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Kinsau

29.12.2020

Als die Pilger noch nach Kinsau strömten

Albert Hutterer mit einer der wenigen Votivtafeln, die noch in der Kirche St. Matthäus vorhanden sind.
Bild: Thorsten Jordan

Plus Albert Hutterer befasst sich intensiv mit der Kinsauer Wallfahrtskirche. Ein Ereignis vor 300 Jahren machte das Dorf bekannt.

Die Ortsgeschichte von Kinsau ist untrennbar mit der Wallfahrt zur Muttergottes verbunden. Scharen von Pilgern kamen seinerzeit zur Matthäuskirche und beteten zu „Unserer Lieben Frau von Kinsau“. Mit dieser wohl bedeutendsten Zeit in der Historie der Lechraingemeinde hat sich Albert Hutterer intensiv beschäftigt.

Der 74-Jährige hat schon viele Führungen in der einst so berühmten Kinsauer Wallfahrtskirche gemacht – und zudem einen Kirchenführer verfasst, der auch Informationen über die allgemeine Ortsgeschichte von Kinsau enthält.

Heimatgeschichte ist früherem Schulleiter wichtig

An der Geschichte seines Wohnorts war Hutterer schon von Berufs wegen immer sehr interessiert: Er war früher Rektor der Grundschule Apfeldorf-Kinsau und ließ im Unterricht die Geschichte dieser beiden Lechraindörfer für seine Schüler wieder aufleben.

„Bereits in der Grundschule habe ich immer versucht, den Kindern ihre Heimat schmackhaft zu machen“, erklärt Hutterer, der von 1981 bis 1997 Schulleiter in Apfeldorf-Kinsau war. Kinsau ist längst auch zu seiner Heimat geworden – auch wenn er ursprünglich aus München stammt: 1974 war er mit seiner Familie in den Lechrain gezogen. „Hier ist meine Heimat“, unterstreicht er.

Kinsau 1323 erstmals urkundlich erwähnt

Seine Heimatgemeinde Kinsau sei erstmals im Jahr 1323 urkundlich erwähnt worden – in einem Schriftstück des Klosters Steingaden. Damals hieß es noch „Kunigesow“, später dann unter anderem „Künsau“ und „Königsau“. Angeblich sei einmal ein König in dieser schönen Au gereist, erläutert Hutterer.

Einen offiziellen Ortschronisten gebe es in Kinsau nicht, stellt der 74-Jährige klar. Ein Kapitel über die Ortsgeschichte hat er jedoch in den Kirchenführer aufgenommen, den er im Jahr 2014 zum 300. Jubiläum der Matthäuskirche verfasst hat. In dem Kirchenführer ist auch alles über die früheren Wallfahrten nach Kinsau nachzulesen.

Aufzeichnungen des Pfarrers genutzt

Eine wichtige Grundlage für die Broschüre seien die Aufzeichnungen von Pfarrer Karl Schilcher (1871-1954) gewesen: „Die haben mir sehr geholfen.“ Der Priester verfasste 1906 die erste Ausgabe der „Geschichte von Kinsau“, die akribische Recherchen über die Pfarrei und die Pfarrkirche enthielt. 1954 sei die „Geschichte von Kinsau“ von Altbürgermeister Florian Schilcher, dem Bruder des Verfassers, ergänzt worden, sagt Hutterer. Danach seien die Aufzeichnungen nicht mehr fortgeführt worden.

Das ortsgeschichtlich sehr bedeutsame Werk hatte Hutterer noch von Pfarrer Adalbert Pscheidl „vermacht“ bekommen. Pscheidl war lange Zeit Priester in Apfeldorf und Kinsau und hatte an der Grundschule viele Jahre Religion unterrichtet.

Den Aufzeichnungen von Pfarrer Karl Schilcher – und der intensiven Aufarbeitung durch Albert Hutterer – haben es die Kinsauer letztendlich zu verdanken, dass heute noch so viel über die berühmten Wallfahrten in das Lechraindorf bekannt ist.

