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Interview
25.12.2021

Historikerin über Kaiserin Sisi: „Sie wollte ein elitäres Leben führen“

Realität und Fantasie: Kaiserin Elisabeth von Österreich gab die Anregung für filmische Adaptionen wie „Sissi, die junge Kaiserin“ mit Romy Schneider.
Foto: ARD Degeto, dpa

Katrin Unterreiner spricht über die Faszination an „Sisi“, über alte und neue Filme zur österreichischen Kaiserin und die Kluft zwischen Fiktion und Wirklichkeit.

Frau Unterreiner, Sie haben sich oft mit Sisi, der Kaiserin Elisabeth von Österreich, beschäftigt. Gehören denn trotz Ihres historischen Blicks auf diese Frau die „Sissi“-Filme mit Romy Schneider zum alljährlichen Ritual an Weihnachten?

Katrin Unterreiner: Ich gestehe, ich liebe diese Filme, denn ich finde sie großartig gemachte Unterhaltung, die bis heute funktioniert. Ich sehe sie natürlich nicht als biografisches Dokument. Aber man muss es einfach sagen: Romy Schneider ist entzückend in der Rolle. Alle paar Jahre stolpere ich darüber, aber zum Ritual an Weihnachten ist es nicht geworden.

Haben Sie die Filme auch zur beruflichen Beschäftigung mit Sisi animiert?

Unterreiner: Ich bin zu Elisabeth eher durch Zufall gekommen, als ich wissenschaftliche Leiterin der Schloss Schönbrunn Gesellschaft wurde. In dieser Funktion sollte ich das Sisi-Museum in der Wiener Hofburg kuratieren. Erst da habe ich mich als Historikerin mit dieser Person näher befasst. Dazu muss man sagen: In Österreich ist ja Sisi nicht so in den Herzen der Menschen verankert.

Ach, das erstaunt jetzt aber schon …

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Unterreiner: Ja, ja. Die Österreicher haben zu den Habsburgern nicht so ein enges Verhältnis, wie man meinen könnte. Sie sind ein Tourismusanker und wir leben gut davon, aber hier schwärmt man nicht für Sisi. Von daher bin ich ganz unbelastet an die Aufgabe gegangen, ein Sisi-Museum einzurichten und mich dieser historischen Person anhand der Quellen zu nähern und sie der Ikone, die Sisi ja nicht zuletzt durch die Marischka-Filme geworden ist, gegenüberzustellen.

Geprägt durch die drei Filme von Ernst Marischka war ja das Bild von Sisi als süßem Mädel und dann später der unglücklichen Frau, die durch das strenge Ritual am Hofe im goldenen Käfig saß. Was haben Sie herausgefunden?

Unterreiner: Grundsätzlich muss man sagen, dass sich zu Lebzeiten kein Mensch für die Kaiserin Elisabeth interessiert hat. Sie hatte sich komplett aus der Öffentlichkeit herausgenommen. Das hat man zur Kenntnis genommen, kritisieren konnte man das zur Zeit der Monarchie nicht, aber das hat sie nicht gerade beliebt gemacht. Da gibt es den berühmten Satz: „Es wurden ihr wenige Tränen nachgeweint.“ Kein Mensch würde mehr von ihr sprechen, weil sie ja historisch keine interessante Person war wie etwa die Kaiserin Maria Theresia. Die ist ja von ihrer Bedeutung her ein ganz anderes Kaliber.

Was hat Elisabeth dann doch zur Ikone werden lassen?

Unterreiner: Das hat im Grunde schon in den 1920ern begonnen, als die Monarchie zusammengebrochen ist und Österreich als Rest-Rumpf-Staat seine Identität suchen musste, als eine große Unsicherheit und Depression herrschte. Da erschien in einer österreichischen Zeitung ein Fortsetzungsroman „Sissi“ mit heiler Welt, bittersüßer Liebesgeschichte und allerlei anderen Klischees. Das ist dann in der zweiten Nachkriegszeit nach 1945 wieder aufgewärmt worden, auch mit den Filmen von Ernst Marischka. Das ist so eine Rückbesinnung auf vermeintlich glamouröse Zeiten und Zustände. Ein bisschen auch Geschichtsklitterung, um die düsteren Jahre auszublenden, und natürlich waren diese Filme auch bestens geeignet, den Tourismus anzukurbeln, indem man alles, was Österreich an schöner Landschaft und royalen Hinterlassenschaften aufzubieten hatte, als Filmkulisse nutzte.

