Einst wohnte dem Wetten noch ein bisschen Romantik inne. Die des abenteuerlichen Gentlemans, den etwa Jules Verne in Phileas Fogg „In 80 Tagen um die Welt“ schickte. Oder die des Fernsehlagerfeuers, bei dem die ganze Familie mitfiebert, ob ein tonnenschwerer Bagger tatsächlich auf rohen Eiern stehen kann, oder so.
Aber vorbei, vorbei! Vielmehr kommt beim Blick auf die aktuellen Spielarten des Wettens zu Wut und Ekel, die sich in den vergangenen Jahren immer nur weiter vertieft haben, nun auch noch die blanke Fassungslosigkeit. Denn der letzte Schrei und zudem schon zu einem milliardenschweren Markt geworden ist es, auch auf Krieg, Wahlen und Katastrophen wetten zu können. Oder halt auch auf die Wiederkehr Christi, echt jetzt, auf alles einfach.
Aber der Reihe nach. Die Wut nämlich gilt dem ständig weiter wachsenden Geschäft mit Sportwetten, das im Grunde eines mit einer immer weiter wachsenden Zahl an Süchtigen ist, an dem nur zum Beispiel praktisch alle Vereine der Fußball-Bundesliga und natürlich auch die übertragenden Sender fleißig mitverdienen.
Der Ekel wiederum kommt zuletzt wieder verstärkt auf beim Blick auf die traditionelle Institution des geldwerten Wettens, auf die Börsen. Denn da hat es sich nun doch wiederholt zugetragen, dass zufällig unmittelbar, bevor der US-Präsident mal wieder eine neue Volte im Vorgehen gegen den Iran über Social Media verkündet hat, Händler sogenannte Future-Kontrakte in schwindelerregenden Höhen gekauft haben: Sie wetteten zum Beispiel allein am 23. März laut Financial Times im Gesamtwert von 580 Millionen Dollar auf sinkende Ölpreise, dann sagte Trump seinen zuvor angekündigten Angriff auf Teheran tatsächlich ab, der Ölpreis stürzte ab – und ein paar Menschen sind in sehr kurzer Zeit sehr viel reicher geworden, wie Analysten durchaus mit Unterton anmerkten. Es gibt ein Video, das den US-Präsidenten nach einer ebensolchen Ölpreiswette mit dem Milliardär Charles Schwab im Oval Office zeigt und er mit Blick auf diesen sagt, der Mann „hat heute 2,5 Milliarden gemacht“. Ob da Insidergeschäfte gemacht wurden?
Gewinnt Trump den Friedensnobelpreis? Kommt Jesus wieder? Auch darauf lässt sich wetten
Und damit zur Fassungslosigkeit. Denn ergänzend zu den Börsen gibt es inzwischen Anbieter wie Polymarket. Und um nur mal ein paar Beispiele zu nennen, was dort so passiert: Von mehr als 150 Accounts wurden dort am 27. Februar hohe Wetten auf einen Angriff auf Iran am folgenden Tag platziert – der dann tatsächlich passierte. Und ein Mensch hinter dem User-Namen Magamyman – zu Deutsch so was wie Make-America-Great-Again-mein-Mann - strich allein mehr als 500.000 Dollar ein, weil er zudem noch richtig auf den Tod des geistlichen Führers Ayatollah Chamenei gewettet hatte. Und ebenso setzte ein anonymer Nutzer auf Polymarket 34.000 Dollar Anfang Januar darauf, dass Venezuelas Machthaber Maduro noch bis Ende des Monats abgesetzt würde und erzielte bald darauf einen Gewinn von 410.000 Dollar.
Willkommen auf Polymarket also. Wo sich auch wetten ließ und lässt auf: Werden Aliens nachgewiesen? Kommt Jesus wieder? Gewinnt Donald Trump den Friedensnobelpreis? Wird Selenskyi 2026 als ukrainischer Präsident abtreten? Und alles mit Millionen-Dollar-Volumen. Das ist auch beim Wettbewerber Kalshi so, ein Name, dem arabischen Wort für „alles“ entlehnt, das Unternehmen mit Sitz in Manhattan, das mit Sportwetten groß wurde, aber immer mehr auch genutzt wird für anderes, auch auf Naturkatastrophen wird schon mal getippt. Polymarket hat gar keinen richtigen Sitz, Journalisten trafen am Registrierungsort Panama-Stadt kürzlich auf einen Briefkasten, der Hauptsitz des Gründers und CEO Shayne Coplan ist in Manhattan, einer der frühen Großinvestoren war der nicht unumstrittene deutsche US-Tech-Milliardär Peter Thiel. Der Sohn des US-Präsidenten, Donald Trump Jr., ist Berater von Kalshi und Polymarket.
In Deutschland ist das Geschäft als illegales Glücksspiel verboten
Und die Umsätze und der Wert dieser sogenannten Prognosemärkte steigen immer weiter in die Milliarden. In Deutschland ist ihr Geschäft als illegales Glücksspiel verboten. Außerdem wird laut Wall Street Journal aktuell wegen Insiderhandel von US-Behörden gegen Polymarket und Kalshi ermittelt. Dabei scheint das, was an den Börsen ein krasses Vergehen ist, hier ohnehin erwünscht. Shayne Coplan sagt, Insiderhandel sei eh unvermeidlich und trage letztlich ja eher dazu bei, dass die Prognosen zuverlässiger würden. So kann man es auch sehen. Oder fürchten, dass Wetten und womögliche Gewinne damit sogar (noch mehr) zu politischen oder gar militärischen Entscheidungen beitragen könnte. Oder eben einfach fassungslos sein.
Die Regeln sind einfach wie ein Spiel. Vom Deutschlandfunk erklärt: „Nutzer kaufen Ja- oder Nein-Anteile, ob ein Ereignis eintritt. Wenn es eintritt, ist jeder Ja-Anteil einen Dollar wert. Tritt es nicht ein, ist der Ja-Anteil wertlos. Die Anteile werden wie Aktien an der Börse gehandelt – Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis, der zwischen 0 Cent und 1 US-Dollar liegt. Der aktuelle Preis, zu dem ein Anteil gekauft wird, stellt dann die Wahrscheinlichkeit dar, ob das Ereignis eintritt oder nicht.“ Dass unterdessen private Spieler wenig Chancen haben, dort zu gewinnen, zeigt eine aktuelle Analyse von Capital, und: „Die großen Profiteure sind andere …“ Spätestens da kippt die Fassungslosigkeit dann aber wieder in Wut und Ekel.
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