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Interview
24.01.2022

ABBA-Designer im Interview: "Nichts ist unmöglich, nichts wild genug"

Der Vielbegabte: Owe Sandström steht im ABBA–Museum vor von ihm designten Originalkostümen der Band.
Foto: Fernvall Lotte, Aftonbladet ABBA Stage Outfits, Imago

Karl Owe Sandström löste mit ausgefallenen Kostümen für ABBA Modewellen aus. Der Designer spricht über Lieblingsstücke und die ABBA-Botschaft – aber nicht über Geld.

Herr Sandström, im März 1972 nahmen ABBA als Gruppe ihre erste Single „People Need Love“ auf. Ab wann waren Sie ihr Kostümdesigner?

Karl Owe Sandström: Ab 1973. In dem Jahr traten sie mit „Ring Ring“ (erfolglos) bei der schwedischen Vorentscheidung des Eurovision Song Contest an. Meine Kostüme sind auch in dem Filmclip zu dem Lied zu sehen. Das war noch vor der Gruppe ABBA, denn zu dem Zeitpunkt waren Björn Ulvaeus, Benny Andersson, Anni-Frid Lyngstad und Agneta Fältskog lediglich vier junge Freunde, die zusammen sangen und tanzten. Niemand von uns hätte sich vorstellen können, dass sie einmal als ABBA so erfolgreich werden würden. Völlig verrückt! Das ist eigentlich heute noch unglaublich.

Wollten Sie für ABBA von Anfang an Kleidung entwerfen, die etwas speziell Schwedisches hatte?

Sandström: Nein, nein, nein. Wissen Sie, ich bin auch Professor der Wissenschaft. Ich habe von 1963 bis 1970 an der Universität Pflanzenkunde, Chemie und Meeresbiologie studiert. Ich unterrichte seitdem junge Menschen, die Veterinäre werden wollen und arbeite mit Wildtieren. Zu den ABBA-Kostümen habe ich mich unter anderem durch die Natur und den Zirkus mit seinen fantastischen Outfits, Epauletten und Kristallen inspirieren lassen. Und bis zu meinem 22. Lebensjahr war ich in Spanien auf Flamenco-Schulen, weil ich eigentlich Tänzer werden wollte. Ich war fasziniert vom Flamenco-Rhythmus und -Look. Am Ende entschied ich mich zwar für die Wissenschaft, aber meine Freundin ist Profitänzerin geworden.

Sie sind aber erst dank ABBA Vollzeit-Modedesigner geworden?

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Sandström: Vollzeit-Designer? Immer wenn ABBA und all die anderen schwedischen Künstler auf Tour gehen wollten, bin ich ganz früh aufgestanden und habe in meinem Mode-Studio neue Entwürfe gemacht. Anschließend bin ich in die Schule gegangen, um bis 16, 17 Uhr zu unterrichten. Dann habe ich mich mit meinem Schneider und den anderen Mitarbeitern getroffen, um zu besprechen, welche von den Entwürfen wir in die Tat umsetzen. Nachdem sie gegangen waren, war ich bis nach Mitternacht mit Dingen wie Befestigen, Ordnen und Besorgen des Materials beschäftigt. So ging es immer weiter. Sobald ABBA von einer Tour zurückgekehrt waren, schmiedeten wir neue Pläne.

Warum kamen Sie als ABBAs Modedesigner nie zur Ruhe?

Sandström: Weil ich nie zu ihnen gesagt habe: „Du kannst dieses Kostüm anziehen. Es ist fertig.“ Sondern es wurde immer im Kollektiv über alles diskutiert. Zum Beispiel sollte „The Girl with the golden Hair“ Teil der Australien-Show sein. Björn und Benny wollten einmal ein Mini-Musical ausprobieren über ein schwedisches Show-Mädchen, das nur eine Marionette ihrer Manager ist. Und genau so sollten die beiden Sängerinnen auch aussehen: durch und durch golden. Wir haben dann so lange verschiedene Tanzkostüme ausprobiert, bis wir sowohl elegante als auch bequeme gefunden hatten. Man konnte ABBA einfach nichts Fertiges präsentieren.

Wie erinnern Sie sich an die erste ABBA-Show Ihres Lebens?

Sandström: Ich weiß nicht mehr, wo es war, aber ich stand da mit offenem Mund und dachte: „Mein Gott, habe ich dieses verrückte Zeug wirklich alles selber entworfen?“ Ich wusste in dem Moment nicht, ob ich mich freuen oder schämen sollte! (lacht) ABBA waren zu der Zeit in Schweden nicht besonders beliebt. Aber ich persönlich war von Anfang an fasziniert und verblüfft. Ich habe ja immer an meine Arbeit geglaubt.

Was haben Sie gedacht, als ABBA mit „Waterloo“ und einem sehr effektvoll inszenierten Auftritt den „Grand Prix“ von 1974 in Brighton gewannen?

