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Utting

23.08.2018

Ausstellung: Claus Bastian war Häftling Nummer eins in Dachau

In Utting erinnert eine Ausstellung an Claus Bastian.
Bild: Andlauer

Erinnerungen des Malers und Juristen, der in Utting seine Kindheit verbrachte sind im Raum B1 ausgestellt. Ein Ort für Kunst, Kultur und Begegnungen.

Geht man die Bahnhofstraße in Utting Richtung See, führt der Weg direkt zu einem markanten Ensemble aus hohen Kiefern und einem kleinen Flachdachhaus dazwischen. Mit seiner kräftigen rotbraunen Farbe bildet es einen lebhaften Kontrast und gibt dem Bahnhofsplatz ein mediterranes Flair. Das Schöne daran ist, dass seit Kurzem dort die Fenster einladend offen stehen. Denn in Utting gibt es einen neuen Raum für Kultur. Harry Sternberg, geboren in Niederbayern, Uttinger seit rund 25 Jahren, Fotograf und Mitbegründer des Kulturforums Utting, hat das ehemalige Fremdenverkehrsamt zum Ort für Kunst, Kultur und Begegnung verwandelt. Im Raum B1 will er wechselnde Ausstellungen zeigen, der Raum steht aber auch für andere Kulturschaffende offen.

Ausschnitte aus seinem Leben

Seit Ende Juli sind im Raum B1 Ausschnitte aus dem Leben von Claus Bastian, der seine Kindheit ab 1911 in Utting verbracht hat, zu sehen. Claus Bastian ist vor Ort kein gänzlich Unbekannter, nach ihm ist sogar eine Straße benannt. „Viele Uttinger kennen ihn dennoch nicht“, sagt Sternberg und hat mit seiner neuen Ausstellung Bastians vielschichtige Lebensgeschichte verknüpft mit der Ortsgeschichte Uttings.

Zwei Liegestühle stehen auf dem kleinen Plätzchen vor der Tür, ein Tisch, zwei Sitzbänke. Warm und würzig liegt der Kiefernduft in der Luft, wenn Sternberg von den interessanten Begegnungen erzählt, die sich durch die Beschäftigung mit Bastians Leben bereits ergeben haben. So hat er von einem Sohn Bastians, der in der Region wohnt, viel Material, alte Fotografien und sogar Originalbilder erhalten, die in der Ausstellung zu sehen sind. Mit einigen der sieben Kinder Bastians hat er Kontakt. „Seine Tochter Nicola, die ihn in seinen letzten Lebenstagen gepflegt hat, will eigens aus den USA nach Utting kommen“, freut sich Sternberg.

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Ein Lebenskünstler

„Meine erste Ausstellung sollte einen Bezug zur Uttinger Zeit- und Ortsgeschichte haben. Ich möchte die Bürger damit ansprechen“, sagt Sternberg zu seiner Wahl, an das Leben von Claus Bastian zu erinnern. Bastian, 1909 als jüngstes von sechs Kindern geboren, war ein Lebenskünstler, dessen Leben immer wieder spannende Wendungen genommen hat. So war er Bauer, Schäfer, Schmied, Boxer, Steptänzer, aber auch ein Rechtsanwalt, dessen Kanzlei nach Kriegsende insbesondere 2000 Wiedergutmachungsverfahren für Israelis durchgeführt hat. Bis zu dessen Tod war er auch der Anwalt von Albert Schweitzer.

In den 1950-er Jahren wandt er sich der Kunst zu, wurde Maler und Bildhauer. Kontakt mit der Pariser Künstlerszene bekam er bereits 1929, wo er an der Sorbonne studierte und mit Miro und Picasso zusammenkam. Bastian war aber auch Kommunist und mondäner Dandy – und der Häftling mit der Nummer 1 im Konzentrationslager Dachau.

Dass heute so viel über sein Leben bekannt ist, ist der Lehrerin Anna Andlauer zu verdanken. Sie porträtierte ehemalige Häftlinge des KZ und stieß im Rahmen dieser Arbeit auf den in Schwabing lebenden, 82-jährigen Bastian. Aus den vielen Gesprächen in den folgenden zwanzig Monaten entstand das Buch „Du, ich bin der Häftling mit der Nummer 1“, das im Raum B1 auch erhältlich ist. „Selbst seine Kinder haben manches aus dem Leben ihres Vaters erst aus diesem Buch erfahren“, weiß Sternberg.

Sein Resümee beeindruckt

Beeindruckend ist neben dem Lebenslauf auch Bastians Blick auf das Leben, sein ganz persönliches Resümee. So war es ihm stets wichtig, sich nicht von den eigenen Tabus überrollen zu lassen, immer auf der Hut zu sein vor den eigenen Vorstellungen und Erklärungsmustern. Er, der 82-Jährige, sprach davon, dass es darum ginge, zur Offenheit des Anfangs zurückzukehren, um die Fähigkeit zu schaffen, ein Leben lang neugierig zu bleiben. Claus Bastian starb 1995.

Geschichten vom Hochradfahren des kleinen Buben in der Bahnhofstraße, seine Besuche beim Schuster Sirch und dem Friseur und Wundheiler Ignaz Wurmdobler lassen das alte Utting wieder aufleben. Am 19. September soll es einen Spaziergang mit Anna Andlauer zu den Häusern Uttings aus Bastians Kindheit geben sowie eine Lesung.

Sternberg selbst wird seine großformatigen Fotografien, darunter viele Naturaufnahmen, im November auch im Altstadtsaal in Landsberg im Rahmen einer Einzelausstellung zeigen. Seit 1996 sind seine Werke immer wieder in Ausstellungen zu sehen, so im Studio Rose oder beim Kleinen Format in Dießen. Auch an den Kreiskulturtagen im kommenden Jahr wirkt er mit. An Ideen für weitere Ausstellungen im Raum B1 mangelt es ihm nicht. So habe Bert Brecht die glücklichsten sieben Wochen seines Lebens in Utting in einem Landhaus verbracht. Die Geschichte, wie Brecht in der Nazi-Zeit zu diesem Haus kam, gleicht einem Krimi –vielleicht wird Sternberg ihn im Raum B1 aufführen.

Die Ausstellung „Freiheit, Wagnis, Staunen“ über Claus Bastian ist im Raum B1 am Bahnhofsplatz in Utting noch bis 16. September jeden Sonntag von 14 bis 18 Uhr zu sehen.

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