So kennt sie jeder: Romy Schneider als junge Kaiserin an der Seite von Karlheinz Böhm. Schneiders Mutter Magda stammt ursprünglich aus Augsburg.
Foto: dpa

Später dann wurde Elisabeth auf einmal zur Rebellin mit großem Freiheitsdrang und Vorkämpferin für die Emanzipation, weil sie sich nicht in die Rolle der Kaisergattin gefügt hat und ihren eigenen Weg gegangen ist.

Unterreiner: Das ist eine absolute Fehlinterpretation. Elisabeth war überhaupt keine emanzipierte Frau, sie war auch keine moderne Frau. Sie hat zwar durchgesetzt, die Rolle der Kaiserin nicht zu spielen, und sie hat durchgesetzt, dass sie ein reines Privatleben führen durfte. Aber sie hat dafür nicht gekämpft, sondern sie hatte Glück, dass ihr Mann ihr dieses Leben aus Liebe ermöglicht hat. Ihre Freiheit hat sie nie dazu verwendet, sich eine gesellschaftspolitische Aufgabe zu suchen. Sie hat nur für ihre eigenen Interessen gelebt. Sie unterstützte auch kein damals modernes Gedankengut. Sie hätte durchaus auch den Kontakt suchen können zu Frauen, die tatsächlich für Emanzipation gekämpft haben, die gab es damals ja durchaus auch. Sie war weder sozial noch politisch interessiert. Sie wollte ein bequemes, spleeniges, elitäres Leben führen.

Sisi als Ikone der Selbstverwirklichung, wie man es jetzt in manchem Film- und Serien-Exposé lesen kann, funktioniert für Sie also nicht?

Unterreiner: Ich konnte für mein letztes Buch in bisher nicht veröffentlichten Dokumenten recherchieren und habe herausgefunden, wie luxuriös ihr Lebensstil vor allem auf ihren Reisen war. Da sind für eine Reise – und sie hat im Jahr ja zehn solcher Reisen gemacht – rund eine Million Euro angefallen. Sie hat ein richtiges Jetset-Leben geführt.

Sie sehen sie also eher als Egomanin denn als gesellschaftliche Vorkämpferin.

Unterreiner: Absolut. Es gibt ja sehr wenig Quellen. Sie ist immer noch ein Mysterium, weil sich auch alle ihre Nachkommen daran gehalten haben, ihre privaten Schriften zu vernichten oder nicht zu veröffentlichen. Man ist also angewiesen auf ganz wenige Briefe von ihr, ganz wenige Interviews und Tagebucheinträge von Hofdamen. Wir wissen aber aus Tagebüchern ihres Vorlesers Constantin Christomanos, dass sie sich sogar lustig gemacht hat über Frauen, die sich emanzipieren wollten.

Was ist denn Ihr Sisi-Bild?

Unterreiner: Das Bild, das ich von ihr zeichnen will, ist diese Diskrepanz zwischen Mythos und Wahrheit, zwischen historischer Person und Ikone. Weg vom Kitsch und eher der Blick auf eine Frau mit Ecken und Kanten, die sehr vielseitig war, aber eben auch problematisch.

Realität und Fantasie: Kaiserin Elisabeth von Österreich in einer Porträtaufnahme um 1865 (großes Bild) gab die Anregung für filmische Adaptionen wie „Sissi, die junge Kaiserin“ (mit Romy Schneider, rechts unten) oder die RTL-Serie „Sisi“ (mit Domi-nique Devenport, unten links).

Können Sie das noch ein wenig präzisieren? Was waren die verschiedenen Facetten ihrer Persönlichkeit?

Unterreiner: Kaiserin Elisabeth war auf der einen Seite egozentrisch, launenhaft und vereinnahmend: So war sie persönlich gekränkt und böse auf die Hofdamen, die es „gewagt haben“ sie zu verlassen, um einen Mann zu heiraten und ein eigenes Leben zu führen – das gilt übrigens auch für ihre Tochter Marie Valerie, die direkt ein schlechtes Gewissen hatte, als sie sich verliebte und heiraten wollte. Andererseits konnte sie charmant, unterhaltsam großzügig und aufmerksam sein. Sie hat zum Beispiel jedes Jahr mit großer Freude und Begeisterung den gemeinsamen privaten Urlaub mit Franz Joseph, den sie jedes Jahr an der Cote d’Azur verbracht haben, vorbereitet, ist dazu einige Tage früher angereist und hat sich Spaziergänge, Ausflüge und Dinerabende, die sie nur zu zweit verbracht haben, ausgedacht und organisiert.

