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Wohnstift in Dießen

30.05.2015

Augustinum sieht sich betrogen

Der vor drei Jahren über die Bühne gegangene Verkauf des Dießener Augustinums – und 13 weiterer Wohnstifte in Deutschland – beschäftigt jetzt die Justiz.
Bild: Gerald Modlinger

Das gemeinnützige Unternehmen sagt, ihre Immobilien – auch die in Dießen – seien unter Wert verkauft worden. Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Bestechung und Bestechlichkeit

War beim Verkauf der Augustinum-Wohnstifte in den Jahren 2010 bis 2013 Bestechung im Spiel? Wurde der Augustinum-Konzern dabei betrogen? Der damalige Immobiliendeal, bei dem auch das Augustinum in Dießen seinen Eigentümer wechselte, wird seit Monaten von der Staatsanwaltschaft München I untersucht. Seit Juni 2014, bestätigte Behördensprecher Thomas Steinkraus-Koch, werde in diesem Zusammenhang dem Verdacht der Bestechung und der Bestechlichkeit im geschäftlichen Verkehr nachgegangen.

Ausgelöst wurden die Ermittlungen durch eine Anzeige der Augustinum-Gruppe. Zugleich will das gemeinnützige Unternehmen zivilrechtlich erreichen, dass alle Verkäufe rückabgewickelt werden. Bei dem Verkauf von 14 Seniorenresidenzen dürfte ein hoher dreistelliger Millionenbetrag geflossen sein. Das legt der Umfang des Geschäfts in Dießen nahe: Allein hier ließ der an die Gemeindekasse gegangene Grunderwerbssteueranteil auf einen Kaufpreis von mehr als 50 Millionen Euro schließen. Dafür erhielten die Käufer ein mehrere Hektar großes Gelände mitten in der Marktgemeinde mit 340 Seniorenappartements, Theatersaal und Hallenbad.

Die Augustinum-Gruppe tätigte damals ein sogenanntes „Sale-and-Lease-Back“-Geschäft. Man verkaufte Eigentum und mietete es gleichzeitig auf 30 Jahre zurück. Das durch den Verkauf eingenommene Geld wurde übrigens langfristig an die Investoren zu einem Zinssatz von fünf Prozent ausgeliehen, hieß es im Geschäftsbericht für das Jahr 2011. Die Verkäuferin lieh also den Käufern Geld, damit diese ihre Erwerbung überhaupt bezahlen konnten. Die Augustinum-Gruppe versprach sich, so sagte im Januar 2013 Pressesprecher Matthias Steiner dem Landsberger Tagblatt, mehr liquide Mittel und damit mehr Unabhängigkeit und ein besseres Ranking.

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Bald nach den Verkäufen erreichte ein anonymes Schreiben den Augustinum-Aufsichtsrat, heißt es aus dem Unternehmen. Daraufhin kamen Zweifel auf, ob die Geschäfte mit den in Norddeutschland ansässigen Investoren wirklich zum Vorteil des Konzerns waren. Möglicherweise, diese Vermutung steht jetzt im Raum, lag der Nutzen dieser Geschäfte ganz woanders.

Eine zentrale Rolle bei den Vorgängen nähmen der damalige, inzwischen verstorbene Aufsichtsratsvorsitzende Artur Maccari und der im Frühjahr 2014 fristlos entlassene kaufmännische Geschäftsführer ein, verlautbart die Augustinum-Gruppe in einer Pressemitteilung. Diese hätten zusammen mit den Erwerbern zulasten des Unternehmens gehandelt. Wörtlich heißt es darin: „Nach heutiger Überzeugung des Augustinum wurden die Immobilien unter Wert veräußert, um im Zuge von Weiterverkäufen Mehrerlöse in Millionenhöhe zu erzielen und zwischen den Beteiligten aufzuteilen. Zudem wurden Gelder – verschleiert durch eine zwischengeschaltete Schweizer Treuhandgesellschaft und fingierte Rechnungen – in illegaler Weise an die Beschuldigten transferiert.“ Diese Gelder, so das Augustinum weiter, hätten dazu gedient, Maccari und den gefeuerten Geschäftsführer zu bestechen.

Ob die Einschätzung der Augustinum-Gruppe zutrifft, untersucht seit fast einem Jahr die Staatsanwaltschaft, die aber aus ermittlungstaktischen Gründen keine weiteren Angaben macht. Bekannt ist aber, dass der frühere Augustinum-Geschäftsführer im September verhaftet wurde, wie damals in der tz berichtet wurde. Er soll der Süddeutschen Zeitung zufolge erst Anfang Mai wieder freigekommen sein und wie die weiteren Beschuldigten alle Vorwürfe bestreiten.

Das Augustinum ist sich derweil sicher, ihre Seniorenresidenzen wieder zurückzubekommen. Diese Zuversicht gründet unter anderem darauf, dass die Staatsanwaltschaft alle früher dem Augustinum gehörenden Immobilien im Wege der Rückgewinnungshilfe beschlagnahmt habe und das Unternehmen „die Grundstücke im Wege des einstweiligen Rechtsschutzes grundbuchrechtlich gesichert“ habe.

Außerdem, versichert das Unternehmen, sei „die gesunde wirtschaftliche Lage des Augustinum durch die Vorfälle auch bei maximaler Risikobetrachtung in keinster Weise gefährdet“. Auch auf die Bewohner und den laufenden Betrieb der Wohnstifte hätten die juristischen Auseinandersetzungen keinen Einfluss. In Dießen wird man trotzdem weiterhin gespannt auf die künftigen Entwicklungen in dem Fall schauen. Die dürfte nicht nur die Bewohner der 340 Appartements interessieren, sondern auch viele andere: Schließlich ist das Wohnstift der größte Arbeitgeber und ein wichtiger wirtschaftlicher und kultureller Faktor im Ort.

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