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München
17.06.2022

40 Jahre "Die Ärzte": Sie sind die Meister der Selbstironie

Die Berliner Punkrock-Band Die Ärzte, mit Farin Urlaub, Bela B und Rod Gonzales, tratt im Münchner Olympiastadion auf.
Foto: picture alliance / dpa (Archivbild)

Seit 40 Jahren steht die Berliner Kultband "Die Ärzte" auf der Bühne. Im Olympiastadion beweisen die Männer, dass sie Punkrock immer noch beherrschen.

In neongelben Warnwesten und mit blinkenden Sonnenbrillen stehen Farin, Bela und Rod auf der Bühne. Mit ihren trashigen Outfits und einer Synthiepop-Version von „Elektrobier“ beamen sich die Berliner Punkrocker zurück in die 1980er Jahre. Zurück zu ihren Anfängen. Eine kurze Hommage an die Zeit, in der Kraftwerk die Computerwelt elektronisch vertonte, New Order mit „Blue Monday“ einen Super-Hit landete und Die Ärzte noch niemand kannte.

40 Jahre ist es her, dass sich die selbst ernannte „Beste Band der Welt“ gründete. Ein Jubiläum, das gefeiert werden könnte – mit Geburtstagstour, Best-Of-Album und Fernsehauftritten. Doch Die Ärzte machen – anders als ihre Düsseldorfer Punkrock-Kollegen von "Die Toten Hosen" – nichts von alledem. Nicht ein Wort verlieren sie während des Konzerts im Münchner Olympiastadion darüber. Man mag sich wundern und dann lachen, denn es sind halt Die Ärzte. Und die können vor allem eins: Sich selbst nicht allzu ernst nehmen.

Die Ärzte bieten neben guter Musik auch exzellente Unterhaltung

„Das nächste Lied hat nen langen Text und ist kein Hit. Ihr könnt euch jetzt auch ein Bier holen“, sagt Farin, bevor er "Besserwisserboy" anspielt. Für solche Sprüche wird die Band von ihren Fans gefeiert. 20.000 kommen zum Konzert. Das Olympiastadion mit einer Auslastung von über 70.000 füllen die Ärzte bei weitem nicht, die Stimmung ist trotzdem gut. Schon der erste Song passt perfekt: „Der Himmel ist blau“, singen sie, während die Fans in der Sonne tanzen und sich ins Pogo werfen. Spätestens als die Berliner ihren Gute-Laune-Hit „Hurra“ schrammeln, wird auch auf den hinteren Rängen gefeiert.

Die Ärzte leiern ihre Songs nicht einfach runter, sondern bieten exzellente Unterhaltung. Manch einem mag das Geplänkel zwischen den Liedern zu viel sein, aber es wirkt improvisiert und dadurch sympathisch – als ob man mit alten Schulkameraden im Bandraum steht und dumme Sprüche klopft. Da ist die eine oder andere Plattitüde wie die Anspielung auf Edmund Stoibers legendäre Transrapid-Rede schnell verziehen. Auch einen Seitenhieb gegen den FC Bayern oder Bierzeltgeschunkel können sich die Meister der Selbstironie locker erlauben. Dafür wartet Farin mit einem gejodelten Intro auf und zum Abschied prangt ein zünftiges „Pfiats eich, eire Saupreissen von eure die ärzte“ auf den Leinwänden neben der Bühne.

Apropos Bühne, die Ausstattung ist minimalistisch wie es sich für ein Punkrock-Konzert gehört. Roter Vorhang, Bildschirme mit schlichter Animation, Scheinwerfer im Waben-Design, die den Fans von Zeit zu Zeit ein fettes Ä entgegenstrahlen – mehr brauchen die drei nicht, um sich zu inszenieren. Sie selbst sind die Show. Beständig gut gelaunt spielen und plaudern sie sich durch den Abend und beehren ihre Fans mit ganzen 39 Liedern – darunter Klassiker wie „Zu spät“, „Junge“ oder „Rebell“, aber auch neue Songs wie „Noise“, „Doof“ oder „Dunkel“.

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Mit dem Lied "Schrei nach Liebe" reagierten Die Ärzte auf Gewalt von Rechts

Die Texte sind oft albern oder absurd. Sie leben von Wortwitz und Ironie. Mal erzählen sie von Trennungsschmerz, mal vom Erwachsenwerden. Doch nicht immer geht’s nur um Schabernack. Mit „Deine Schuld“ setzte das Trio 2004 ein Zeichen gegen Ignoranz und politisches Nichtstun. Die Textzeilen funktionieren auch 18 Jahre später, wenn 20.000 Fans mitgrölen. Zum Song „Friedenspanzer“ erstrahlt die Bühne in Blau-Gelb – den Farben der ukrainischen Flagge. Später haut Bela ein „Fuck Putin“ raus. Das war’s dann mit Politik.