Sandström: Dass die Kostüme für „Waterloo“ ausnahmsweise nicht von mir stammten, weil ich zu der Zeit im Ausland war, um neue Stoffe für ABBA einzukaufen. Aber ich habe alle anderen Kleider für sie entworfen. Deshalb bat ich eine gute Freundin, für Anni-Frid und Co hippieske Klamotten zu schneidern. Als sie den Contest gewonnen hatten, riefen sie mich an: „Owe, du musst nach Hause kommen, weil wir ein Video produzieren müssen! ABBA made in Sweden für den Export. Es darf nicht zu sexy sein und auf keinen Fall folkloristisch.“ So kam es zu der blauen und gelben Katze. Das sind nämlich die schwedischen Nationalfarben.

Björn Ulvaeus (l-r), Agnetha Fältskog, Benny Andersson und Anni-Frid Lyngstad feiern ihr ABBA-Comeback. Ab 2022 gibt es in London eine Show mit sogenannten Abbataren.
Foto: Baillie Walsh/Industrial Light and Magic/PA Media/dpa

Würden Sie sagen, dass Ihre Outfits einen Teil des Massenerfolges von ABBA ausmachten?

Sandström: Ja. Ein britischer Journalist sagte einmal: „ABBA, das ist zuerst die Musik. Die Texte. Und dann die Looks“. Hören Sie sich mal mit geschlossenen Lidern ihre Musik an, dann werden Sie vor Ihrem geistigen Auge unweigerlich diese Katzen sehen, diese Streifen, die weißen Outfits. Als Agnetha das erste Mal „Mamma Mia“ performte, trug sie ein Leopardenkostüm von mir – mit spanischen Volants. Das ist Latino-Style. Für „The Girl with the golden Hair“ entwarf ich für Björn eine sehr kurze Bolero-Jacke.

Hatten die Songs von ABBA später einen Einfluss auf Ihre Entwürfe?

Sandström: Auf jeden Fall. Als sie 1976 den Song „Money, Money, Money must be funny in a rich Man’s World“ machten, rief mich ihr Produzent Stig Anderson an: „Du musst Kostüme entwerfen, die uns daran erinnern, wann Geld wichtig war oder ist“. Da sagte ich: „Du bist verrückt, Geld ist immer wichtig!“ Ich habe mich dann von den Roaring Thirties in den Vereinigten Staaten mit all den Gangstern, den Schießereien, dem Charleston, den reichen und armen Leuten zu komplett schwarz-weißen Kostümen inspirieren lassen. So viele Gedanken hinter allem und jedem!

Sie haben für ABBA auch schrille Tierkostüme entworfen. Ihre Idee?

Sandström: Ja. Eines davon war ein rötliches Fuchs-Kleid. Es hatte dieselbe Farbe wie Anni-Frids Haar. Sie schaute ja auch ein bisschen aus wie ein Füchslein. Und die blonde, sehr nordische Agnetha bekam von mir einen weißen Pelz verpasst. So elegant und so niedlich! In Björn sah ich einen großen Kranich, der am Ufer eines Sees steht. Stets schauend, ob um ihn herum irgendetwas passiert. Benny im Hintergrund traf immer die letzte Entscheidung hinsichtlich der Musik. Er war für mich ein Adler, der seine Flügel über dem Piano ausbreitet. Während er spielt, hat er alles im Blick. Meine Inspiration habe ich ihnen immer haarklein erklärt.

Wie kamen Sie auf die berühmten ultrakurzen Katzenkostüme, die unter anderem für die Welttour von 1977 verwendet wurden?

Sandström: Das Modell für die blaue Katze war mein eigenes Kätzchen. Ein burmesischer brauner Kater namens Jaga de Impera. Als ich mit den Sängerinnen neue Kostüme besprach, fragte ich Anni-Frid, als welches Tier sie sich fühle. Da sagte sie: „Ich bin eine Wildkatze, ein Tiger. Grrrr!“ Großartig, fand ich, denn der Tiger ist ein gelbes Tier. Das machen wir! Und dann wollte Agnetha wissen, was ich mir für sie überlegt hatte. In dem Moment sprang meine Katze auf den Schneidertisch und drückte ihren Kopf an ihren Körper. Da hatte ich’s: Statt in einen rosaroten Panther verwandele ich Agneta in einen blauen Panther! Unser Motto lautete: Nichts ist unmöglich. Oder wie Björn sagte: Nichts ist uns wild genug!

Ihre Mode hat nicht nur ABBA, sondern die 1970er Jahre insgesamt geprägt. Woran machen Sie das persönlich fest?

