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Dießen

12.01.2017

Als die netten Herzogs in Dießen waren

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Der verstorbene Altbundespräsident Roman Herzog (links) war 1995 in Dießen zu Besuch. Neben ihm "Derrick"-Schauspieler Horst Tappert und seine Ehefrau Christiane.
Bild: Sibylle Seidl-Cesare

Der verstorbene Altbundespräsident besuchte 1995 die Marktgemeinde, als das ZDF im Marienmünster eine Weihnachtssendung aufzeichnete. An ihn heranzukommen, war nicht einfach. Zwei Ministranten gelang es aber.

Der Tod von Altbundespräsident Roman Herzog hat in Dießen ganz besondere Erinnerungen geweckt: Das von 1994 bis 1999 amtierende Staatsoberhaupt war vor 21 Jahren, im Advent 1995, zu Besuch in der Marktgemeinde. Im Marienmünster wurde damals fürs ZDF eine TV-Weihnachtsfeier mit dem Bundespräsidentenpaar aufgezeichnet, die am Heiligen Abend ausgestrahlt wurde. Wer dabei war, erinnert sich gerne an das volksnahe Ehepaar Herzog, wenngleich nur ganz wenige Normalbürger Gelegenheit hatten, ihnen ganz nahe zu kommen. Einer davon war der damals 13-jährige Dominic Wimmer.

Die Weihnachtssendung mit dem Bundespräsidenten wurde als „Weihnachtsgeschenk des Bundespräsidenten an den Freistaat Bayern“ bezeichnet, wie das LT bereits im Oktober zu berichten wusste. In den folgenden Jahren wurden noch andere Bundesländer beehrt, 1996 Sachsen und zuletzt Baden-Württemberg. In Dießen hatte die Reihe aber Premiere, und Dießen sei von Herzog selbst ausgewählt worden, erinnert sich Alois Koch, dessen verstorbene Ehefrau Hildegard damals Sekretärin im Pfarramt war. Vor seiner Wahl zum Bundespräsidenten hatte Herzog in Fürstenfeldbruck gelebt, also fast in Sichtweite des Dießener Marienmünsters.

Im Mittelpunkt des weihnachtlichen Programms, das im Marienmünster für die Sendung aufgeführt wurde, stand eine Lesung von Ludwig Thomas „Heiliger Nacht“ von Enrico de Paruta und Carolin Reiber. An zwei Tagen wurde die Sendung aufgezeichnet. Daran wirkten auch viele Kinder aus der Schule, dem SOS-Kinderdorf und dem Kinderheim in St. Alban mit, für die der Nikolaus einen ganzen Schlitten voll mit Armbanduhren dabei hatte. Viel zu tun hatte auch die Dießener Feuerwehr, deren damaliger Vorsitzender Helmut Neckermann Carolin Reiber als Patin für die im folgenden Jahr stattfindende Taufe des Feuerwehrboots gewinnen konnte.

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Zur Generalprobe am Freitag durften auch die Dießener Normalbürger dabei sein. Tags darauf fand sich in der Kirche viel Prominenz ein, unter anderem der damalige Ministerpräsident Edmund Stoiber und der seinerzeitige Bundesfinanzminister Theo Waigel, aber auch Schauspieler wie Horst Tappert, der nach dem Dafürhalten des damaligen LT-Berichterstatters Joachim Spiering den meisten Beifall erhielt.

Sie und viele weitere bekannte Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Kirche und Medien versammelten sich bei einem Empfang im Traidtcasten, bevor es ins Marienmünster ging. Viele von ihnen sah auch Angelika Mayr. Sie hatte ein paar Wochen zuvor im Pfarramt zu arbeiten begonnen und betreute mit ein paar anderen Damen die Garderobe. „Die Herzogs waren ein supernettes Ehepaar“, sagt Mayr, „sie haben jedem die Hand gegeben.“ An weitere Einzelheiten kann sie sich aber nicht mehr erinnern, „das ging es ja alles so schnell“.

Neben den Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die sich beim Herzog-Besuch in Dießen ein Stelldichein gaben, waren aber auch örtlich hervorragende Persönlichkeiten zu dem Empfang geladen, zum Beispiel frühere St. Georgener Kirchenpfleger Alois Koch. Die ganz wichtigen Leute seien damals unten im Traidtcasten-Saal gewesen, er selber habe von der Galerie aus das Geschehen gut im Blick gehabt. Etwas näher an den Bundespräsidenten kam 1995 Herbert Kirsch heran. Der heutige Bürgermeister arbeitete damals im Ordnungsamt im Rathaus und war von seinem Vorgänger Alfred Schad für alle organisatorischen Fragen rund um den Herzog-Besuch abgestellt worden. „Ich habe dem Bundespräsidenten das Goldene Buch gereicht und den Füller verwahrt, mit der er sich eingetragen hat und war immer in Reichweite des Bürgermeisters“, fällt Kirsch dazu spontan ein. Später traf Kirsch den Bundespräsidenten noch einmal. Bei der letzten Weihnachtssendung, die in Weingarten aufgezeichnet wurde, seien die Bürgermeister der früheren Weihnachtsstationen eingeladen gewesen. Daran nahm auch Kirsch mit Ehefrau Anita teil, nachdem er kurz nach dem Herzog-Besuch in Dießen zum Bürgermeister gewählt worden war.

Zwei Ministranten kamen ganz nah heran

Noch etwas näher kamen dagegen zwei Ministranten an den Bundespräsidenten heran. Einer der beiden war Michael Seifert, der andere LT-Redakteur Dominic Wimmer, der unmittelbar neben dem Marienmünster daheim war. Doch als der große Prominentenauflauf einsetzte, war der Klosterhof komplett abgeriegelt, ohne Akkreditierung und ohne dass man etwas im Zusammenhang mit der Veranstaltung zu tun hatte, war kein Durchkommen.

Doch dann habe das Rote Kreuz Helfer gesucht, die in der eiskalten Kirche Decken an die Besucher verteilen sollten. Die beiden meldeten sich, „und dann hatten wir einen Ausweis und durften auch in den Traidtcasten“. Dort sammelten die Buben fleißig Autogramme, nur bei einem schien es nicht zu klappen: „Der Bundespräsident war abgeschirmt und auch gerade beim Essen“. Doch eine Frau – wie sich später herausstellte Herzogs Schwägerin – erkannte die Situation: „Ihr wollt’s bestimmt ein Autogramm vom Bundespräsidenten, des hamma gleich, da gehen wir direkt hin“, erklärte sie und tat dem Staatsoberhaupt kund: „Roman, die zwei Burschen hätten gerne ein Autogramm.“ Die Fürsprache half und Herzog schrieb Michael Seifert und Dominic Wimmer eine Widmung ins Programmheft.

„Das war schon ein Highlight“, denkt Wimmer 21 Jahre später zurück, noch dazu weil der Bundespräsident auch Sinn für Dramaturgie bewies: Zuerst habe er richtig entrüstet gewirkt, sagt Wimmer, aber das sei gespielt gewesen, und dann habe er auch noch seine Gabel genommen und so getan, als würde er gleich auf die vermeintliche Störenfriedin einstechen wollen. In Wirklichkeit sei Herzog freilich „ein sanfter Riese“ gewesen, von dem er besonders auch die „riesigen Hände“ in Erinnerung behalten habe.

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