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Von Antike bis zur Gegenwart: Die faszinierende Welt des Schwimmens

Tagungsband

Wonnen des Wassers: Schwabenakademie Irsee befasst sich mit dem nassen Element

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    2022 hat die Schwabenakademie auf einer internationalen Tagung das Schwimmen und Baden zum Thema gemacht. Jetzt sind zwei Tagungsbände erschienen, die Aspekte der Bewegung im Nassen anschaulich darlegen.
    2022 hat die Schwabenakademie auf einer internationalen Tagung das Schwimmen und Baden zum Thema gemacht. Jetzt sind zwei Tagungsbände erschienen, die Aspekte der Bewegung im Nassen anschaulich darlegen. Foto: Sebastian Kahnert, dpa

    Immer wieder lehrt uns Wasser das Fürchten, neuerdings in schlimmen Sommer-Überschwemmungen, die Häuser, Tiere, Menschen mit sich reißen. Doch kaum ist der Schrecken vorbei, kaum hört es auf zu regnen, kaum scheint die Sonne, kaum wird es warm, dann freuen wir uns aufs Wasser und übers Wasser, und alle Furcht vor der Macht des Elements ist vergessen. Nichts Schöneres gibt es, als an einem heißen Sommertag einzutauchen ins kühle Nass, zu gleiten im weichen Wasser, zu fließen mit dem Fluss oder sich zu stemmen gegen seine Strömung, zu kämpfen gegen Wellen, zu springen in die Brandung, zu tauchen auf dunklen Grund, wieder hinaufzuschießen an die Wasser-Oberfläche, vielleicht noch in wenig auf ihr zu ruhen, toter Mann, den Blick ins Himmelsblau gerichtet.

    Zwei Tagungsbände aus Irsee tauchen ein in Wasserwelten

    Vor zwei Jahren hat Markwart Herzog, scheidender Leiter der Schwabenakademie, der sich längst als Sport-Historiker profiliert hat, zusammen mit dem Münsteraner Historiker Michael Krüger in Irsee auf einer international besetzen Tagung das Schwimmen und Baden zum Thema gemacht. Jetzt sind zwei Tagungsbände erschienen, in denen die verschiedenen Aspekte der Bewegung im Nassen anschaulich dargelegt werden. Der Bogen wird von der Antike aus geschlagen, wo bekanntlich die Thermen nicht nur Orte von Säuberung und Wellness waren, sondern auch von sozialer Zusammenkunft und Machtspiel.  Und der Bogen endet bei der „Versportlichung“ des Schwimmens im 20. Jahrhundert und seiner Gegenbewegung, der „Entsportlichung“ in der Freizeitgesellschaft der Gegenwart.

    Zunächst mal sollten in Schwimmanstalten junge Menschen, speziell aus der Arbeiterklasse, sich austoben können, dabei gesünder und leistungsfähiger werden. Dazu musste das Schwimmen ordentlich gelehrt und gelernt werden, und – ganz wichtig – auch die Lebensrettung musste man lernen. Seenot- und Wasserrettung ist praktizierte Solidarität.  Schon im 18. und 19. Jahrhundert wurde öffentlich beklagt, dass zu viele Menschen ertranken, gegens Ertrinken sollte helfen, „dass das Schwimmen Mode wird“, wie der Pädagoge Johann C. F. GutsMuths in seinem Lehrbuch der Schwimmkunst 1798 schrieb. Auch heute noch eine aktuelle Einsicht – beklagt wird ja, dass durch die Pandemie in den vergangenen Jahren viele Kinder nicht schwimmen lernen konnten.

    Im 19. Jahrhundert fing man an, Schwimmbäder zu bauen

    Wenn gelernt und gelehrt wird, braucht es dafür Orte. Nachdem im 19. Jahrhundert durch die Industrialisierung die Flussbäder und Seen vielerorts kaum mehr nutzbar waren, fing man an, Schwimmbäder zu bauen, eher Freibäder als die viel teureren Hallenbäder, für die breite Masse in kleinerem Maßstab, für Training und sportliche Wettkämpfe mit langen Bahnen. Für Architekten scheint das Schwimmbad nicht selten eine Herzensangelegenheit zu sein – etwa für Max Frisch und sein berühmtes Züricher Bad am Letzigraben. Und für die Nutzer wurde das Freibad mit seinen weiträumigen Liegewiesen eine Oase der Unbeschwertheit, der Erfrischung und auch der wilden Spiele und der zarten Eroberungen.

    Schwimmsport war schon längst Mode geworden, nicht zuletzt durch berühmte Protagonisten des frühen 20. Jahrhunderts wie den sogenannten „Kurbad-Schwimmer“ Otto Kemmerich, der unter anderem in den Ostsee-Bädern sein Geld mit einer Mischung aus Profischwimmen und Zirkus verdiente, oder wie die Pionierin des Frauenschwimmsports Gertrude Enderle, die den Ärmelkanal durchschwamm, im eng anliegenden Schwimmanzug statt in wollenem Badekleid. Die Deutsch-Amerikanerin entwarf nicht nur den funktionalen Badeanzug, sondern experimentierte auch mit einem Schwimm-Zweiteiler, der dann 1946, erfunden von Louis Réard, als „Bikini“ die Bademode revolutionierte und immer mehr minimalisierte.

    Caroline Wahl lässt in „22 Bahnen“ ihre Heldin schwimmen

    Jenseits von Wettkampf, Extremsport und Moden bleibt Schwimmen freilich immer auch eine Kunst - in unterschiedlichen Schwimmstilen, in der Schönheit und Konzentration der Bewegung, in der Begegnung mit der Natur. Und Schwimmen und Baden sind Thema der Kunst, vor allem der Literatur. John von Düffel preist die Wonnen des Schwimmens, die Schwerelosigkeit des Gleitens und die „Gnade des Wassers“. Ernst Augustin macht in „Die Schule der Nackten“ die Liegewiese eines Münchner Freibads zur erotischen Experimentierzone. Zsuzsa Bánk lässt in „Der Schwimmer“ einen überforderten, allein erziehenden Vater nur im Wasser Luft schöpfen. Und bei Caroline Wahl taucht in ihrem zauberhaften Debütroman „22 Bahnen“ die Heldin mit einem Kopfsprung hinein ins Wasser, wäscht sich damit alle Mühe ihres Alltags ab und sieht vom Boden des Beckens eine unbeschwerte Welt - zappelnde Kinderbeine, koordinierte Seniorenbeine, die verschlungenen Beine eines liebenden Paares, alles unter Wasser.

    Info: Die beiden von Markwart Herzog und Michael Krüger herausgegebenen Tagungsbände zum Schwimmen und Baden sind beim Arete- und beim Nomos-Verlag erschienen

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