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Kino
05.01.2022

Kritik zu "Wanda, mein Wunder": Familienkomödie mit Tiefe

Foto: Aliocha Merker/ dpa/X-Verleih

"Wanda" erzählt leicht, aber doch mit Hintersinn die Geschichte einer polnischen Pflegerin, die durch eine Schwangerschaft ungewollt Teil ihrer Gastfamilie wird.

Die polnischen Lieder, die die Frauen im Bus anstimmen, sind für Wanda (Agnieszka Grochowska) die letzte Verbindung zu ihrer Heimat, bevor sie wieder für drei Monate ihren Dienst in der Schweiz antritt. Wie viele Frauen aus Osteuropa arbeitet Wanda als private Pflegekraft im betuchten Westen.

Malerisch liegt das Haus umgeben von einem weitläufigen Garten am See und Wanda wird dort sehnsüchtig erwartet. Von Sohnemann Gregor (Jakob Matschenz), der sie mit einem Strauß Blumen an der Raststätte abholt, von dessen Mutter Elsa (Marthe Keller), die die Pflege ihres gelähmten Mannes Josef (André Jung) nicht allein bewältigen kann, und von dem Patienten selbst, der die Pflegerin immer wieder „mein Wunder“ nennt.

Wanda braucht das Geld - in Polen hat sie zwei uneheliche Söhne

Die beiden sind gut aufeinander eingespielt. Die Hebegriffe vom Bett in den Toilettenstuhl sind routiniert. Unter der Dusche wird beim Einseifen gescherzt. Wanda versorgt den alten Herrn mit einer guten Mischung aus Professionalität und Fürsorge. Gleichzeitig erweist sie sich, wenn Elsa sie für zusätzliche Hausarbeiten engagieren will, als selbstbewusste Verhandlerin, die sich finanziell nicht über den Tisch ziehen lässt.

Wanda braucht das Geld, denn zuhause in Polen hat sie zwei uneheliche Söhne, um die sich die arbeitslosen Großeltern während ihrer Abwesenheit kümmern. Für ihre Kinder hat sie sich auch auf einen heimlichen Zusatzverdienst eingelassen. Wenn Josef sie nachts über das Babyphon nach oben ruft, hat er das Geld schon in der Hand, mit dem er Wandas sexuelle Dienstleistung bezahlt.

Schwanger kommt Wanda dann doch wieder zurück

Als Tochter Sophie (Birgit Minichmayr) das Ersparte bei ihr entdeckt, kann der Eklat nur mit einer bizarren Notlüge abgewendet werden. „Ich fahre und ich komme nicht wieder. Nie mehr“, sagt Wanda zu Josef am Ende des ersten Aktes. Tut sie doch und zwar schwanger. Und damit gerät das familiäre Gefüge gehörig aus den Fugen.

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Man kann sich vorstellen wie ein solcher Plot in einer Komödie voller Stereotypen enden könnte. Aber Regisseurin Bettina Oberli („Tannöd“/“Herbstzeitlosen“) und Drehbuchautorin Cooky Zische, die für Andreas Dresen „Wolke Neun“ und „Halt auf freier Strecke“ geschrieben hat, finden eine seltene Mischung zwischen Sensibilität und Sarkasmus, die dieser Familienkomödie eine spezifische Tiefe und Leichtigkeit verleiht.

Kritik: Ein Blick erzählt mehr als 20 Drehbuchseiten

Das hartnäckige Klischee, dass alle reichen Familien im Kino neurotisch sein müssen, wird zwar auch hier bedient, aber darüber hinaus begegnet der Film seinen Figuren mit erfrischend menschlicher Entdeckungsfreude. Angefangen bei Wanda, die Agnieszka Grochowska mit einer tiefenentspannten Präsenz verkörpert und nie auf die Opferrolle reduziert, sondern als pragmatische Akteurin darstellt. In feinen Nuancen wird mit ihr das Wechselverhältnis zwischen ausbeuterischer Geschäftsbeziehung und familiärer Intimität ausgelotet, das in dieser Form häuslicher Pflegemigration fest verankert ist.

Aber auch die Mitglieder der Gastfamilie werden in ihrer Reaktion auf Wandas Schwangerschaft nicht bloß als privilegierte Narzissten entlarvt, sondern auch in ihren menschlichen Schwächen ernst genommen. Dabei ragt aus dem hochkarätigen Ensemble vor allem die wunderbare Marthe Keller heraus, die immer wieder feine Risse in die Contenance ihrer Figur treibt und mit einem Blick in die Kamera mehr erzählen kann als zwanzig Drehbuchseiten.

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