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Udo Lindenberg feiert seinen 80. Geburtstag

Geburtstag

Udo Lindenberg wird 80: Der Meister des genuschelten Worts

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    Schwer zu glauben: Am Sonntag wird der sogenannte „Panikrocker“ schon 80. Udo Lindenberg selbst sagt: „Ich habe kein Problem mit dem Alter, das Alter hat eher ein Problem mit mir.“
    Schwer zu glauben: Am Sonntag wird der sogenannte „Panikrocker“ schon 80. Udo Lindenberg selbst sagt: „Ich habe kein Problem mit dem Alter, das Alter hat eher ein Problem mit mir.“ Foto: Christoph Reichwein, dpa

    Eigentlich war er schon immer da. Gefühlt fast ein ganzes Leben lang, spätestens jedoch seit einem Tag im Frühjahr 1973, als im Radio etwas lief, das es so eigentlich gar nicht geben durfte. Es war die Zeit, als der Schlager noch geschniegelt aus Fernsehstudios heraus grinste, Liedermacher gedankenschwer auf Barhockern herumlümmelten und Rockmusik, wenn sie überhaupt etwas gelten wollte, vorzugsweise als angelsächsische Große-Welt-Variante in Schlaghosen und langen Mähnen daherkam. Deutsch dagegen klang entweder nach neunmalkluger Oberlehrerattitüde oder miefiger Provinz.

    Bis „Candy Jane“ kam. An besagtem Mittwochnachmittag, es muss gegen Dreiviertelfünf gewesen sein, erklangen bei „Point“, damals eine der hippsten Sendungen des Süddeutschen Rundfunks in Stuttgart, zunächst Gitarrenbretter im Stile der Rolling Stones, Drum-Grooves, die an John Bonham erinnerten und dann diese Nuschelstimme. Sie konnte keinem ausgebildeten Sänger gehören, schmeckte nach Nachtleben, Tankstellenkaffee und amerikanischem Kino. Und ja: Der Typ da sang, wie ihm der Schnabel gewachsen war: deutsch! Grammatikalisch ein veritabler Blutdruckbeschleuniger für Germanisten, schnoddrig, politisch völlig unkorrekt, mit zotigen Anspielungen, versteckten Wortkapriolen, dennoch lustig und irgendwie megacool, so wie man als Pubertierender halt liebend gerne mal ein Mädchen angebaggert hätte – wenn man sich nur getraut hätte. Genau darin lag diese unfassbare Modernität. „Candy Jane“ war eine kulturelle Grenzüberschreitung, die auf das Konto eines gewissen Udo Lindenberg ging. Er hatte einen Cocktail zusammengemixt, der auf der Zunge kitzelte und nach mehr verlangte.

    Udo Lindenberg war der Underdog aus Westfalen

    Der Song klang wie eine nächtliche Postkarte aus einer Bundesrepublik, die gerade aus der Agonie erwacht war und begann, sich für die große weite Welt zu interessieren. Man befand sich nicht mehr im Nachkriegsdeutschland der 50er- und 60er-Jahre, sondern in einem Land im Übergang, das begriffen hatte, dass man auch mit der Sprache der Täter ziemlich witzig, flippig und couragiert sein Innerstes nach außen kehren konnte. Und er stand für diese ziemlich geniale Mischung aus Pose und Verletzlichkeit, die später zu Lindenbergs Masche werden sollte.

    Denn das schnoddrige „Candy Jane“ – auch nach über 50 Jahren immer noch einer der bunten Höhepunkte seiner Live-Konzerte – transportiert oberflächlich die klassische Rockerpose. Aber darunter verbirgt sich die Geschichte vom Außenseiter, der sich die Nase wie ein frierender Junge vor dem Schaufenster eines Kinos plattdrückt. Der Dandy in Weiß speist ihn arrogant ab, vom Fanclub gibt's ein Autogramm von der Traumfrau, die einfach nur vorüberschwebt. Eine Botschaft, die mehr über Udo Lindenberg sagt, als jede sorgfältig recherchierte Biografie: Er war und ist der Underdog aus dem westfälischen Gronau, der Bohemien, der Verliererpoet. Udo Normalverbraucher eben, fahrig, unkonzentriert, unentwegt auf der Suche und auch unentwegt auf der Flucht – vor sich selbst, vor seiner Herkunft, vor seiner Angst vor dem Scheitern. Aber auch einer, der wild entschlossen ist, all das zu ändern, der unbedingt „sein Ding“ machen will, der seine chronische Einsamkeit mit Zigarettenrauch, Alkohol, Ironie und vor allem Musik zu tapezieren pflegt. Kaum zu glauben, dass es bis hierhin, bis zu seinem 80. Geburtstag an diesem Sonntag geschafft hat! Und „kaum zu glauben, wie lecker-lecker“ (aus seinem 1992er-Album „Gustav“) man ihn trotzdem immer noch finden kann.

