In der zweiten Staffel von „Hijack“ gerät Ihre Figur in eine Extremsituation, in der es kein richtig oder falsch gibt. Was interessiert Sie persönlich an genau solchen Momenten?
IDRIS ELBA: Mich interessiert immer der Moment danach. Nicht das Spektakel selbst, sondern das, was es innerlich auslöst. Wer bist du, wenn alles vorbei ist – und du mit dem, was du getan hast, allein bleibst?
Bleibt davon auch etwas bei Ihnen?
ELBA: Ja. Man nimmt etwas mit. Man beginnt, Dinge anders zu betrachten, vielleicht auch vorsichtiger. Manche Figuren wirken leise nach – nicht laut, aber nachhaltig. Sie verändern nicht sofort alles, aber sie setzen etwas in Bewegung. Und genau das bleibt oft länger, als man erwartet.
Sie sprechen von innerer Veränderung. Gibt es Werte, die Ihnen heute wichtiger sind als früher?
ELBA: Ja. Ich habe gelernt, dass man dem Leben mit Offenheit begegnen sollte. Ich vertraue Menschen grundsätzlich – bis ich einen Grund bekomme, es nicht zu tun. Für mich ist das ein gesünderer Weg zu leben als ständig misstrauisch zu sein. Andernfalls würdest du permanent in Angst oder Abwehrhaltung bleiben.
Sam ist nach der ersten Staffel kein unbeschriebenes Blatt mehr. Wie sehr hat Sie diese innere Bruchstelle interessiert?
ELBA: Sehr. Mich hat weniger der Moment des Schocks interessiert, sondern das Danach. Was bleibt, wenn etwas so Einschneidendes vorbei ist? Ich habe mich viel mit Trauma beschäftigt – besonders damit, wie Männer damit umgehen. Oder eben nicht umgehen. Sam trägt etwas mit sich herum. Er hat nicht einfach weitergemacht, nicht einfach wieder funktioniert. Und das kenne ich auch aus dem echten Leben.
Ist das etwas, das Sie auch persönlich beschäftigt?
ELBA: Ja. Ich glaube, wir leben oft in einer Welt, in der erwartet wird, dass man schnell wieder „normal“ ist. Aber so funktioniert das nicht. Manche Erfahrungen verändern dich – leise, aber nachhaltig. Man trägt sie weiter in sich – auch wenn von außen längst alles wieder ruhig wirkt.
Was hat Sie an der zweiten Staffel von „Hijack“ am meisten gereizt – jenseits der Spannung?
ELBA: Dass nichts glatt ist. Weder Sam noch die Situation. Alles fühlt sich enger an, unmittelbarer, roher. Und Berlin verstärkt das. Diese U-Bahn, dieses Unterwegssein unter der Stadt – man ist sehr nah beieinander. Das verändert die Dynamik komplett.
Hat Sie das auch selbst gefordert?
ELBA: Absolut. Aber genau das suche ich. Ich will Projekte, die etwas mit mir machen. Die mich zwingen, genauer hinzusehen – bei einer Figur, aber auch bei mir selbst.
Spüren Sie mit dieser Haltung auch eine Verantwortung gegenüber anderen – etwa gegenüber jüngeren Kolleginnen und Kollegen?
ELBA: Absolut. Gerade bei den ganz jungen merkt man oft, wie aufgeregt sie sind. Da möchte ich einfach da sein, unterstützen, Sicherheit geben. Ich sehe das als Teil meiner Verantwortung – nicht nur als Schauspieler, sondern als Mensch.
Gedreht wurde im Winter in Berlin, oft unter der Erde, oft in der U-Bahn. Welche Erinnerungen verbinden Sie persönlich mit der Stadt?
ELBA: Ich war schon als junger Mann in Berlin. Ich habe hier einmal Silvester verbracht, da war ich etwa 18 oder 19 – das müsste 1989 gewesen sein. Das war eine ganz besondere Zeit. Diesmal war es natürlich ganz anders: Es war sehr kalt, sehr frostig, und die Umstände waren völlig andere. Aber ich liebe Berlin. Und ich spreche ein bisschen Deutsch. (lacht)
Haben Sie Deutsch eher früh gelernt – oder kam das später durch Ihre Arbeit dazu?
ELBA: Nein, tatsächlich schon in der Schule. Ich hatte Deutschunterricht und mochte die Sprache damals sehr. Ich fand, sie ist dem Englischen ziemlich ähnlich, deshalb konnte ich sie ganz gut aufnehmen. Aber inzwischen bin ich ziemlich eingerostet. (lacht) Kaputt.
Was hat Berlin mit Ihnen persönlich gemacht?
ELBA: Diese Stadt hat eine ganz eigene Energie. Sie trägt Geschichte in sich – man spürt sie, auch wenn man einfach nur durch die Straßen läuft. Sie ist rau, offen, ehrlich. Nichts ist geschniegelt, nichts will gefallen. Ich mag Städte, die nicht versuchen, perfekt zu sein. Berlin erlaubt Widersprüche. Und genau das hat sich für diese Zeit sehr richtig angefühlt.
Wenn Sie von Beobachten, Nähe und echten Begegnungen sprechen – brauchen Sie das auch im eigenen Leben, um geerdet zu bleiben?
ELBA: Ja, absolut. Ich merke, wie wichtig mir echte Verbindung ist. Einfach unter Menschen zu sein, zuzuhören, Gesichter zu sehen, Stimmen zu hören. Deshalb mag ich Orte, an denen man sich nicht verstecken kann – wo man Teil von etwas ist. Das hält mich geerdet und erinnert mich daran, dass wir alle letztlich miteinander verbunden sind.
