Am Ende soll auch in dieser Straße mal wieder alles viel schöner, größer, sozialer werden. Dann versprechen großspurige Immobilien-Investoren neue „Möglichkeitsräume“, „zukunftsträchtige Konzepte“ und „unkonventionelle Beteiligungsprozesse“: Plastikwörter, die eine verbreitete Sehnsucht nach einem besseren Leben bedienen - und damit das bisherige als eintönig und grau diskreditieren. Dabei stimmt das meistens gar nicht.
„Die Straße“, damit meint Robert Seethalers gleichnamiger Roman die Heidestraße, gelegen irgendwo in einer deutschsprachigen Stadt zu einer Zeit, als man noch in Mark statt Euro zahlte. Es ist der Prototyp einer städtischen Wohngegend mit der üblichen Durchmischung unterschiedlichster Bildungs- und Einkommensklassen. Da wohnt der aufstrebende Rechtsanwalt neben der sich mühsam über Wasser haltenden Blumenhändlerin, und unweit der gut gehenden Arztpraxis kämpft ein Antiquar um jeden Kunden. Der Polizist kümmert sich derweil um die eigentlichen Sorgenkinder: Jugendliche mit sozialen Problemen und übergeordnete Behörden, die deren Existenz einfach ausblenden.
Schlaglichtartig zeigt uns der Erzähler Szenen ihres Alltags, kaum länger als eine halbe Seite. Der Beamte schreibt dem „sehr geehrten Landespolizeidirektor“ einen geharnischten Brief. „In aller Deutlichkeit“ macht er auf die chronische Unterbesetzung seiner Wache aufmerksam, ob die Kollegen beim anstehenden Straßenfest alles im Blick behalten, könne er nicht garantieren. Ein Pfarrer ruft den „Heiligen Jolander“ an, bittet ihn um Beistand in seinem inneren Kampf um nächtliche Gedanken an die hübsche Nachbarin. Und im Mehrfamilienhaus formiert sich Widerstand gegen die Sanierungspläne der Immobiliengesellschaft.
Robert Seethaler erschafft mit „Die Straße“ das Panorama menschlichen Lebens
Kaum hat der Lokalpolitiker das Straßenfest mit blumigen Worten eröffnet, kommt es auch schon zu einer Schlägerei. Passanten lästern über die viel zu wenigen, viel zu jungen Polizisten vor Ort. Der Wachtmeister schreibt seinen zweiten Brief an den Herrn Direktor (“die Vorfälle während des Heidestraßenfestes müssten Ihnen klargemacht haben, dass es so nicht weitergehen kann!“). Der Haupttäter muss einen Kurs zur Gewaltprävention absolvieren, seine Mutter die mitleidigen Blicke ihrer Nachbarn aushalten. Und kurz darauf ist das alles auch wieder vergessen.
Denn neue Dramen schieben sich nach vorn. Der Antiquar muss feststellen, dass ein erheblicher Teil seiner Bücher von Würmern zerfressen ist. Die Floristin schreibt dem Reifenhändler verschämte Liebesbriefe, die sie nie abschickt. Und die neugierige Nachbarin ist Augenzeugin eines Mordes geworden - glaubt sie jedenfalls.
Die Heidestraße erweist sich als eine Theaterbühne für heimliche Begierden, unterdrückte Geständnisse und nicht verwirklichte Lebensoptionen. Ein neues Quartier der „Möglichkeitsräume“? Es ist nie etwas anderes gewesen!
Autor setzt auf ironische Alltagsbeobachtungen
Dass bei all den Nichtigkeiten des erzählten Alltags die Lektüre unterhaltsam bleibt, verdankt sich der erzählerischen Meisterschaft dieses Autors. Virtuos wechselt er zwischen inneren Monologen, bürokratischen Aktennotizen, flüchtigen Treppenhausgesprächen und lässig hingeworfenen Gedankenfetzen. Die Ironie steckt dabei mal im konkreten Detail, mal im Gesamtbild - von einem Plot im klassischen Sinne mag man angesichts der assoziativen Struktur dieses Textes kaum sprechen.
Der „heilige Jolander“ mitsamt seiner Märtyrergeschichte entpuppt sich jedenfalls als mutmaßliche Erfindung des Geistlichen. Der von den Hausbewohnern beauftragte Anwalt stellt sich als dankbares Opfer für die Rechtsabteilung des mächtigen Immobilienkonzerns heraus. Und der Polizist setzt genau ein Jahr später wieder ein Schreiben an den Landespolizeidirektor auf. Wie in jedem Herbst stehe auch diesmal wieder das Heidestraßenfest an. „Ich frage Sie in aller Offenheit: Wie soll unser auf seinen Kern zusammengeschrumpftes Kommissariat die zu erwartenden Herausforderungen bewältigen?“
Nur eines ist jetzt anders an diesem täglichen Theaterstück: sein Titel. „Gemeinsam für die Zukunft. Gemeinsam für die Heidestraße“, so lautet der Slogan für das Sanierungskonzept. „Eine klare Botschaft, die den Leuten Zuversicht vermittelt“, glaubt der Projektleiter. Wenigstens bis zur nächsten Prügelei beim Straßenfest.
Robert Seethaler: „Die Straße“, Roman, Claassen 2026; 240 Seiten, 25 Euro.
Der Autor
Robert Seethaler, 59, stammt aus einer Arbeiterfamilie aus dem Wiener Karmeliterviertel und war zunächst als Schauspieler erfolgreich. Als Schriftsteller gelang ihm der Durchbruch 2012 mit „Der Trafikant“. Sein Roman „Der letzte Satz“ stand 2020 auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Zu seinen zahlreichen Auszeichnungen zählen der Grimmelshausen-Preis (2015), Anton-Wildgans-Preis (2017) sowie der Rheingau Literatur Preis (2018). (brg)
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren