aber die Fähigkeiten trainiert. Ähnlich könnte es mit dem Träumen sein, das Bewusstsein läuft weiter, um Erlebtes zu verarbeiten und Fähigkeiten im Umgang mit Menschen, Ängsten und Schwierigkeiten zu üben. Träumen als Trainingslager fürs reale Leben, schöne Vorstellung.

    „Wir erleben im Traum alles genauso real wie im Wachzustand“, sagt Schredl. Menschen haben dasselbe Ich-Gefühl, in der Regel sind sie die Protagonisten ihrer Träume, können sehen, hören, fühlen und Dinge erleben, die im Wachzustand unmöglich sind. Nur eins können die wenigsten: Eingreifen und den Verlauf des Traums verändern. Der nächtliche Film läuft ab, das Drehbuch kann nicht umgeschrieben werden. Doch manche Menschen können genau das. Sie erleben Klarträume, in denen sie sich bewusst darüber sind, dass sie träumen und teilweise die Handlung mitbestimmen können. Aber wie ist das möglich?

    Wer sich mit seinen Träumen beschäftigt, kann lernen, sie zu verändern

    Schnell noch ein Anruf bei Brigitte Holzinger. Sie leitet das Wiener Institut für Bewusstseins- und Traumforschung, gibt an der Medizinischen Universität Wien Lehrgänge zum Thema Schlafcoaching und ist Expertin in Sachen luzides Träumen, wie das bewusste Träumen auch genannt wird. Sie sagt: „Träume sind für mich Gefühle und Atmosphären in bewegten Bildern dargestellt. Wer sie würdigt, kann etwas über sich selbst lernen.“

    Und wer sich mit seinen Träumen beschäftigt, kann lernen, sie zu verändern. Holzinger weiß das aus eigener Erfahrung, sie hat sich das luzide Träumen beigebracht. Einfach war es nicht, aber umso eindrücklicher, als sie ihren ersten Klartraum erlebte. „Ich bin einen Hügel hinaufgelaufen und dachte plötzlich ganz bewusst, dass ich jetzt gern abspringen und fliegen würde“, sagt die Psychotherapeutin. Zuerst sprang sie nur ein paar Meter in die Höhe, aber nach ein paar Versuchen schwebte sie durch die Luft. Absolutes Glücksgefühl.

    Brigitte Holzinger leitet das Wiener Institut für Bewusstseins- und Traumforschung, gibt an der Universität Wien Kurse zum Thema Schlafcoaching und ist Expertin in Sachen luzides Träumen.
    Brigitte Holzinger leitet das Wiener Institut für Bewusstseins- und Traumforschung, gibt an der Universität Wien Kurse zum Thema Schlafcoaching und ist Expertin in Sachen luzides Träumen. Foto: mail@andyhill.pics

    Aber wie kann man das luzide Träumen lernen? Erst mal muss man umdenken und die eigenen Träume als bedeutsam erachten, sagt Holzinger. Man sollte sich mit ihnen beschäftigen und die Erinnerung daran trainieren. Traumtagebuch führen, kleine Details, Farben, Gefühle und Eindrücke sofort nach dem Aufwachen notieren, sich vor dem Einschlafen fest vornehmen zu träumen, sich vorstellen, wie sich so ein Klartraum anfühlen könnte - alles Wege, die das luzide Träumen wahrscheinlicher machen. Holzinger hat mit der DreamSenseMemory-Technik zudem eine Methode entwickelt, die an ein intuitives Verstehen der eigenen Träume heranführt. Auch die Frage, wie und ob man in seinen Träumen herumfuhrwerken möchte, sollte man sich Holzinger zufolge bewusst stellen.

    Manche erleben es zufällig, andere wollen es gezielt lernen. Die Forschung steht noch am Anfang, aber das Interesse am luziden Träumen wächst, sagt Holzinger. Ihre Studien deuten darauf hin, dass es in der Psychotherapie wirksam sein kann, beispielsweise bei der Bewältigung von Albträumen. Zudem soll es das Gefühl von Selbstwirksamkeit und Selbstkontrolle stärken.

    Traumforschein sagt: „Das Schöne ist, dass es keine vorgefertigten Muster gibt“

    Die Traumwelt beeinflussen oder gar manipulieren, davon träumen auch andere. Ein Bieranbieter in den USA hatte 2021 mit einer Werbeaktion versucht, Produkte in den Träumen von Konsumenten zu platzieren. Sie sollten vor dem Schlafengehen dreimal ein Werbevideo anschauen und am nächsten Morgen sagen, wovon sie geträumt hatten. Als Belohnung winkte ein kostenloses Sixpack. Mehr Werbekampagne als Traumstudie, sagt Holzinger. So einfach ließen sich Träume nicht manipulieren. Doch die Aktion ließ Traumforschende weltweit aufhorchen, denn ganz abwegig ist die Idee nicht, auch wenn sie bislang nur in Hollywood-Filmen wie „Inception“ oder „Vanilla Sky“ durchgespielt wurde und es eher als unwahrscheinlich gilt, dass äußere Reize in Träume eindringen.

    Das Potenzial von Träumen aber ist Holzinger zufolge unbestritten. „Ich staune immer wieder, wohin die Traumarbeit Menschen führen kann“, sagt die Forscherin. „Das Schöne ist ja, dass es keine vorgefertigten Muster gibt.“ Erschließen könne sich das Erlebte nur der Träumende selbst, als Therapeutin und Schlafforscherin könne sie den Prozess begleiten. Holzinger findet, dass Träume nicht die Wertschätzung bekommen, die sie verdienen. Nicht nur, weil Menschen etwa ein Drittel ihres Lebens schlafen und viel Zeit verträumt. Für die Forscherin sind die nächtlichen Bilder eine Form der Verarbeitung, sozusagen eine Vorstufe der Therapiesitzung und damit existenziell. „Wir sollten die kreativen Erlebnisse würdigen, denn sie sind Teil der inneren Entwicklung des Menschen und schaffen Zugang zur eigenen Fantasie“, sagt Holzinger. Außerdem mache es Spaß, sich mit ihnen zu beschäftigen. Und egal, wie gut man sich an die Bilder erinnern oder ob man das Erlebte steuern kann, die Welt des Traums bleibt auch immer geheimnisvoll.

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