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Kino-Kritik
24.11.2022

Alles verzehrende Liebe: So ist der Film "Bones and All"

Liebe auf den ersten Blick unter Kannibalen: Taylor Russell und Thimotée Chalamet unternehmen in „Bones and All“ einen Roadtrip durch den mittleren Westen der USA..
Foto: Yannis Drakoulidis

„Bones and All“ ist vieles in einem: Horrorfilm über junge Kannibalen, Roadmovie und Coming of Age-Geschichte. Trotz verstörender Szenen ist der Film dazu noch ein bewegendes Liebesdrama.

Abends steigt Maren (Taylor Russell) durch das Fenster und schleicht sich heimlich davon. Ihr Vater (André Holland) führt ein strenges Regime, verschließt nachts die Zimmertür und wacht über ihren Schlaf. Aber jetzt hat sie es zur Pyjama-Party ihrer neuen Schulfreundin geschafft. Die beiden liegen kichernd rücklings auf dem Teppich unter dem gläsernen Wohnzimmertisch und lackieren sich die Nägel. Die Freundin hält ihr die Hand hin, damit sie die Farbe des Lacks bewundern kann. Marens Lippen berühren den Finger. Was als verspielter erotischer Moment beginnt, endet im Schock, als sie mit aller Kraft zubeißt und den Finger verspeist. Als sie mit blutigen Lippen in der Tür steht, weiß der Vater sofort Bescheid. Drei Minuten bleiben, um ein paar Sachen zu packen, und dann rasen sie wieder mit dem Auto davon. 

"Bones and all" gehört nicht zu den einschlägigen Splatterfilmen

Gleich zu Beginn setzt der italienische Regisseur Luca Guadagnino („Call Me By Your Name“) in seiner ersten US-Produktion einen kurzen, klaren Schockakkord. Aber auch wenn der Verzehr von Menschenfleisch ein zentrales Thema ist, lässt sich dieser Film nicht so einfach ins Horror-Film-Regal einsortieren. „Bones and All“ ist vieles in einem: ein amerikanisches Roadmovie, ein Coming-of-Age-Film, dessen Heldin aus einer extremen Außenseiterinnen-Position ihren Platz im Leben finden muss, und vor allem: ein bewegendes, melancholisches Liebesdrama. Der Film hat weit mehr mit Klassikern a la „Bonnie and Clyde“ (1967) zu tun als mit einschlägigen Splatterwerken. 

Nach dem blutigen Vorfall gibt der Vater seine Beschützerrolle auf. Er hinterlässt Maren ein Bündel Dollarscheine, eine besprochene Audio-Kassette und die Geburtsurkunden mit dem Namen der Mutter. Und so fährt das Mädchen los auf der Suche nach Erklärungen und der Mutter, die es nie kennen gelernt hat. An einer nächtlichen Bushaltestelle trifft sie auf Sully (Mark Rylance). Von ihm erfährt Maren, dass sie nicht die einzige Kannibalin ist, die unerkannt in der menschlichen Normalität lebt, welche Regeln unter den sogenannten „Eatern“ herrschen und wie man an eine adäquate Mahlzeit kommt, ohne zu töten. 

Maren und Lee sind Außenseiter

Als wenig später in einer anderen Stadt Lee (Timothée Chalamet) im Supermarkt neben ihr steht, riechen beide sofort, dass sie die gleichen Ernährungsbedürfnisse haben. Das Filmklischee der Liebe auf den ersten Blick erfährt hier in seiner kannibalistischen Variante eine ganz neue Wertigkeit. Und so brausen sie davon in die weiten Landschaften und lernen sich auf eine offene Weise kennen, wie es für sie mit anderen bisher nicht möglich war. Liebe ist hier die vollkommene, gegenseitige Akzeptanz, die bei der eigenen Person beginnt und den anderen in die Arme schließt. Lee ist tief gezeichnet vom Außenseiterdasein und hat ein grausames Familiengeheimnis, das seine Rastlosigkeit bestimmt. Maren hingegen versucht die Leerstelle in ihrem Leben zu füllen, aber der Besuch bei der Mutter in einer geschlossenen Anstalt ist alles andere als die erhoffte Versöhnung mit den familiären Wurzeln und der kannibalistischen Disposition. 

Der Umgang mit dieser Disposition, deren Ausübung der Film in wenigen, markanten Szenen aus einer eher distanzierten Kameraposition zeigt, ist für das Liebespaar gleichermaßen von Schuldgefühlen und Erfüllung gekennzeichnet. Anders etwa als in „Twilight“, wo der Vampirismus zum Erotikum und wertkonservativen Triebstaudrama ausgebaut wird, geht es hier um die Selbstakzeptanz und den pragmatischen Umgang mit der verstörenden Abweichung. Aber bei aller Metaphorik kann Guadagnino den Verdacht nie ganz abschütteln, dass es sich bei dem vermeintlich radikalen Tabubruch der Menschenfresserei vor allem um ein PR-Manöver handelt. 

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Das Schauspielduo Timothée Chalamet und Taylor Russel zeigt große Präsenz

Und so lebt „Bones and all“ vor allem vom Verve eines Liebes-Road-Movies und der mitreißenden Präsenz des Schauspielduos in den Hauptrollen. Thimothée Chalamet, der durch Guadagninos „Call Me By Your Name“ zum androgynen Schwarm seiner Generation wurde, spielt auch hier wieder mit seinem fragilen Charisma. Aber es ist die junge Taylor Russell („Waves“), die scheinbar traumsicher, ganz ohne Overacting und Erklärdialoge eine große empathische Nähe zu ihrer Figur herstellt und beim diesjährigen Filmfestival in Venedig zurecht als beste Nachwuchsdarstellerin ausgezeichnet wurde.
 

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