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Literatur: Populär-Autor und Anti-Nazi: 100 Jahre Johannes Mario Simmel

Literatur

Populär-Autor und Anti-Nazi: 100 Jahre Johannes Mario Simmel

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    Der Schriftsteller Johannes Mario Simmel an einer Schreibmaschine auf seinem Schreibtisch in Zug, aufgenommen 1985.
    Der Schriftsteller Johannes Mario Simmel an einer Schreibmaschine auf seinem Schreibtisch in Zug, aufgenommen 1985. Foto: Rolf Hayo, imago

    Irgendwie klingen die Worte, als hätte er sie gestern gesprochen. "Ich habe für ein langes Leben wenig erreicht, ich habe zum Beispiel immer gegen die Pest der Nazis und Neonazis geschrieben, und sie sind immer noch da – und wie!", sagte er schon vor vielen Jahren im Gespräch mit der Schweizer Weltwoche.

    Der Schriftsteller Johannes Mario Simmel hat wie vielleicht kein anderer populärer Autor der Nachkriegszeit gegen die völkische Bewegung und die Nazis angeschrieben und seine Inhalte trotzdem in beste Unterhaltung verpackt. Seine Werke waren Top-Bestseller. Über 75 Millionen Bücher hat er verkauft, viele, wie "Es muss nicht immer Kaviar sein" oder "Und Jimmy ging zum Regenbogen" wurden verfilmt und begeisterten ein Millionenpublikum.

    Johannes Mario Simmel konnte vor den Nazis fliehen

    Die Autorin Claudia Graf-Grossmann zeichnet zum 100. Geburtstag am 7. April 2024 in der Biografie "Johannes Mario Simmel – Mich wundert, dass ich so fröhlich bin" das Leben des Schriftstellers nach und ordnet ihn und sein Werk ein. Dazu hat sie Erben, Verwandte, ehemalige Weggefährten und prominente Freundinnen und Freunde wie die Schauspielerin Iris Berben befragt.

    Geboren wurde Simmel 1924 in Wien. Seine Eltern stammten aus Hamburg. Sein Vater, ein Jude, konnte kurz vor dem österreichischen Anschluss an Nazi-Deutschland nach England fliehen. Simmel blieb bis Kriegsende mit seiner Mutter in Wien. Bis ins hohe Alter sollte ihn der Kampf gegen den erneut aufkeimenden Rechtsradikalismus bewegen.

    Simmel arbeitete nach dem Zweiten Weltkrieg für die Militärregierung der USA

    In Österreichs Hauptstadt absolvierte der junge Mann später eine Ausbildung zum Chemieingenieur. Nach dem Krieg arbeitete er für die amerikanische Militärregierung als Übersetzer und Journalist. Nach ersten Geschichten stieß der Österreicher 1950 zur Münchner Illustrierten Quick, die inzwischen längst eingestellt ist, und wurde ein legendärer Reporter. Seine Geschichten fesselten die Leser. Aus der Serie "Es muss nicht immer Kaviar sein" wurde 1960 ein Buch, das ihn über Nacht weltberühmt machte.

    Der leidenschaftliche Simmel, so schreibt die Biografin, wollte mit seinen Büchern aufrütteln, aufklären, warnen und verführen – und zwar mit guter Belletristik. In den Feuilletons, wo zu dieser Zeit über leichtere Literatur die Nase gerümpft wurde, hatte er einen schweren Stand. Sie drückten ihm den Stempel eines Trivialautors auf. Erst mit dem Roman "Doch mit den Clowns kamen die Tränen" aus dem Jahr 1987 fand er die allgemeine Anerkennung, die ihm gebührte. 

    So schrieb er fast 60 Jahre, was das Leben ihm vorgab: Nachkriegsdeutschland, die Berliner Mauer, Drogenthemen, Genmanipulation, oder die Gefahren durch die Welt des Cyberspace gehörten zu seinen Themen. Der Spiegel nannte Simmel einen "Bestseller-Mechaniker", andere Kritiker beschrieben ihn als Moralisten. Marcel Reich-Ranicki sagte: "Simmel hat wie kaum ein anderer zeitgenössischer Autor einen fabelhaften Blick für Themen, Probleme, Motive."

    Johannes Mario Simmel schrieb gegen Antisemitismus an

    Seine Hunderte Seiten langen Romane trugen Titel wie "Bis zur bitteren Neige" (1962), "Liebe ist nur ein Wort" (1963) oder "Hurra, wir leben noch" (1978). Johannes Mario Simmel war ein Volksschriftsteller oder, noch besser, ein Pop-Literat, wenn es diese Gattung damals schon gegeben hätte. Er schrieb sich ins Wirtschaftswunderland Deutschland hinein, wie ein Bohrer sich in ein Brett schraubt. Seine Helden hatten etwas Gebrochenes, zugleich aber lebte in ihnen die Sehnsucht auf ein neues, besseres Leben, wie es typisch für viele Menschen war, die den Krieg durchmachen mussten.

    Als er einmal gefragt wurde, was für ihn Glück sei, antwortete Simmel: "Ich war glücklich, unmittelbar nach dem Krieg. Da war ich Dolmetscher bei den Amerikanern und hatte russische, französische und englische Freunde. Sie waren alle in meinem Alter und der Hölle entronnen. Wir hatten alle die – leider irrige – Vorstellung, dass diese Pest vorbei ist. Und wir wollten alle eine bessere, gerechtere und schönere Welt haben." Dass das nicht klappte, beschäftigte ihn vor allem in den späten Jahren, als er über die wachsende Ich-Bezogenheit der Menschen und den Kapitalismus klagte.

    Simmel, der mit Marlene Dietrich befreundet war, hatte mit der Münchnerin Iris Berben eine Schwester im Geiste im lebenslangen Kampf gegen Antisemitismus. Privat lebte der Autor zuletzt in Zug in der Schweiz. Er war dreimal verheiratet. Vor allem seiner letzten Ehefrau Lulu, die schon über 20 Jahre vor ihm starb, trauerte er sehr nach. Am Ende soll Simmel sogar an Depressionen gelitten haben. Im Grab fand das Paar wieder zusammen. Es war ein klirrend kalter Wintertag, als Johannes Mario Simmel bestattet wurde. Die Grabrede hielt Iris Berben. Seine letzte Arbeit hatte er nicht mehr zu Ende geschrieben.

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