Nur mit dem Anti-Nazi-Song „Schrei nach Liebe“ setzen die Ärzte noch einen drauf. Sie schrieben ihn 1993 als Reaktion auf die rechtsextremen Ausschreitungen Anfang der 1990er Jahre und schufen ein erschreckend zeitloses Meisterwerk. Im Zuge der Flüchtlingskrise landete der Song ein Vierteljahrhundert nach Veröffentlichung auf Platz eins der deutschen Charts. Jetzt bekamen ihn die Fans im Olympiastadion live zu hören. „Die AfD hat in vielen Wahlkreisen Stimmen verloren“, verkündet Bela vorab und erntet Beifall, um gleich hinterherzuschießen: „In München ist die AfD nicht so das Problem, ihr habt ja die Freien Wähler.“ Dann erklingt der erste Akkord und man möchte sich am liebsten ins Moshpit werfen – einfach weil’s so schön war früher.

Die Ärzte vereinen Generationen und Geschmäcker. Da hieven Eltern ihre Kinder für eine bessere Sicht auf die Schultern, Metal-Fans stehen neben Punks. Für manche ist es das erste Ärzte-Konzert. „Ihr habt Glück, wir werden nicht mehr lange da sein, die Natur fordert ihren Tribut“, scherzt Bela. Andere haben die Band vermutlich schon dutzende Male gesehen.

Ihre anarchische Haltung behielten Die Ärzte über all die Jahre bei

In einem kleinen Schuppen in Berlin-Kreuzberg standen Bela und Farin 1982 zum ersten Mal als „Die Ärzte“ auf der Bühne – damals noch mit anderem Schlagzeuger. Das erste Studioalbum landete auf dem Index und die Musiker reagierten in typischer Punk-Rock-Manier: Sie veröffentlichten die Mini-LP „Ab 18“, parodierten die Zensurbehörde im Video zu „Bitte, Bitte“ und ließen bei Konzerten die indizierten Texte einfach von den Fans singen.

Ihre anarchische Haltung behielten Die Ärzte bei. Als sie mit „Männer sind Schweine“ 1998 ihren ersten Nummer-Eins-Hit landeten und das Lied bei Oktoberfest und Ballermann rauf und runter lief, war das den Punkrockern zu viel des Kommerz'. Sie boykottierten ihren eigenen Song und weigerten sich, ihn live zu spielen.

Trotz Selbstironie konnten auch Die Ärzte interne Krisen nicht vermeiden. 1988 trennte sich die Band. Fünf Jahren später fanden Bela und Farin dann doch wieder zusammen – diesmal mit Multitalent Rod an ihrer Seite. Auf das Comeback 1993 folgten kommerziell erfolgreiche Jahre. Inzwischen haben die Berliner 14 Studioalben veröffentlicht, allein zwei davon während der Corona-Pandemie. Die ging auch an den Ärzten nicht spurlos vorbei.

Die Ärzte haben sich auch nach 40 Jahren ihre gute Laune bewahrt

Im Herbst 2020 eröffneten sie die ARD-Tagesthemen und appellierten an die Politik, die Kulturbranche in der Krise nicht zu vergessen. Um die gebeutelten Locations und Mitarbeitenden der Kunstszene zu unterstützen, spielten Die Ärzte dann erst mal in kleinen Berliner Clubs, bevor sie Anfang Juni ihre deutschlandweite Stadiontour starteten.

München ist das fünfte Konzert. Ein Fan in der ersten Reihe trommelt den Beat in der Luft mit. „Bela, da vorne steht dein Suffleur“, ruft Farin, woraufhin Bela zum Bühnenrand hüpft und dem Fan seine Schlagzeugstöcke überreicht. Eine nette Geste, von Überheblichkeit keine Spur. Die Magie zwischen Bela, Farin und Rod ist immer noch spürbar. Sie sind weit entfernt von den abgehalfterten Rockstars, für die es an der Zeit wäre, zu gehen, weil sie nur noch ihr Programm abspulen.

Die Ärzte haben sich ihre gute Laune bewahrt, sehen mit fast 60 Jahren topfit aus und Bela kann die schrille Schwarz-Weiß-Frisur getrost weiter tragen. Kurz: Die drei rocken immer noch. Fast möchte man singen „Bitte geht noch nicht, bleibt noch ein bisschen hier“, als sie „Wie es geht“ anstimmen. Als dann tausende Fans bei "Mach die Augen zu" ihre Handys hochhalten und das Olympiastadion in ein Lichtermeer verwandeln, droht es fast romantisch zu werden. Aber nicht mit den Ärzten: Nach fast drei Stunden und zwölf Zugaben schmeißen sie ihre Fans mit dem "Schundersong" raus.

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