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Gimmenhausen

02.09.2016

58 Hiesige und drei Zugereiste

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2 Bilder
Fini und Georg Duschl leben gerne in Gimmenhausen.
Bild: Gisela Klöck

 In der Nähe der Ortschaft entspringt die Windach.

Gimmenhausen gehört wie Ludenhausen und Reichlingsried seit der Gebietsreform von 1972 zur Gemeinde Reichling, die Häuser und Hofstellen liegen nah aneinandergeschmiegt im Tal unterhalb von Ludenhausen. Der Weiler hat 61 Einwohner und ist noch recht landwirtschaftlich geprägt. Er ist umgeben von Filz (Moorböden). Früher wurde hier rundum Torf gestochen. Außerdem entspringt hier die Windach. Zwei Straßen führen von Ludenhausen hinab. Aus der Ortsmitte gelangt man auf einer schmalen Straße durch eine Allee, vorbei an einem Flurkreuz, oder von der Kreisstraße aus hinunter in den Weiler. Die Straße geht weiter nach Wolfgrub und Dettenschwang.

Gimmenhausen ist eine alte Siedlung, das geht aus der Häusergeschichte von Anton Wiedemann hervor. Er verfasste 1937 eine handgeschriebene Chronik. Dass der Weiler auf die Zeit um 900 zurückgeht, sei aus den Flurnamen zu schließen. Dazu heißt es in der Chronik des erstmals 804 erwähnten Ludenhausen: „Da es sich als beschwerlich erwies, die Flur vom hohen Punkt aus zu bewirtschaften, entstand alsbald die Schwestersiedlung Gimmenhausen.“

Als Erstes komme ich an ein Haus, das neugierig macht. Es wirkt außergewöhnlich. Das Anwesen gehört seit Mai 2015 Ronny und Judith Plaster. Sie sind die einzigen Zugereisten im Weiler. Ich darf mich ein wenig umsehen, drei Labradorhunde begrüßen mich und zwei Lamas grasen mit Schaf „Möhrchen“ auf der Wiese hinter dem Haus, das vom Hügel her neu ausgekoffert und mit einer kleinen Hochwasserschutzmauer abgegrenzt ist. Ungewöhnlich sind die Einfriedungen. Rundbögen und breite Latten, aus denen Herzen und Verzierungen gesägt und „auf alt“ gemacht sind, zäunen den ehemaligen Hof ein. Das Haus wird gerade renoviert. Es ist in seiner ursprünglichen Bauweise belassen worden.

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Darf ich fragen, woher sie kommen? Ihr Dialekt ist gar nicht Lechrainisch.

„Ich komme aus Sachsen und Judith aus Thüringen“, sagt Ronny. Beide sind auf dem Land aufgewachsen und wollten auch auf dem Land leben. „Wir brauchen Tiere, Grün und Ruhe, Samu ist den ganzen Tag draußen und wir bezeichnen uns als naturverbunden und historisch.“ Der knapp zweijährige Sohn Samu schaufelt dabei begeistert Sand auf das frisch verlegte Pflaster. Den Garten haben sie gerade erst angesät, Obstbäume und viele Kräuter wurden gepflanzt. „Am Wochenende kommen alle Freunde, die uns mit dem Haus geholfen haben, zur großen Helferfete. Wir sind sehr dankbar für die viele spontane Hilfsbereitschaft im Dorf“, meinen die beiden. Ronny zieht sich das neue T-Shirt über, das ihm Freunde geschenkt haben, darauf steht: „Ronny Handwerker des Jahres“.

Wie kommen Sie denn ins abgelegene Gimmenhausen?

„Mich hat es zuerst beruflich hierher verschlagen, ich habe im Berghof in Ludenhausen gewohnt und in Dießen als Ergotherapeutin gearbeitet, bevor ich mich selbstständig gemacht habe. Ich habe Stammkunden und die Leute kommen zu mir oder ich mache Hausbesuche“, erzählt Judith. Sie war zuerst einige Zeit alleine hier, dann ist Ronny nachgekommen. Der Maurer fand eine Stelle als Haustechniker und den beiden hat das leer stehende renovierungsbedürftige Haus schon immer gefallen. Auf Nachfrage beim Besitzer hieß es zuerst, es werde vorerst nicht veräußert. „Wir haben gewartet, bis es verkauft wurde“, sagt Judith.

