Konzert

16.03.2015

Alles nur geklaut

Stefan Schulz (Bassposaune) bot ein ungewöhnliches Konzert im Landsberger Rathaussaal.
Bild: Julian Leitenstorfer

Klavier und Posaune

Die Geschichte der Posaune ist launisch. Nach einer Blütezeit in der Renaissance gerät sie im 17. und 18. Jahrhundert mehr und mehr in den Hintergrund und muss den Violinen, Violen, Celli und Kontrabässen weichen, die das kammermusikalische wie sinfonische Geschehen dominieren.

Häufig dienten die Posaunen nur noch zum Unterstützen der Sänger, so etwa bei Johann Sebastian Bach, der sie zu Verdoppelungen der Chorstimmen etwa in seinen Kantaten hernahm. Was für ein Unrecht geschah diesem Instrument, denn welche wunderbaren Klänge ein herausragender Musiker mit diesem Blechblasinstrument erzeugen kann, zeigte der Bassposaunist Stefan Schulz von den Berliner Philharmonikern am Samstagabend beim Rathauskonzert. Posaune und Klavier! Wie geht das zusammen? Hervorragend, wie schon beim ersten Stück, einem Concertino für Bassposaune und Klavier aus der Hand des Filmkomponisten Soren Hyldgard (Jahrgang 1962) zu hören war. Ursprünglich für

Eine Geschichte des Lebens

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Orchester und Posaune gesetzt, entwickelten Schulz und seine Begleiterin auf dem Klavier, Saori Tomidokoro, einen gewaltigen Sound aus dieser Komposition. Ein kleiner Kosmos, eine Geschichte des Lebens entfaltete sich auf dem Podium des Rathausfestsaales.

Wuchtige Akkorde des Klaviers kontrastierten mit weitausgreifenden Phrasen der Posaune. Schulz spielte mit umwerfender Dynamik, mit Staccato, sogar mit einem Vibrato, das den weichen, warmen, samtenen Klang seines Instruments aufblitzen ließ.

Schnelle Läufe die Tonleiter hinauf und hinunter wie sie Georg Philipp Telemann in seiner Sonata in f-moll, einem typischen Werk für Fagott, komponiert hatte, erschienen bei seiner Interpretation mit einer ungewöhnlichen Leichtigkeit. „Nur Geklautes“, erklärte der Posaunist, habe man heute auf dem Programm. Das stimmte, bis auf das Concertino waren es Transskriptionen, Bearbeitungen für Posaune. So intonierte Schulz das berühmte opus 70 von Robert Schumann aus dem Jahr 1849s – in der Urfassung für Horn geschrieben – in der Bearbeitungs für Kontrabass.

Allerdings geriet dieses Stück nicht zum Glanzlicht des Abends, das lag nicht an Schulz. Nicht jede Komposition gewinnt durch eine Überarbeitung für ein fremdes Instrument. Hier verschwammen die Klänge der Posaune zu sehr ineinander und der romantische Duktus lugte nur manchmal hervor. Großartig der „vokale“ zweite Teil des Konzerts. Mit Studenten einer Meisterklasse der Musikhochschule in München gab Schulz, der neben seiner Tätigkeit bei den Berlinern seit 2004 auch eine Professur für Posaune an der dortigen Universität der Künste innehat, ein reizvolles Quartett.

Eine Bearbeitung für vier Posaunen aus Haydns (1732 – 1809) „Vollendet ist das große Werk“ aus seinem Oratorium „Die Schöpfung“. Das war eine gekonnte, ungewöhnliche Interpretation. Präzise und mit einer gehörigen Portion Lust am Spiel präsentierten sich diese jungen Virtuosen (Jakob Rumpf, Carsten Fuss und Lea Hehnen) auf diesem Instrument.

„Lieder ohne Worte“ kennen wir von Mendelssohn-Bartholdy. Wie ein Künstler mit einer Posaune singen kann, erlebte man bei den zwei Chanson von Claude Debussy (1862 – 1918), bei den Liedern von Alexander Dargomyzhsky (1813 – 1869), Mikhail Glinka (1804 – 1857) und Pyotr Ilych Tschaikowski (1840 – 1893).

Saori Tomidokoro begleitete das schmachtende, anbetende, flehende und fröhlich singende Posaunespiel von Stefan Schulz. Begeisterter Beifall für ein großes und dabei ungewöhnliches Konzert aus dem fast vollen Festsaal.

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