Passt Elisabeth eigentlich mit ihrem Körper- und Schönheitskult und ihrer Selbstinszenierung nicht ganz gut in unsere Instagram-Welt?

Unterreiner: Der große Unterschied ist, dass Kaiserin Elisabeth ja nie versucht hat, einem gängigen Schönheitsideal nachzueifern. Eine schöne Frau war damals füllig. Sie aber war extrem mager. Dadurch, dass sie viel an der frischen Luft war, in den Bergen, beim Reiten, auf See – was ja ganz untypisch für adelige Frauen ihrer Zeit war –, hatte sie auch nicht diesen blassen Teint. Zeitgenossen sind damals entsetzt gewesen über ihre sonnengegerbte faltige Haut. Sie hat nie diese perfekte Inszenierung betrieben. Sie hat sich ja komplett aus der Öffentlichkeit zurückgenommen, es ging ihr nicht darum, ein Image zu transportieren.

Aber es gibt doch viele Gemälde, auf denen sie sich mit ihren hüftlangen Haaren und in großen Roben inszeniert.

Unterreiner: Es gab tatsächlich nur einen ganz kurzen Zeitraum, auf den das zutrifft. 1860/61, als sie Anfang 20 war und sich eine Auszeit auf Madeira gegönnt hat, hat sie ihre Ausstrahlung nicht nur auf Männer, sondern generell auf Menschen als Machtmittel entdeckt und ihre Schönheit kultiviert. Aber eben mit ganz eigenen Vorstellungen wie der schlanken Figur, die nicht „in“ war, und den sportlichen Betätigungen, die für Frauen auch ungewöhnlich waren. Das ist die Zeit, in der all die berühmten Porträts von ihr entstanden sind. Danach gab es keine Bilder mehr von ihr.

Wie erklären Sie sich, das Sisi jetzt wieder einen solchen Hype entfacht, aktuell mit der RTL-Serie „Sisi“?

Unterreiner: Das kommt immer wieder, denken Sie an die 70er Jahre mit Visconti. Da stecken sicher auch marketingtechnische Überlegungen dahinter. Als man entdeckte, dass royale Serien wie „Bridgerton“ oder „The Crown“ einen so großen Erfolg hatten, da haben sicherlich einige Produzenten gedacht, das können wir auch, nehmen wir doch unsere Sisi. Das ist eine Geschichte, die immer geht, da lässt sich auch immer ein Skandal finden. Und vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass sich die Menschen gerade in der Pandemie nach Glamour sehnen.

Wenn man sich mit Ihnen unterhält, wird einem die Kaiserin Elisabeth ja richtig unsympathisch.

Unterreiner: Das tut mir leid, aber so war sie. Ich finde, das muss man offen legen und diese historische Person zurechtrücken. Gerade der kritische Blick abseits von Zuckerguss und Klischee, der die Ecken und Kanten zutage fördert, ist aber spannend. So ist Elisabeth eine interessante Persönlichkeit, an der man sehr gut sehen kann, wie die Beschäftigung mit sich allein nicht glücklich machen kann. Bei ihr führte das ja auch zu einer schweren Depression. Leider wird sie immer missbraucht als Vorkämpferin für Strömungen, mit denen sie nichts zu tun hatte.

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25.12.2021

Welcher Hype? RTL hat sich da wohl verhoben. Eine Trilogie wie Sissi, ob man sie mag oder nicht, ob man sie schaut oder nicht, ist nicht kopierbar, nicht neu verfilmbar. Jeder erwartet Sissi genau so wie man sie aus der Trilogie kennt und allein schon deswegen wird diese Miniserie niemals ein Klassiker werden der regelmässig gesendet und gesehen wird. Die Serie wird geguckt werden und das war´s weil der ständige Vergleich im Raum steht.
Das ist wie ein bestimmtes Essen bei Muttern das nicht kopierbar ist, weil damit noch ganz andere Sachen verbunden werden. Genausowenig wie ein perfekter Urlaub selbst am gleichen Ort mit den gleichen Leuten nicht kopiert werden kann im Jahr darauf.

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