Ein Jahr später kann der Anruf von der Besitzerfamilie, ob sie noch Interesse am Haus hätten. Im Mai 2015 kauften und im November bezogen sie es. Seitdem wird fest gewerkelt. Zugute kam Ronny die Elternzeit, die sich die beiden teilten. „Alles, was ich mache, kommt aus meinem Kopf, ich brauche keinen Plan, ich möchte das Alte verbinden und erhalten und bin offen für alles“, meint der handwerklich begabte Historienfan. Als sie im Stil des Mittelalters heirateten, wurde ein richtiges Lagerleben inszeniert, alle Möbel und den Altar für die Hochzeitszeremonie hat er „historisch“ selbst gebaut, all die Utensilien sind heute noch auf der offenen Tenne zu bewundern und sollen später einen Platz im Garten finden.

Ich fahre weiter und suche mir jemanden, der schon lange in Gimmenhausen lebt.

Georg und Josefine Duschl wohnen in der Mitte des Weilers. Der ehemalige Reichlinger hat vor 40 Jahren seine Fini geheiratet. Sohn und Tochter sind erwachsen und weggezogen. Sohn Thomas hat in Reichling gebaut und die beiden Enkelinnen kommen gerne zu Besuch. „Ansonsten leben wir vor allem für die Allgemeinheit und das Ehrenamt“, erzählen sie auf der kleinen Terrasse im gepflegten Garten des ehemaligen Austragshauses von Finis Urgroßvater. „Als Kirchenpfleger von Ludenhausen hat man viele ’unsichtbare’ und umfangreiche Aufgaben an Kirche und Pfarrhof, ich mache auch Mesnervertretung“, meint Georg. Fini singt im Kirchenchor und ist beim Pfarrbriefteam aktiv. Früher führten sie die Landwirtschaft noch im Nebenerwerb, später reduzierten sie diese auf eine Schafherde. Sie züchteten auch schon Jagdhunde, doch nun haben sie außer ihren geliebten Jagdhund Enni, einen „Braque Francais“-Rassehund, keine weiteren Tiere. Die Jagd ist Georg Duschls große Leidenschaft. Er liebt die Natur und geht seit 1981 hier jagen, seit 19 Jahren ist er der Jagdpächter. Zudem ist er im Landkreis für die Jagd- und Begleithundeausbildung zuständig und ist Vorsitzender des Jagdschutz- und Jägervereins Landsberg.

Wie war es in Gimmenhausen damals, Sie ihr geheiratet haben und was hat sich in den 40 Jahren verändert?

„Damals gab es 18 Landwirtschaften mit Milchvieh und nur ein nicht landwirtschaftliches Haus, und zwar einen Getränkehandel. Heute sind noch sieben Höfe übrig, davon haben drei Landwirte ihre Stallungen aus dem Ort an den östlichen Ortsrand verlegt. Vier Landwirtschaften sind im Ort geblieben, darunter ein großer Biobetrieb“, erzählen die Duschls, und fügen an: „Was im Gegensatz zu früher verloren gegangen ist, ist der starke Zusammenhalt, man brauchte sich und half sich gegenseitig, sei es beim Einbringen der Ernte, im Stall oder wenn die Milch nach Ludenhausen in die Molkerei hinauf gebracht wurde. Dann kam 1990 die Abholung am Hof, man traf sich nicht mehr so wie vorher. Man hält auch heute noch zusammen, aber man braucht sich nicht mehr.“

Was finden Sie an Gimmenhausen besonders?

„Als ich jung war, wollte ich hinaus in die Welt, heute bin ich froh, wenn ich hier bin, ich genieße die Ruhe nach der Rente und mache lange einsame Spaziergänge mit dem Hund in der Natur“, meint Josefine Duschl. „Ich schätze die Hilfsbereitschaft, der Gimmenhauser ist wortkarg und eher ruhig, aber man kann sich auf ihn 100-prozentig verlassen“, meint ihr Mann. „Ich bin stolz auf unser gutes Trinkwasser, Finis Urgroßvater Anton Stangl hat 1912 den Tiefbrunnen ’Am kalten Bach’ gebaut, der Luden- und Gimmenhausen mit bestem Wasser versorgt.“ Der Vater von Josefine, Otto Stangl war von seinem 14. Lebensjahr an, teils mit seinem Vater bis 1936 und dann ab 1951 jahrzehntelang bis ins hohe Alter Wasserwart. Georg meint: „Ich weiß, wie gut das Wasser ist und wie wertvoll, und dass es so erhalten bleiben muss“.

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