    Udo Lindenberg ist nicht nur Musiker, sondern hat sich auch mit seinen Kunstwerken einen Namen gemacht.
    Udo Lindenberg ist nicht nur Musiker, sondern hat sich auch mit seinen Kunstwerken einen Namen gemacht. Foto: Christoph Reichwein, dpa

    Jeder träumt davon, wenigstens zeitweise ein anderes, ein besseres Leben zu leben, oder zumindest zeitweise in eine Rolle zu schlüpfen, die einen größer, stärker, begehrenswerter und selbstbewusster macht. Irgendwann war das auch bei Udo der Fall. Wie eng die Welt gewesen sein musste, damals in der Provinz, kann jeder am besten in „Mach dein Ding“ nachvollziehen, dem hinreißenden Biopic von 2020 über sein Leben. Stickig und still, ein bisschen Dekor, ein paar unterdrückte Dialoge am Abendbrottisch: Mehr brauchte es nicht, um das Gefühl wiederherzustellen, das jeder kennt, der in den Nachkriegsjahren aufwuchs. Dieses Gefühl der Beklemmung, der Druck auf der Brust, diese Angst, keine Luft mehr zu kriegen, wenn man auch nur noch einen weiteren Tag, eine weitere Woche in diesem Sarg zubringen muss, den die eigenen Eltern ihr Wohnzimmer nennen. Ich muss hier raus!

    Genauso ging es dem jungen Burschen. Der Vater Klempner, unglücklich, alkoholkrank und depressiv, wäre gern etwas anderes geworden, vielleicht Dirigent. Aber alle Lindenbergs vor ihm waren schon Klempner, darum stand für ihn fest, dass auch sein Sohn einer wird. Aber Udo spielte lieber Schlagzeug, trommelte sich in seinem Kinderzimmer die Seele aus dem Leib und die Verspannung aus dem Körper, während sein Vater sich nebenan dem Ende entgegen trank. Udo wollte einfach nur raus, er hörte Glenn Miller, spielte in Jazzbands, bekam mit 17 ein Engagement bei der US-Armee in Libyen, durfte erstmals bei Klaus Doldingers „Passport“ an den Drums glänzen und scheiterte vor einem grölenden Mob kläglich bei seinem ersten Versuch als Sänger. Schließlich landete er auf der Reeperbahn und soff sich fast zu Tode, während er gleichzeitig um sein Leben spielte und um die Chance, endlich sein Ding zu machen.

    Udo Lindenberg im Jahr 1983 - damals ohne Hut und Sonnenbrille.
    Udo Lindenberg im Jahr 1983 - damals ohne Hut und Sonnenbrille. Foto: Reinhard Kaufhold, dpa

    Irgendwann in dieser Zeit muss diese Rolle entstanden sein, diese Sprache, dieser Habitus des nuschelnden Ober-Controlletti, den scheinbar nichts aus der Bahn wirft, seine riesige Sonnenbrille nur selten abnimmt und den angewachsenen Hut sowieso nie. Wahrscheinlich geht er sogar mit ihm ins Bett. Nach jahrzehntelanger Berg-und-Talfahrt, verheerenden Abstürzen und grandiosen Wiederauferstehungen ist Udo Lindenberg tatsächlich ganz in seiner eigenen Kunstfigur aufgegangen, die er sich damals im Familienknast in Gronau in ausgiebigen Tagträumen zusammenbaute. Die perfekte Transformation vom Nobody zum Superstar mit Alleinstellungsmerkmal.

    Udo Lindenberg wohnt seit 1995 im Atlantic-Hotel

    Doch wie ist er tatsächlich, wenn die Türe des Hamburger Atlantic-Hotels zufällt, wo er seit 1995 wohnt (als Dauer-Werbefaktor natürlich zu Sonderkonditionen), wenn das Licht ausgeht und ihn nur noch seine Langzeit-Freundin, die Hamburger Fotografin und Künstlerin Tine Acke, (ohne Hut) sieht? Ein von Depressionen geplagter Selbstzweifler mit Komplexen, ein Greis, der mittlerweile alles andere als heiß ist? Einer der weiß, dass der seine Berufsjugendlichkeit trotz Rock'n'Roll-Skandälchen oder Projekten mit dem Rapper Apache 207 (mit dem er 2023 mit „Komet“ seinen ersten Nummer-Eins-Hit in den deutschen Charts überhaupt feiern konnte) nicht bis ans Ende aller Tage erhalten kann? Vielleicht sogar ein ganz normaler Mensch?

