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Landsberg

17.11.2017

70 mystische Minuten im Stadttheater

Akrobatik, Mystik mit Streetdance, Ballett und sehr viel Ausdruck. Das brachte das Tanztheater „Hervé Compagnie“ im Landsberger Stadttheater auf die Bühne und sorgte für große Begeisterung im Publikum
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Akrobatik, Mystik mit Streetdance, Ballett und sehr viel Ausdruck. Das brachte das Tanztheater „Hervé Compagnie“ im Landsberger Stadttheater auf die Bühne und sorgte für große Begeisterung im Publikum
Bild: Julian Leitenstorfer

Atemberaubendes Tanztheater mit der „Compagnie Hervé“ mit einer fast hypnotisierenden Wirkung. Minutenlanger Applaus im Stadttheatr

Mit 25 Jahren entdeckte ein junger Mann mit dem sehr französischen Namen Hervé Koubi, dass er gar nicht Franzose ist, obwohl in Cannes geboren und aufgewachsen. Sein Vater zeigte ihm ein altes, vergilbtes Foto, darauf ein alter Mann in traditionell, arabischer Tracht, sein Urgroßvater. „Das war ein Schock für mich“, sagt Hervé Koubi, Doktor der Pharmazie, Tänzer und Choreograf. Er steht vor der Bühne des Stadttheaters und erklärt, wie er begann, sich mit seinen Wurzeln auseinanderzusetzen. Das Ergebnis dieser Auseinandersetzung ist die getanzte Choreografie mit dem poetischen Namen „Die Schuld des Tages an der Nacht“ (benannt nach dem algerischen Familienroman von Yasmina Khadra).

Was folgt, sind 70 hypnotische, nahezu mystische Minuten, die dem Zuschauer abwechselnd Gänsehaut bereiten oder den Mund vor Staunen offen stehen lassen. 14 Männer aller Hautfarben, gekleidet nur in weiße Hosen mit langen, weißen Überwürfen und ansonsten nackten Oberkörper, zeigen die ganze Vielfalt zu der Tanztheater fähig ist. Ein eklektischer Mix aus capoeiragleichem Ballett, Streetdance, Akrobatik und Ausdruck. Eine tänzerische Leistung auf Weltklasseniveau.

14 Körper, 28 Arme

Zu Beginn wabern 14 Körper, 28 Arme wie scheinbar ein Wesen am Boden. Schlangengleich erwachen sie zum Leben, im Herzschlagrhythmus immer wieder unterbrochen durch klassische Musik, beginnen sie mit einer Eleganz, die an Perfektion grenzt, durch die Luft zu wirbeln. Aus dem Gleichklang lösen sich abwechselnd immer wieder neue mal wilde, mal ruhige Formationen, wie ein großes, hochkomplexes Ganzes.

Dann setzt die Musik aus. Nur der keuchende Atem der Tänzer gibt nun den Rhythmus vor. Einer der Tänzer steht auf den anderen, greift scheinbar nach den Sternen und lässt sich zeitlupenartig nach hinten fallen. Wie ein einziges Wesen fallen alle und fangen den Tänzer gleichzeitig auf. Eines der schönsten Bilder des Abends.

Arabische Musik setzt ein. Die Männer ringen, spielen, verzweifeln, lassen sich fallen, erstehen auf, lecken sich die Wunden, und legen zwischendurch in berührenden Gesten die Hand auf die Schulter eines anderen, ein zartes Symbol, wie es wohl nur in Männerfreundschaften vorkommen kann.

Ritueller Drehtanz der Derwische

Atemberaubende Drehungen auf dem Kopf (sogenannte ‚Head spins’ aus dem ‚B-boying’), erinnern an den rituellen Drehtanz der Mevlevi-Derwische, nur umgedreht. Vier Salti hintereinander, einbeinig ausgeführt, dann wieder ruhige Momente mit Anklängen an das experimentelle Ausdruckstanztheater. Und immer meint man, die Auseinandersetzung des französischen Algeriers mit seiner Vergangenheit zu erkennen, sein Ringen um Zugehörigkeit, sein Ausprobieren eines eigenen Ausdrucks, der Elemente aus beiden Welten aufnimmt. Tanz als Ausdrucksmittel von Dingen, die schwer in Worte zu fassen sind, wie Sehnsucht, Heimat, Zugehörigkeit, Verzweiflung, Lebenssinn.

Die ‚Compagnie Hervé Koubi’ schafft es, alle Sinne zu verzücken, mehr noch - hier sei ein esoterischer Ausdruck erlaubt - die Seele zu berühren. Tanztheater kann sehr verkopft auf die Bühne kommen, die ‚Compagnie Hervé Koubi’ trifft mit ihrer unmittelbaren Körperlichkeit mitten ins Herz.

Vor ausverkauften Haus gab es - zu Recht - minutenlange Standing Ovations. Als anschließend nach einer guten Weile die Tänzer nach und nach im immer noch vollen Foyer erscheinen, braust erneut Applaus auf. Während auf der Bühne große, kräftige Männer tanzten, stehen nun überraschend kleine, junge Kerle in engen Jeans oder weiten Hiphop-Hosen am Tresen und freuen sich über die Anerkennung. Alle Tänzer, so heißt es, seien Strassentänzer aus Algerien, Burkina Faso oder Marokko.

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