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Trailer und Kritik
22.12.2021

Zurück in der Matrix. Oder? Die Kino-Kritik zu "Matrix Resurrections"

Sein oder Schein? Thomas Anderson alias Neo (Keanu Reeves) muss sich zwischen zwei sehr verschiedenen Realitätsformen entscheiden.
Foto: Warner Bros.

Fast zwei Jahrzehnte weigerten sich die Geschwister Wachowski, an ihren Kult anzuknüpfen. Jetzt ist „Matrix Resurrections“ da – und sorgt für Horizonterweiterung.

„Folge dem weißen Kaninchen“ – mit dieser Aufforderung aus „Alice im Wunderland“ begann 1999 die Reise des Hobby-Hackers Thomas Anderson alias Neo (Keanu Reeves) in eine Welt, in der sich Sein und Schein auf drastische Weise unterschieden. Hier das vorgegaukelte Leben in der Matrix, dort die bittere Wirklichkeit, in der die Künstliche Intelligenz die Menschheit längst unterworfen hatte und in riesigen Silos zur Energiegewinnung bewusstlos in einem Beutel mit Nährlösung schwimmen ließ. „Matrix“ von den Geschwistern Wachowski wurde der Kultfilm für das hereinbrechende neue Jahrtausend.

Matrix glänzte mit visionärer digitaler Bildgestaltung

Die Technik der digitalen Bildgestaltung steckte damals in ihren Kinderschuhen. Peter Jacksons „Herr der Ringe“ (2001) war noch in Vorbereitung. Aber „Matrix“ und die Folgewerke „Matrix Reloaded“ (2003) und „Matrix Revolutions“ (2003) trieben die Entfesselung der Bilder, welche die Zukunft des Kinos prägen sollte, entscheidend voran. In den zahlreichen Kampfszenen wurden die Gesetze der Physik ausgehebelt, Verfolger in freiem Lauf vervielfacht, griffen Hände durch Spiegel hindurch in andere Erzählebenen.

Und doch war „Matrix“ mehr als ein Actionfilm von visionärer Visualität mit coolen Heldinnen in wehenden Ledermänteln. Unter der stets brüchigen Oberfläche lauerten philosophische Diskurse, in denen Wirklichkeitskonzepte hübsch postmodern dekonstruiert wurden. Die Feuilletons überschlugen sich mit Verweisen auf Plato, Kant, Decartes und Baudrillard. Bis heute gibt es kaum einen Film, in dem intellektuelle Tiefe und actiongeladenes Popcornkino einander derart eng umschlungen haben.

18 Jahre lang haben sich die Wachowskis strikt geweigert, noch einmal die Matrix zu betreten, und stattdessen Filme wie „Cloud Atlas“ (2012) und die Netflix-Serie „Sense8“ (2015-18) gedreht. Wenn nun mit „Matrix Resurrections“ doch noch eine Reanimation auf die Leinwand kommt, ist die Erwartungshaltung gleichermaßen von Neugier wie von schlimmsten Befürchtungen bestimmt.

Das hat die Matrix-Fortsetzung mit Keanu Reeves zu bieten

Das weiß auch Lana Wachowski, die diesmal als Allein-Regisseurin fungiert, und baut den Diskurs gleich mit ins Sequel ein. In San Francisco ist Keanu Reeves zu Beginn des Filmes der gefeierte Game-Designer Thomas Anderson, dessen Videospiel-Trilogie „Matrix“ vor nicht ganz zwei Jahrzehnten die Kassen seines Arbeitgebers klingeln ließ und auch heute noch frenetisch verehrt wird. Nun will der Mutterkonzern „Warner“ – der ebenjenen Film, den wir gerade sehen, produziert hat – eine Fortsetzung und macht unmissverständlich klar, dass man das Sequel mit ihm oder ohne ihn machen wird.

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Um Schlimmeres zu verhindern, willigt Anderson ein, verzweifelt aber schon beim ersten kollektiven Brainstorming im Konferenzraum. Schließlich ist er sich immer noch nicht sicher, ob das von ihm erfundene Videospiel Produkt seiner kreativen Fantasie oder eine Erinnerung an eigene Erlebnisse ist. Sein Therapeut (Neil Patrick Harris) arbeitet mit dem Patienten geduldig an der Trennung zwischen Fiktion und Wirklichkeit und verschreibt große Mengen an blauen Pillen.

Wiederauferstandene „Matrix“-Zuschauer wissen um die Bedeutung der farbigen Arznei. Damals musste sich Thomas Anderson entscheiden: Nimmt er die blaue, bleibt er in der bequemen Scheinrealität der Matrix. Nimmt er die rote Pille, lernt er die unbarmherzige Wirklichkeit kennen. Damals siegte der Erkenntnisdrang. Diesmal ist die Sache schwieriger, als die Rebellen unter der Leitung von Bugs (Jessica Henwick) durch ein Portal zur Visite kommen, um den legendären Anführer zu reaktivieren. Das derzeitige Sein ist vielleicht langweilig, aber die Rückkehr in die kriegerische Welt seiner Albträume ist auch keine wirklich attraktive Alternative.

Thomas entschließt sich für die rote Pille

Und dann ist da noch Tiffany (Carrie-Anne Moss), die den Coffeeshop „Simulatte“ betritt. Sie erkennt Thomas nicht wieder, weiß nicht, dass sie eigentlich Trinity heißt, sie hat drei Kinder und wird von ihrem Mann – unfassbar – mit „Babe“ angesprochen. Aber als Thomas und Trinity sich die Hand geben, durchdringt die Berührung Vergangenheit und Gegenwart, Zeit und Raum, Realität und Fiktion. Und so entschließt sich Thomas letztlich für die rote Pille, in der Hoffnung, Trinity aus der Gefangenschaft der gefälschten Wirklichkeit zu befreien.

Und los geht’s in alter Manier durch Spiegelportale in verschiedene Erzählebenen, ein noch ausgefeilteres Matrixsystem und eine unterirdische Rebellenstadt, in der Menschen und Maschinen friedlich miteinander leben. Das alles hat einen hohen Erklärungsbedarf und so wirkt die erste Stunde inhaltlich etwas überfrachtet, setzt aber auch durch augenzwinkernde Selbstreferenzen und zahlreiche Déjà-vus einiges an Humor frei. Für solide, aber keineswegs innovativ inszenierte Action-Sequenzen ist gesorgt, während im philosophischen Subtext die Fesseln der Binärität abgeworfen werden. Wir gegen sie, echt gegen Fake, Mensch gegen Maschine – das Denken in unvereinbaren Gegensätzen ist das Matrix-Gefängnis der Gegenwart.

Lana und Lilly Wachowski, die einmal Andy und Larry hießen und heute als Trans-Frauen leben, haben sich privat aus dem binären Gender-System befreit und bauen die Erfahrung auf der Leinwand zur einer allgemeingültigeren Horizonterweiterung aus. Das gilt auch für das Gegensatzpaar Action versus Romantik, das im Finale auf offensiv pathetische Weise aufgelöst wird, wenn die Liebenden mit vereinter Kraft dem Kugelhagel trotzen, den Sprung wagen und in den Sonnenaufgang davonfliegen.

Matrix Resurrections USA 2021; Regie: Lana Wachowski; mit Keanu Reeves, Carrie-Anne Moss, Jessica Henwick; 148 Minuten; FSK ab 16 Jahren.

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