    Wenn sich Udo Lindenberg mal die öffentliche Ehre gibt, dann ist er häufig ein ziemlich unausgeschlafener Mann. Aus Prinzip zerknittert. Noch abends um zehn wirkt er mitunter, als sei er gerade erst, und zwar viel zu früh, geweckt worden. Nicht nerven, geh mir bloß nicht auf den Sack! Gehört auch zur Kunstfigur. Wer mehr über den Mythos erfahren will, der kommt vielleicht in bester Freud'scher Küchenpsychologie mit der Analyse seiner Texte über Rauschballaden, Schelmengeschichten und Kiez-Moritaten weiter. In der „König von Scheißegalien“ etwa schildert er, wie es in ihm aussieht, wenn die geliebte Frau sich von ihm trennt. „Dann fängst du zu kotzen an, und es geht dir so miese. Und du denkst, jetzt kommt die Endlife-Krise. Und du holst dir’n Strick oder die Neunmillimeter. Doch der Nervenarzt sagt, killen Sie sich später.“ Auf „Neunmillimeter“ reimt sich bei ihm „Killen Sie sich später“. Sätze wie diese haben längst das Reservat der Popmusik verlassen, sind Allgemeingut geworden und haben den Meister der Sprechblase über alle Genregrenzen hinaus berühmt gemacht. Am geläufigsten: „Keine Panik auf der Titanic“ oder „Und dann packt er sich das Glas, das volle. Und sagt: Alles unter Kontrolle“. Nicht so sehr im Umlauf, aber voll auf die Zwölf ist ein Zweizeiler aus „I Love Me Selber“: „Drum prüfe, bevor man sich so radikalo bindet, dass man sich erst mal selber spitze findet.“

    Das kann nur in diesem Singsang, dieser stoischen Blasiertheit funktionieren, mit der er die Verse durch die Nase quetscht. Das Entscheidende wird einwärts genuschelt, lapidar, ein wenig quengelnd, manchmal klagend, als hätte er zu viel getankt, mit geschürzten Lippen und vorgeschobenem Unterkiefer. Udo war schon immer einer, den es aus jeder Kurve zu tragen drohte. Auch dafür gab er sich verharmlosende Namen wie „Wundertrinker“ und „Feiervogel“. Aber die Botschaft des Königs ist das Entscheidende: Indem er sich immer wieder selbst aus aussichtslosen Lagen befreit, gibt er uns Hoffnung. Solange er überlebt, sind wir nicht verloren.

    Das Foto vom 9. September 1987 ist Teil der deutsch-deutschen Geschichte. Es zeigt  Udo Lindenberg, der dem ehemaligen SED-Generalsekretär Erich Honecker (Mitte) bei dessen Besuch 1987 in Wuppertal eine - laut Lindenberg - „nicht ganz billige Gitarre“ mit der Aufschrift „Gitarren statt Knarren“ überreicht.
    Das Foto vom 9. September 1987 ist Teil der deutsch-deutschen Geschichte. Es zeigt Udo Lindenberg, der dem ehemaligen SED-Generalsekretär Erich Honecker (Mitte) bei dessen Besuch 1987 in Wuppertal eine - laut Lindenberg - „nicht ganz billige Gitarre“ mit der Aufschrift „Gitarren statt Knarren“ überreicht. Foto: Franz-Peter Tschauner, dpa

    Vermutlich ist alles an ihm markengeschützt, vom Patentamt längst katalogisiert: jede Krawatte, jede Zigarre mit dem elegant abregnenden Aschekegel. Dieser Mann wurde deshalb zur größten Poplegende des Landes, weil er Leben und Werk nahtlos zur Deckung gebracht hat. Dass es dabei auch dunkle Kapitel gab, störte nie jemanden wirklich. „Ich war so um die 40 und sie war 15. Wir wollten uns zusammentun. Ja, wo ist‘n da das Problem? Wir zählen die Jahre zusammen und teilen das dann durch zwei. Dann sind wir beide ziemlich jung und fühl'n uns gut dabei“, sang er ohne Schuldgefühle in „Lolita“. Vielleicht war es nur eine Fantasie. Die Erklärung klingt simpel und ehrlicher als bei Konstantin Wecker – was nichts entschuldigt. „Ich war an der Schwelle zum Blausein und sie war an der Schwelle zum Frausein“.

    Immer wieder singt Udo Lindenberg von der Liebe

    Das vielleicht größte, mithin auch keuscheste Werk von Udo Lindenberg ist jedoch „Cello“. Ein junger Mann verliebt sich in eine Cellistin und geht in jedes ihrer Konzerte. Eine unerreichbare Liebe. Eines Tages glaubt er, dass ihr Blick nur ihm galt: „Und manchmal sahst du mich an, und ich dachte Mannomann!“ Er wollte den Moment für alle Zeit festhalten, sang voller Hoffnung auf das ultimative Liebesglück, aber auch aus Angst, wieder abzustürzen. Mehr Udo geht nicht.

    Gemeint hat er schon immer genau das, was er sang. „Wenn ich irgendwo zuhause war, dann immer dort, wo der Applaus tobt“, krächzt er in „Komet“. „Und wenn ich geh, dann so wie ich gekommen bin. Wie ein Komet, der zweimal einschlägt. Vielleicht tut es weh. Doch ich will auf Nummer sicher gehen, dass ich für immer lebʼ.“ Was ihm allemal gelungen scheint. Darauf ein paar Eierlikörchen!

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