Berlin wird oft mit London verglichen. Fühlen Sie sich dort ein bisschen wie zu Hause?
ELBA: Ja, ich mag die Kultur sehr. Das Nachtleben, das Essen – es gibt immer etwas zu tun. Und die Kunst. Die Kunstszene ist in Deutschland, besonders in Berlin, wirklich sehr groß. Das spürt man überall. Berlin ist keine Stadt, die dich schont. Du bist viel unterwegs, viel zwischen Menschen, viel in Bewegung – und genau das mochte ich.
Du steigst in die U-Bahn, beobachtest, hörst Sprachen, siehst Gesichter. Das hat etwas sehr Echtes. Für „Hijack“ war das perfekt, aber es hat mich auch privat geerdet.
Haben Sie tatsächlich die ganze Zeit nachts in der U-Bahn gedreht – oder gab es auch andere Drehorte in Berlin?
ELBA: Wir haben tatsächlich in der U-Bahn gedreht – teilweise direkt auf den Gleisen. Dafür wurden nachts ganze Abschnitte der Berliner U-Bahn gesperrt. Außerdem hatten wir eine große Sequenz in einer zentralen Station, mitten in einem großen Bahnhof – am Alexanderplatz. Das ist ein bisschen wie King’s Cross in London: sehr groß, sehr belebt.
Wann sind Sie eigentlich zuletzt mit der U-Bahn gefahren?
ELBA: Ich glaube, das letzte Mal war während der Dreharbeiten zu „Luther – The Fallen Sun“.
Gab es jemals einen Moment, in dem Sie sich gewünscht haben, Sam wäre an einem etwas sonnigeren Ort gelandet?
ELBA: Absolut. Ich habe vorgeschlagen, Sam auf einem Kreuzfahrtschiff in Barbados entführen zu lassen.
Und das wurde abgelehnt?
ELBA: Sehr schnell. (lacht)
Also kein Urlaubsfeeling?
ELBA: Nein. Und genau das ist der Punkt. „Hijack“ funktioniert nur dort, wo man nicht weg kann.
Gab es in Ihrer Karriere einen Wendepunkt, einen Moment, der Sie als Künstler wirklich verändert hat?
ELBA: Ja – aber es war kein bestimmtes Treffen. Es war der Abschied von meinem Vater. In unseren letzten Momenten hat er Dinge gesagt, die mein Leben in ein völlig neues Licht gerückt haben. Er sprach darüber, was er gern noch getan hätte, was er gern noch gesehen hätte. Und er wusste, dass ihm dafür keine Zeit mehr bleibt.
Was hat das mit Ihnen gemacht?
ELBA: Es hat mir klargemacht, dass man das Leben nicht in Kategorien einteilen sollte – das ist nur ein Job, das ist nur ein Projekt. Mein Vater hat zu mir gesagt: ‚Wende dich den Dingen ganz zu. Egal, ob du einen Film machst oder einen Kuchen backst – es sind alles Momente deines Lebens. Und die solltest du ernst nehmen.‘
Hat das auch den Blick auf Ihre Arbeit verändert?
ELBA: Total. Ich sehe heute viel klarer, wie viel Leidenschaft und Präzision in guter Arbeit steckt. Wenn ich mit Menschen arbeite, die für etwas brennen – wie bei „Hijack“ –, dann habe ich einen riesigen Respekt davor. Ich arbeite schon lange, aber ich glaube, ich hatte diesen Blick früher nicht in dieser Tiefe. Heute weiß ich: Genau diese Hingabe ist es, die einen wach hält.
Und deshalb wirken Sie nicht müde?
ELBA: Genau. Wenn man mit Menschen arbeitet, die noch immer alles geben, steckt das an. Und dann fühlt sich Arbeit nicht wie Arbeit an – sondern wie etwas, das zählt.
Verändert sich dieses Verantwortungsgefühl noch einmal, wenn man Vater ist?
ELBA: Auf jeden Fall. Dieser Beschützerinstinkt kommt ganz automatisch. Ich würde alles für meine Kinder tun. Gleichzeitig versuche ich, ihnen Raum zu lassen – nicht alles zu kontrollieren.
Sind Sie eher ein strenger oder entspannter Vater?
ELBA: Ich bin eher entspannt. Ich glaube nicht an übermäßige Strenge. Kinder machen am Ende sowieso ihre eigenen Erfahrungen – wir waren früher ja auch nicht anders. Daraus habe ich gelernt.
Hatten Sie jemals einen Plan B – oder war immer klar, dass Sie kreativ arbeiten wollen?
ELBA: Ich wollte schon früh ins Entertainment – eigentlich ins Radio. Musik, Stimmen, Atmosphäre – das hat mich total fasziniert. Klar war nur: Ich bin kein Typ für Anwaltskanzleien oder Arztpraxen. Ich funktioniere nur, wenn ich kreativ sein darf.
Zur Person
Idris Elba ist in London aufgewachsen. Er startete seine Schauspielkarriere mit Auftritten in britischen Fernsehserien, mit der Serie „The Wire“ gelang ihm Anfang der 2000er dann der Durchbruch. Seitdem spielte er in zahlreichen Kinofilmen mit, darunter in Blockbustern wie „Thor“ und „Prometheus“. Zeitweise wurde Elba als Favorit für die Nachfolge von Daniel Craig als James Bond gehandelt, doch nach teils rassistischen Debatten über seine Hautfarbe distanzierte er sich von dem Vorschlag. In der Serie „Hijack“ spielt der 53-Jährige einen Verhandlungsführer für internationale Unternehmen, jetzt ist die zweite Staffel gestartet.
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