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Denklingen

14.02.2020

Automobilzulieferer Hirschvogel steckt voll in der Krise

Die Hirschvogel Automotive Group in Denklingen hat eine leichte Krise. Mehr als 200 Vollzeitstellen mussten abgebaut werden.
Bild: Julian Leitenstorfer

Plus Stellenabbau, Produktionsstopp und Erweiterungspläne auf Eis: Der Denklinger Zulieferer Hirschvogel bekommt die Folgen des Wandels in der Auto-Industrie zu spüren.

Die Automobilindustrie befindet sich in einem starken Wandel. Den Druck spürt auch der Automobilzulieferer Hirschvogel aus Denklingen. Insgesamt hat das Unternehmen im vergangenen Geschäftsjahr 260 Vollzeitstellen abgebaut, die meisten davon in Deutschland. Die Zahl nannte die Geschäftsführung am gestrigen Freitag bei der Vorstellung der Jahresbilanz. Es sei eine „neue und ungewohnte Situation“ für sein Unternehmen, sagte Frank M. Anisits, Geschäftsführer Produktion. Nach der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 sei die Hirschvogel Automotive Group stets stark gewachsen.

Das Unternehmen musste im Jahr 2019 einen Umsatzrückgang von 1,5 Prozent auf 1,23 Milliarden Euro hinnehmen. Die schwächelnden Absatzzahlen bei Verbrennern, vor allem bei Dieselfahrzeugen, machen dem Unternehmen zu schaffen. In Denklingen gibt es aktuell knapp 2000 Vollzeitstellen, Mitarbeiter sind es mehr, weil ein Teil der Belegschaft in Teilzeit arbeitet. Vor einem Jahr waren es aber noch fast 2200.

Allein bei den Leiharbeitern hat die Firma 100 Stellen gestrichen. Auch Mitarbeitern, die Altersteilzeit nutzen oder Stunden reduzieren wollten, legte die Firma keine Steine in den Weg. Auch wurden Brückentage unter dem Jahr genutzt, um die Mitarbeiter in ein verlängertes Wochenende zu schicken. Die Produktion wurde ab dem 23. Dezember für zwei Wochen sogar ganz eingestellt. Frank M. Anisits sagte rückblickend, es sei „ein Jahr der Optimierung“ gewesen. „Wir haben uns unsere Fertigungslinien genau angesehen und die Produktivität gesteigert.“

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Die Hirschvogel-Geschäftsführer Dr. Thomas Brücher, Dr. Alfons Hätscher und Frank M. Anisits (von links).
Bild: Julian Leitenstorfer

Alfons Hätscher, Geschäftsführer Finanzen, dankte den Mitarbeitern für ihre Flexibilität. „Wenn beispielsweise an der Presse nichts zu tun war, sind sie in die Endfertigung gewechselt.“ Mit schwierigeren Rahmenbedingungen kämpft das Unternehmen auch im Ausland. So habe beispielsweise Indien die Abgasnorm für Neuwagen gleich von vier auf sechs erhöht und auch weitere technische Einbauten wie Einparkassistenten vorgeschrieben, berichtete Hätscher. „Die Autos sind dadurch so teuer geworden, dass der Markt für Neuwagen zusammengebrochen ist.“

Wann läuft der Betrieb in China wieder an?

Getrübt ist aus mehreren Gründen auch der Blick nach China. So ging der Absatz von Dieselfahrzeugen um 13 Prozent zurück, und das Coronavirus führte zu Produktionsausfällen im Hirschvogel-Werk Pinghu. Das wurde Anfang Januar geschlossen. Am 10. Februar ist die Produktion wieder angelaufen. 600 der 1000 Mitarbeiter seien wieder tätig, so Anisits. „Das sind Beschäftigte, die über das Neujahrsfest nicht verreist waren. Die anderen werden nach und nach zurückkehren, wenn sie die Quarantäne verlassen dürfen. Wir hoffen, dass der Betrieb nächste oder übernächste Woche wieder normal läuft.“ Fraglich sei aber, wann dies auch wieder auf die Firmenkunden zutreffe. Auf die Produktion in Deutschland hätten die Probleme in Fernost aber nur geringe Auswirkungen, so der Chef der Produktion. Das Werk in Schongau beziehe vereinzelt Teile aus China. Das Unternehmen hat weltweit 5810 Mitarbeiter.

Das neue Verwaltungsgebäude muss warten

Stark zurückgefahren hat Hirschvogel auch die Investitionen. Davon betroffen ist auch das Verwaltungsgebäude in Denklingen, dessen Bau vor einem Jahr gestoppt wurde und das eine zweistellige Millionensumme kosten sollte. Bislang ist nur der Keller fertiggestellt und mit einer Bodenplatte verschlossen worden. „Wir entscheiden voraussichtlich bis Mitte des Jahres, was und in welcher Größe wir hier machen“, kündigte Anisits an. Zuversichtlicher blickt das Unternehmen auf das aktuelle Jahr. Finanzvorstand Hätscher rechnet mit einem Plus von drei Prozent. Getragen werde das aber vor allem vom Ausland. Die Zahl sei angesichts der erhaltenen Aufträge belastbar, betonte er.

Hirschvogel setzt zudem verstärkt auch auf das Thema E-Mobilität. Rund eine Million Rotorwellen für Motoren von E-Autos seien vergangenes Jahr produziert worden, berichtete Vertriebschef Thomas Brücher. „Damit sind wir Marktführer.“ Sein Vorstandskollege Anisits ergänzte, dass der Fokus bei Hirschvogel aber darauf liege, möglichst viele Teile herzustellen, die unabhängig von der Antriebsform verbaut werden könnten. Differentialteile gehörten beispielsweise dazu. Wichtig sei, sich für den Fall zu wappnen, dass die E-Mobilität ein Erfolg werde, aber auch, dass diese möglicherweise floppe, so Frank M. Anisits.

Hirschvogel stellt sich zudem inhaltlich breiter auf, wie der Vertriebschef informierte. „Wir haben in Firmen investiert, bei denen wir die Zukunft sehen. Dazu gehört ein Unternehmen, das sich um die ganze Technik im Innenraum des Autos kümmert. „Wichtiger als die Antriebsform oder die Fahrdynamik sind in Zukunft das bequeme und sichere Fahren mit all den Möglichkeiten, die die digitale Technik bietet“, so Brücher. Investiert wurde auch bei einem Elektronikspezialisten. Insgesamt hat Hirschvogel einen zweistelligen niedrigen Millionenbetrag bezahlt.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Die Krise der Autobranche erreicht den Landkreis

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