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Gisèle Pelicot spricht – und wie: Sie legt ihre „Hymne an das Leben“ vor

Frankreich

Buch von Gisèle Pelicot: Woher sie die Kraft nimmt, den schlimmsten Verbrechen zu trotzen

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    „Die Scham muss die Seite wechseln“, sagte Gisèle Pelicot während des Prozesses gegen ihren Ex-Mann und 50 weitere Angeklagte, die verurteilt wurden, sie vergewaltigt zu haben.
    „Die Scham muss die Seite wechseln“, sagte Gisèle Pelicot während des Prozesses gegen ihren Ex-Mann und 50 weitere Angeklagte, die verurteilt wurden, sie vergewaltigt zu haben. Foto: Clement Mahoudeau, AFP/dpa

    Sie ist weltweit bekannt, die intimsten Details aus ihrem Leben sind es ebenso. Millionen Menschen waren erschüttert über ihr Schicksal und erstaunt über die aufrechte Haltung, mit der sie es trug. Mit ihrem charakteristischen rötlichen Pagenschnitt wurde sie im Herbst 2024 eine Ikone für Frauenrechtlerinnen. Öffentlich äußerte sich Gisèle Pelicot nur zweimal am Rande ihres Prozesses gegen ihren Ex-Mann und 50 weitere Männer, die sie vergewaltigt hatten, während sie durch Medikamente betäubt war. „Die Scham muss die Seite wechseln“, forderte die Französin jeweils. Es sei nicht an den Opfern von Sexualverbrechen, sich zu verstecken. Darum hatte sie auch eine öffentliche Gerichtsverhandlung eingefordert.

    Jetzt ist der Moment gekommen, an dem Gisèle Pelicot ausführlich selbst das Wort ergreift, ihre eigene Sicht darstellt, die Deutungshoheit über ihr Leben übernimmt. „Eine Hymne an das Leben“ ist der deutsche Titel des Buchs, das sie mit der Journalistin Judith Perrignon geschrieben hat. Es erscheint am Dienstag auch auf Deutsch.

    Gisèle Pelicot erklärt, warum sie mit erhobenem Haupt aufgetreten ist

    Die heute 73-Jährige gibt Antworten auf viele der Fragen, die ihr gestellt wurden. Jene, wie ihr Körper und ihre Seele die jahrelangen Vergewaltigungen, die Medikamentenbeigabe, dann die fürchterlichen Enthüllungen über ihren Ehemann ausgehalten haben. Warum sie anders als die drei gemeinsamen Kinder David, Caroline und Florian nicht sämtliche Erinnerungen an Dominique Pelicot auslöschen wollte. Dass sie manche zu bewahren und ihn trotz allem zu verstehen versuchte, legten ihr manche als Naivität, Verdrängung oder gar Komplizenschaft aus.

    In ihrem Buch erklärt sie auch, warum es ihr so wichtig war, nicht als zerstörtes Wrack, sondern mit erhobenem Haupt und ausgesuchter Eleganz vor Gericht zu erscheinen und so der „Meute“ im Saal zu trotzen. Es war ihre Art, den Männern, die sich an ihr vergangen hatte, und deren Strafverteidigern standzuhalten, von denen manche sie verhöhnten und versuchten, das Opfer zur Täterin zu machen. „Das ging nicht nur gegen mich, das ging gegen alle Frauen“, so Gisèle Pelicot.

    Die Beweislast gegen die Täter war zu erdrückend

    So unterschiedlich die Männer waren, die auf die Internetanzeige ihres Ex-Mannes geantwortet hatten, um seine bewusstlose Frau zu vergewaltigen – eines hatten sie gemeinsam: die Pose. Sie glaubten, sich nichts vorwerfen zu haben, „weil sie schon von jeher auf der Seite der Stärkeren standen“. Doch die Beweislast war zu erdrückend, Dominique Pelicot hatte die Vergewaltigungen gefilmt. Das Gericht sprach alle Angeklagten schuldig.

