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Soziales

26.02.2020

Am schlimmsten sind die Sonntage

Die Initiatoren des Projekts: (von links) Andreas Lehner, Marianne Asam (beide BRK), Kristina Giersberg und Walter Schuler (Seniortrainer).
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Die Initiatoren des Projekts: (von links) Andreas Lehner, Marianne Asam (beide BRK), Kristina Giersberg und Walter Schuler (Seniortrainer).
Bild: Dagmar Kübler

Viele Senioren fühlen sich einsam. Das Rote Kreuz in Landsberg will ihnen mit einem neuen Projekt helfen. Wie ein Besuchsdienst entstehen könnte

Sich einsam fühlen ist keine Frage des Alters, jedoch nimmt die Wahrscheinlichkeit mit dem Alter zu. Wie Umfragen ergeben, sind bereits heute bis zu 25 Prozent der über 70-Jährigen von Einsamkeit betroffen. In Großbritannien wurde 2019 ein Ministerium für Einsamkeit ins Leben gerufen. So weit ist es in Deutschland noch nicht, sagt Marianne Asam vom Bayerischen Roten Kreuz (BRK) im Landkreis Landsberg. Sie stellt das neue Projekt „Wenn allein sein zur Qual wird – Einsamkeit überwinden und sich verbunden fühlen“ vor.

Im Lehrsaal des BRK in Landsberg informierten sich sowohl ehren- als auch hauptamtliche BRK-Mitarbeiter sowie zahlreiche Menschen, die sich engagieren möchten. Das zeigte die gut ausgefüllte Liste Interessierter, die Asam am Ende der Veranstaltung entgegennehmen konnte.

„Die Sonntage sind am schlimmsten. Da sitze ich am Fenster und schaue den Zügen nach. Ich habe niemanden, mit dem ich mich unterhalten könnte. Dabei wohnen mein Sohn und seine Familie nicht weit weg. Aber ich möchte nicht lästig sein. Ich bin jetzt 90 Jahre alt und möchte kein Jahr mehr so weiterleben.“ Mit dieser unter die Haut gehenden Schilderung der ihr bekannten Lebenssituation einer Hochbetagten machte Asam die Dringlichkeit des Problems Einsamkeit klar.

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Für viele Menschen sei der Höhepunkt des Tages, wenn der Zusteller von „Essen-auf-Rädern“ an der Tür klingelt. Endlich ein menschliches Gegenüber – das jedoch aufgrund seiner eng getakteten Arbeit auch keine Zeit für eine längere Unterhaltung hat. Einsamkeit komme auch in Pflegeheimen häufig vor, so Asam. Oft entsteht sie, wenn der Partner stirbt, die Gesundheit und damit die Mobilität nachlässt und so auch die sozialen Kontakte. Immer häufiger führt auch Altersarmut zu Isolation.

„Es ist mir eine Herzensangelegenheit, damit an die Öffentlichkeit zu gehen“, betonte Asam. Das neue Projekt, das aus Mitteln der Glücksspirale finanziert wird, ist auf drei Jahre angelegt und soll die bestehenden Angebote in der Seniorenarbeit verzahnen und neue Impulse setzen, führte Kreisgeschäftsführer Andreas Lehner ein und warb um Multiplikatoren, die das Projekt im Umfeld von einsamen Menschen bekannt machen sowie Betroffene vor Ort aufsuchen. Ziel sind jedoch nicht nur Besuche, sondern die Aktivierung Einsamer, sodass diese wieder mehr an gesellschaftlichen Aktionen teilnehmen.

Denn letztlich macht Einsamkeit krank, das Risiko, an Demenz oder Depressionen zu erkranken oder über Gebühr zu Medikamenten oder Alkohol zu greifen, steigt. Wer sich einsam fühlt, empfindet sich als nutzlos und für niemanden mehr wichtig, eine Spirale negativer Gefühle kommt in Gang, die zu vermehrtem Rückzug führt.

Über seine eigenen Strukturen wie Sozial- und Pflegearbeit, aber auch Netzwerkpartner, hofft das BRK, dass das neue Angebot bekannt wird. „Wir können das Problem nicht in der Breite lösen, jedoch einen kleinen Lichtstrahl aussenden“, so Asam. Menschen, die sich tatkräftig und mit Ideen einbringen wollen, werden gesucht. Sie werden auf ihre neue ehrenamtliche Aufgabe mit einer Schulung vorbereitet. Das erste Arbeitstreffen wird am 3. Februar um 14 Uhr im Lehrsaal des BRK in der Max-Friesenegger-Str. 45 in Landsberg stattfinden.

Im ersten Projektjahr soll ein Besuchsdienst entstehen, eine Telefonkette aufgebaut sowie regelmäßige Treffen und ein gemeinsamer Mittagstisch angeboten werden. Die Idee der Telefonkette stammt von Kristina Giersberg und Walter Schuler, die sich in der Awo zum Seniortrainer haben ausbilden lassen. Auch hier werden noch Mitstreiter gesucht. Zur Telefonkette braucht es vier bis sechs Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind oder sich sehr zurückgezogen haben. Sie rufen sich täglich zu einer vereinbarten Zeit reihum an.

„So entsteht ein regelmäßiger Kontakt und es können sich darüber hinaus gemeinsame Stammtische oder Ausflüge ergeben“, erklärte Schuler, der zusammen mit Giersberg den „Kopf“ der Kette bilden wird. Falls jemand nicht erreichbar ist, benachrichtigt er autorisierte Personen, die dann vor Ort nachschauen. So können Menschen, die zum Beispiel nach einem Sturz selbst keine Hilfe holen können, schnell medizinisch versorgt werden.

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