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„Pelléas et Mélisande“ bei den Münchner Opernfestspielen: Kritik

Premierenkritik

„Pelléas et Mélisande“: Wenn die Eifersucht nagt

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    Zwei Herzen, die nicht im gleichen Takt schlagen: Golaud (Christian Gerhaher) und Mélisande (Sabine Devieilhe).
    Zwei Herzen, die nicht im gleichen Takt schlagen: Golaud (Christian Gerhaher) und Mélisande (Sabine Devieilhe). Foto: Winfried Hösl

    Draußen vor dem Prinzregententheater hat es 30 Grad, drinnen im Foyer ist es nur wenig kühler. Wie erquickend, dass, sobald man im Zuschauerraum den Blick nach vorne richtet, dort bei hochgezogenem Bühnenvorhang eine Regenwand simuliert wird. Natürlich nicht zur Labsal des Publikums, nein, das Getröpfel hat seinen tieferen Sinn, wird später doch der kleine Yniold, der seine Stiefmutter Mélisande und seinen Onkel Pelléas heimlich beobachtet hat, seinem Vater verraten, einmal, „als es regnete“, da hätten die beiden sich geküsst. So nimmt das Drama seinen Lauf.

    Die Bayerische Staatsoper legt mit Claude Debussys „Pelléas et Mélisande“ seine zweite Neuinszenierung bei den diesjährigen Münchner Opernfestspielen vor, mit einigen mit Spannung erwarteter Debüts. Vorneweg Christian Gerhaher, der sich erstmals den Golaud vornimmt. In die Rolle des Pelléas, die auch von einem Bariton statt eines Tenors gesungen werden kann, war Gerhaher schon geschlüpft; nun also die Gegenfigur.

    So jung wie geheimnisvoll: Mélisande

    Debussys Vertonung des Schauspiels von Maurice Maeterlinck - der flämische Dichter erhielt 1911 den Literaturnobelpreis - ist das frühe Beispiel einer Literaturoper, hat der Komponist den Text zwar etwas gekürzt, doch nicht verändert in seiner Substanz. Im Gegenteil, Debussy folgt dem Sprachduktus akribisch, jede Silbe erhält einen eigenen Ton, mit strukturellen Folgen für die Oper, aus der sämtliche ariosen Solistenflüge verbannt sind. Die Handlung siedelt ursprünglich in einem märchenhaft-fiktiven Königreich: Der schon in die Jahre gekommene Prinz und Witwer Golaud stößt im Wald auf die junge, geheimnisvolle Mélisande, nimmt sie zur Frau und kehrt auf sein Schloss zurück. Dort entwickelt sich zwischen Pelléas, Golauds jüngerem Stiefbruder, und Mélisande, ein zunächst scheues, später intimes Verhältnis.

    Die niederländische Regisseurin Jetske Mijnssen modelt in ihrer ersten Münchner Regiearbeit die Märchenszenerie um zu einem psychologischen Kammerspiel im Gewand gehobener Fin-de-siècle-Bürgerlichkeit. Hier trifft Golaud nicht in freier Natur auf Mélisande, sondern während eines Balls. Zwei einsame Herzen, die einander erspüren - feinsinnig schält die Regisseurin schon hier in Blicken, Gesten und Körperwendungen die Seelenlagen der Figuren heraus. Zu denen auch gehört, dass Golaud nicht nur an Jahren fortgeschritten, sondern auch jähzornig ist, und Mélisande noch jung und in jeder Hinsicht schwer zu fassen für Golaud. Nicht jedoch, wie sich zeigen wird, für Pelléas.