Sandström: Madonna ließ sich zu ihrem Song „Hung Up“ von ABBAs „Gimme! Gimme! Gimme! (Man after Midnight)“ inspirieren. Und sie wollte etwas Optisches haben, das dazu passt. Also bat sie den französischen Modemacher Jean-Paul Gaultier, mich zu fragen, ob er mein blau-weiß gestreiftes Kostüm komplett kopieren dürfe. Madonna wolle es gern für eine Performance in Las Vegas benutzen. Ein paar Jahre später traf ich Gaultier persönlich und musste feststellen, dass er eine ganze Kollektion produziert hatte, die bis ins Detail von meinen ABBA-Designs inspiriert war. Er schlug vor, dass wir zusammenarbeiten. Aber ich hatte zu der Zeit unheimlich viel als Lehrer und mit meinen Tieren zu tun. Ich bin auch Designer und Direktor der größten Indoor-Performance der Welt, der Sweden International Horse Show. Wir haben bereits mit den königlichen Gala-Pferden gearbeitet.

Wurden Sie von ABBA denn gut bezahlt?

Sandström: Ich bin nicht autorisiert, darüber zu sprechen. Wir haben alle beschlossen, nie über Geld zu reden bzw. zu diskutieren. Auch nicht über Privates oder unser Sexualleben.

Und wie haben ABBA in den 1970ern ihre Erfolge gefeiert? Wie damals üblich mit Champagner und Kokain?

Sandström: Nein, nein, nein! Natürlich haben wir damals gut gegessen und getrunken, aber es gab bei ABBA weder Exzesse noch Skandale. Nie und nimmer! Ich bin mit ihnen aber nie auf Tour gewesen, weil ich zuhause alle Hände voll zu tun hatte. Ich habe auch Kostüme für Ballettproduktionen mit 30 Tänzern gemacht.

Lösten Ihre Kostüme nach „Waterloo“ eine Modewelle aus?

Sandström: Ja, überall. Man sah sie auf Bildern oder auf T-Shirts. Für ABBA habe ich ungefähr 100 Kostüme entworfen, auch für deren Chor und Orchester. Einige sogar doppelt. Gelegentlich habe ich auch Kleidung für mich selbst gemacht, die ich dann auf verrückten Parties trug. Da wurde viel zu Discomusik getanzt. Und es gab ungewöhnliche Performances.

Die schwedische Popgruppe Abba 1978 mit (l-r) Björn Ulvaeus, Agnetha Fältskog, Anni-Frid Lyngstad und Benny Andersson.
Foto: Schilling, dpa (Archiv)

Was war Ihr Alleinstellungsmerkmal als ABBAs Kostümdesigner?

Sandström: Die Kombination von Verspieltheit, Eleganz und Unerwartetem. Ich wollte grenzenlose Kostüme entwerfen, die die Welt noch nicht gesehen hat. Zirkus, Narreteien und Glamrock auf eine schöne Art und Weise präsentiert.

Welches Stück von ABBA betrachten Sie rückblickend als Ihr Meisterwerk?

Sandström: Schwer zu sagen, weil jeder darüber anders denkt. Ich persönlich mag sehr gerne die Kostüme, die ich für ihren Auftritt bei den Vereinten Nationen in New York im Jahr 1979 designt habe. Da haben sie „Chiquitita“ performt. Die Einnahmen aus dem Song wurden der UNICEF gespendet und kommen bis heute armen Kindern zugute. Die Kostüme waren aus schwarzer Seide. Speziell für Björn hatte ich eine prachtvolle Toreador-Jacke im Flamenco-Stil gemacht. Eine exklusive und fantastische Arbeit, bei der ich sogar unreine Svarowski-Kristalle und -Perlen verwendet habe. Ein Meisterwerk, das sich zusammen mit anderen meiner Arbeiten für ABBA in einem speziellen Lager unter Aufsicht des Schwedischen Nationalmuseums befindet. Sie gilt als nationales Kulturgut.

Wird man Ihre spektakulären Kostüme bei der virtuellen ABBA-Show ab dem 27. Mai in London wiedersehen?

Sandström: Ja. Wie Sie sicher wissen, ist es eine rein digitale Performance. Ich wurde gebeten, erst darüber zu sprechen, wenn ABBA das Ganze offiziell gestartet haben. Es ist eine Geschichte über ABBA, aber man weiß nie, was dort alles passieren wird. Ich bin jedenfalls gespannt, denn ich habe von ihnen eine Einladung bekommen. Sie legen großen Wert darauf, dass ich keine Galaabende mit Kunden veranstalte, bei denen ich über ABBA-Internes spreche. Sie glauben nicht, was mir alles angeboten wird.

Welches ist die zentrale Botschaft von ABBA?

Sandström: Glück! Genieße dein Leben und sei freundlich, solange du kannst. Hör dir die Musik an. Geh rein, tanz raus – wie wir im ABBA-Museum sagen. Und genieße die Outfits! Natürlich kannst du auch ein bisschen Traurigkeit empfinden, aber so ist das Leben. Interview: Olaf Neumann

Zur Person: Karl Owe Sandström, geboren 1944, ist berühmt geworden als Designer für die Gruppe ABBA. Der Schwede ist unter anderem auch Zoologe, Safari-Führer, Flamenco-Tänzer, Gastronom, und unterhält zudem einen eigenen Privatzoo. Seine Leidenschaft für Tiere diente als Inspiration für viele ABBA-Kostüme.

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