Beobachtung des Mesners als Auslöser

Auch deren Ursprung ist genauestens dokumentiert: „Auslöser der Wallfahrten war ein Ereignis am 24. Juni 1708“, berichtet Hutterer. „Der Mesner hatte beobachtet, dass aus den Augen der Muttergottes Tränen flossen“, erzählt Hutterer. Nach der Vesper hatten dies auch der Pfarrer und viele andere Gläubige gesehen. Danach folgten viele Wunder. Nach eineinhalb Jahren verzeichnete der Pfarrer schon 30 sogenannte Guttaten: Es wurde von Menschen berichtet, die ihr Augenlicht, ihr Gehör, ihre Sprache oder ihre Gehfähigkeit wiedererlangten, oder die vor dem Ertrinken gerettet wurden. „In Schongau wütete einmal ein großes Sterben“, erzählt Hutterer, „und nach einer Wallfahrt nach Kinsau hörte es auf“.

Die Kirche St. Matthäus in Kinsau zog früher die Pilger an.
Bild: Thorsten Jordan

Die hilfesuchenden und hoffenden Wallfahrer kamen von weit her: „Bis aus Immenstadt, Antdorf, Hornbach im Tiroler Lechtal und Südtirol“, weiß Hutterer. Aber natürlich auch aus der näheren Umgebung: „Aus Denklingen, Leeder und Unterdießen kamen die Menschen jedes Jahr zur Wallfahrt.“ Was dazu führte: „Dann haben die Leute irgendwann in der alten Kirche nicht mehr Platz gehabt“, erklärt Hutterer.

Den Beweis für den überaus großen Strom von Pilgern liefert er mit einigen Zitaten, die er bei seinen Recherchen gefunden hat. So soll der Dekan sich einmal beklagt haben: „Alle Tage sitze ich bis zehn und elf Uhr hier im Beichtstuhl“ – innerhalb von acht Tagen hätten 2200 Menschen hier in Kinsau gebeichtet. 1708 wurden dann noch zwei zusätzliche Kapläne eingestellt, später sogar noch ein dritter. In den Jahren 1712 bis 1714 wurde eine neue Kirche (die heutige Kinsauer Pfarrkirche St. Matthäus) gebaut, damit die vielen Wallfahrer alle Platz finden konnten.

Die Madonna, die damals die Pilger nach Kinsau zog, ziert heute noch den Hochaltar. 
Bild: Thorsten Jordan

Die Kinsauer Wallfahrt hatte indes in der näheren und weiteren Umgebung große Bedeutung erlangt. Auch hierzu hat Hutterer ein Zitat aufgespürt: Der Schongauer Magistrat habe im Jahr 1715 geschrieben, „dass man diese Wallfahrt wohl unter die vornehmeren in Bayern rechnen darf“.Die Säkularisation setzte den Pilgerreisen ein Ende: 1804 wurden die Wallfahrten verboten.

Von den vielen Wundern und Wohltaten zeugen heute noch die Votivtafeln in der Kinsauer Kirche. Von denen aber leider nur noch acht vorhanden seien, räumt Hutterer ein. „Früher waren einmal an die 200 Votivtafeln da“, hat er recherchiert. Wo die vielen Tafeln hingekommen sind, weiß niemand.

Die Muttergottes ziert den Hochaltar

Die Statue der Muttergottes, zu der die Pilger beteten und die Notleidende um Hilfe baten, ziert heute noch den Hochaltar der Kirche. Auch wenn die Wallfahrten nach Kinsau mittlerweile fast vergessen sind: Noch heute gibt es einige Gruppen aus der näheren Umgebung (aus Aufkirch, der Umgebung von Blonhofen und aus Schwabniederhofen), die alljährlich zu „Unserer Lieben Frau von Kinsau“, wie die Muttergottes auch genannt wird, pilgern.

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