    Golaud (Christian Gerhaher, rechts) vermutet richtig: Yniold (Felix Hofbauer) hat Pelléas und Mélisande zusammen gesehen.
    Golaud (Christian Gerhaher, rechts) vermutet richtig: Yniold (Felix Hofbauer) hat Pelléas und Mélisande zusammen gesehen. Foto: Wilfried Hösl

    Das Bühnenbild von Ben Baur signalisiert - nachdem die Regenwand als Sinnbild innerer Tristesse nur vor Beginn des Stücks zu sehen war -, in was für eine Welt Mélisande da geraten ist. Hinter schwerem Eichenholzparkett mit wenig Mobiliar eine pechschwarze Wand, nirgends Fenster oder Türen. Das Draußen vermag in dieses Puppenheim nicht einzudringen, die im Innern verschränkten Personen - neben den Genannten noch der Knabe Yniold, der greise Arkel, Großvater von Golaud und Pelléas, und deren beider Mutter Geneviève - dämmern vor sich hin in einem abgeschlossenen familiären System. Was da an Ungesagtem, Verborgenem, geheim Gewünschtem brodelt, ist symbolisiert durch das Wasser, bei Maeterlinck der „Brunnen der Blinden“, in der Münchner Inszenierung eine der Bühne vorgelagerte, gefüllte Wasserrinne. Im letzten Akt, wo das Parkett abgetragen ist, zeigt sich, dass unter dieser Heimstatt überhaupt nur Wasser ist, in welches, rings um Mélisandes Totenbett, alle hinein stapfen, auch Pelléas, der nach Golauds Schlag in der Münchner Inszenierung weiterleben und Mélisandes zuletzt noch geborenes Kind - seines? Golauds? - davontragen darf.

    Dem anderen Kind der Geschichte, Yniold, misst die Regie große Bedeutung zu, unverkennbar vom Gedanken getragen: Was bürden Familien ihren Kindern auf! Yniold jedenfalls, eindrucksvoll in der Schwebe gehalten zwischen Verschüchterung und Widerstand von Felix Hofbauer (Tölzer Knabenchor), hat manche verbale und körperliche Demütigung zu erdulden durch seinen Vater, erbarmungslos sich zuspitzend in der erzwungenen Mauerschau beim Treffen von Pelléas und Mélisande.

    Ein Charakter, der Christian Gerhaher ungewohnt fordert

    Das Unbeherrschte ist zweifellos Golauds vorherrschendes Charakterelement - doch Christian Gerhaher tut sich darstellerisch schwer damit. Bei einem Interpreten seiner Klasse, dem jegliche Verfeinerung der künstlerische Maßstab ist, wirkt die Rollenzeichnung ein Stück zu gewollt, zu laut erhebt sich stets die Stimme im Grimm, zu bedeutungsvoll werden die Gesten in den Raum geworfen. Das betrifft freilich nur den Schauspieler Gerhaher - sängerisch ist er wieder einmal faszinierend in seiner Darbietung feinster Klang- und damit Bedeutungsstufen, ganz zu schweigen von seiner auch im Französischen überragenden Klarheit der Diktion.

    Sabine Devieilhe ist eine ideale Mélisande mit ihrem weichen, glockenhellen Sopran, der zudem über die Palette verfügt, um glaubhaft zwischen Traurigkeit und Mädchenblüte zu oszillieren. Ideal auch, weil Devieilhe bis zuletzt, stimmlich wie darstellerisch, ihrer Mélisande das Geheimnis dieser Figur belässt. Solche Rollen-Individualisierung vermag Ben Bliss mit seinem Pelléas nicht in vergleichbarem Maße zu leisten, er bleibt ein etwas eindimensionaler junger Liebhaber, auch wenn seine Tenorstimme beträchtliche lyrische Schönheit besitzt. Starke Momente vor allem am Ende des Stücks hat auch Arkel, Franz-Josef Selig gibt den durch Alter wissen Gewordenen mit elegisch-mürbem Bass. Hannu Lintu, erstmals am Pult des Bayerischen Staatsorchesters, formt Debussys Partitur zur unendlich fließenden Harmoniefolge, die keine Scheu hat vor kraftvollen Klangbildern, auch wenn diese gelegentlich die Sänger überdecken. Einhelliger Applaus am Ende und freudiges Herumtappen der Applaudierten in ihren Gummischuhen im eben noch symbolisch befrachteten, jetzt konkret aufspritzenden Wasser auf der Bühne.

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