01.03.2011

Alexander Netschajew las in der Säulenhalle.
Bild: Foto: Jordan

Lesung in der Säulenhalle

Kino im Kopf

Landsberg Als psychologischen Tiefenforscher bezeichnete Sigmund Freud den Wiener Schriftsteller Arthur Schnitzler (1862 – 1931), dessen meisterhafte Erzählungen den inneren Zerfall der Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts voller Ironie entlarven. Von dieser humorvollen wie klarsichtigen Sozialkritik begeistert, hat sich Landsbergs früherer Theaterleiter Alexander Netschajew Schnitzlers Einakter „Literatur“ angenommen und diesen in einer Lesung zum Leben erweckt.

Im Rahmen der Ausstellung „Grenzsituationen“ entführte Alexander Netschajew sein Publikum in die Zeit des Fin de Siècle, als österreichische Adlige mit Hang zu Pferdewetten mit den Bonvivants der Künstlerszene um den Vorrang in Sachen mondänem Lebensstil „rangen“. Im Selbstverständnis beider Gruppen spiegelt sich dieselbe als Erhabenheit gefühlte Borniertheit, die Schnitzler in seinem Lustspiel „Literatur“ zu einem „Feuerwerk der Leidenschaft und Eitelkeit, der Verzweiflung und Heuchelei“, ummünzt.

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Schillernde Persönlichkeit

Die geschiedene, nicht mehr ganz junge Margarete möchte den adligen Klemens ehelichen, der von ihrer schillernden Persönlichkeit mehr als angetan ist. Doch für ihre literarischen Machwerke, namentlich leidenschaftliche Liebeslyrik, kann er sich nicht begeistern. Ganz im Gegenteil, ihn stört die skandalöse Offenheit der „reinen Phantasien“ seiner Angebeteten und er verlangt von ihr das Schreiben gänzlich zu unterlassen. Margarete als Genie verkannt, eröffnet ihrem Liebsten, dass er noch sehr stolz auf sie sein werde, denn ihr erster Roman sei bereits verlegt worden und sei in Kürze zu erwarten. Diese für Klemens überraschende Eröffnung führt zum Eklat und er verlässt ohne eine weitere Aussprache die Wohnung seiner Margarete. Sie will ihm nacheilen, doch ein Freund aus früheren Tagen, der Schriftsteller Amandus Gilbert kommt in eben diesem Moment zu Besuch. Auch er hat einen Roman geschrieben, auf den sie, so lässt er Margarete wissen, ein gewisses Anrecht hätte. In einem wortreichen Dialog, der so herrlich unaufrichtig wie eitel ist, entdecken die beiden Literaten einander, dass „die dramaturgischen Hintergründe“ der Romane, sprich ihre frühere leidenschaftliche Affäre, den Geschichten als Vorlage diente. Kaum ist diese erschütternde Duplizität der Fälle enthüllt, kehrt der eifersüchtige Klemens zurück. Mit allen Mitteln weiblicher Raffinesse versucht Margarete die unglückliche „ménage à trois“ zu entwirren.

Das Gefühlswirrwarr dieser häuslichen Szene brachte Alexander Netschajew in seiner Lesung perfekt zur Geltung. Konnte man ihn im einen Moment als gekränkten Ehrenmann donnern hören, modulierte er seine Stimme im nächsten zur weich tönenden Fistelstimme der beschwichtigenden Geliebten. Wunderbar akzentuiert und mit der ein oder anderen unwillkürlich eingeflochtenen, großen Geste ließ er die verfahrene Situation des Stückes in der Phantasie seiner Zuhörer entstehen und sorgte so für großes Kino im Kopf.

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