    Das Grauen dieser Videos erscheint erst am Ende des Buchs. Zunächst widmet sich Pelicot lange ihrer Geschichte, angefangen bei ihrer Kindheit in der Garnisonsstadt Reutlingen. Sie erinnert sich an den kalten Winter in Deutschland, den Geschmack der Würstchen, den Zauber des Weihnachtsmarktes. Neun Jahre war sie alt, als ihre Mutter an einem Gehirntumor starb. Etwas später heiratete ihr Vater eine neue Frau, die so hartherzig war wie ihre Mutter warm. In diesen ersten Erfahrungen der Liebe und des Verlusts liegt das Geheimnis ihrer Kraft verborgen, so Pelicot. „Mir konnte nichts Schlimmeres mehr widerfahren, nichts konnte für mich noch schmerzlicher sein.“ Künftig wollte sie vor allem eins: glücklich werden. Hatte sie deshalb die zwei Gesichter von Dominique Pelicot nicht gesehen – jenes des liebevollen Ehemanns und Vaters und jenes des perversen, nach Dominanz strebenden Giftmischers? Inzwischen hat er die Vergewaltigung einer Immobilienmaklerin gestanden und die Justiz verdächtigt ihn des Mordes an einer weiteren.

    Dominique Pelicot war als junger Mann traumatisiert

    Auch er war ein traumatisierter junger Mann, als sie sich kennenlernten. Sie würden einander „heilen“, davon war Gisèle überzeugt. Wann und warum bog er ab? Lag es daran, dass er beruflich immer wieder scheiterte, während sie erfolgreich war? Dass sie ihm bestimmte Sexpraktiken verweigerte? Holte ihn seine Kindheit wieder ein, in der er mit einem gewalttätigen Vater aufwuchs? In der Rente, die sie und ihr Mann im südfranzösischen Dorf Mazan verbringen, nehmen ihre gesundheitlichen Probleme zu, immer wieder hat sie unerklärliche Aussetzer. Keiner ahnt von den vielen Medikamenten, die ihr Mann ihr ins Essen mischt. Zu allen Arztterminen begleitet er sie. Was sie für Fürsorge hält, ist sein Wunsch, die Kontrolle zu behalten.

    Ihre Welt zerbricht an einem Morgen Ende 2020 in einem Polizeikommissariat, als sie erfährt, was er ihr angetan hat. Zuerst will sie es nicht glauben, sich die Fotos von den Vergewaltigungen nicht ansehen. Die Ereignisse überschlagen sich: Sie muss die Kinder informieren, ausziehen, ein neues Leben beginnen. Die Beziehung zu ihren Kindern und vor allem zu ihrer Tochter Caroline, von der Dominique Pelicot ebenfalls Fotos in Schlafposition und in ihr fremder Unterwäsche besaß, geraten an eine Zerreißprobe. Inzwischen, so ist zu erfahren, sprechen sie wieder miteinander.

    Nicht zuletzt geht Gisèle Pelicot auf die Frage ein, wie sie sich heute fühlt. Die Antwort liegt schon im Buchtitel, der bewusst positiv ist, so bedrückend das Erzählte bleibt. „Ich möchte sagen, dass ich am Leben bin“, betont sie. Sie habe einen neuen Partner, blicke nach vorn und hoffe, dass sich ihre Familie von den schweren Prüfungen erholen werde. „Heute weiß ich, dass meine Liebe einem tiefen Riss in mir entspringt und dass sie mich verwundbar macht. Aber ich bin bereit, dieses Risiko weiterhin einzugehen. Denn die Liebe ist zugleich meine mächtigste Rüstung.“

    Gisèle Pelicot mit Judith Perrignon: Eine Hymne an das Leben. Die Scham muss die Seite wechseln. Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky. Piper-Verlag, Hardcover 25 Euro

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