Newsticker
10.000 Impfdosen stehen bereit: Bayern beginnt mit Impfungen für Polizisten
  1. Startseite
  2. Lokales (Landsberg)
  3. Beim Neujahrsempfang geht es um die Zukunft der Dörfer

Landsberg

20.01.2019

Beim Neujahrsempfang geht es um die Zukunft der Dörfer

Professor Gerhard Henkel (rechts) referierte im Sitzungssaal des Landratsamtes zum Thema „Rettet das Dorf“.
Bild: Thorsten Jordan

Der „Dorfpapst“ Gerhard Henkel ist im Landratsamt in Landsberg zu Gast. Er spricht über die Notwendigkeit, das Landleben zu erhalten.

„Rettet das Dorf“ – unter dieser Überschrift stand der Gastvortrag von Professor Gerhard Henkel beim Neujahrsempfang von Stadt und Landkreis im Landratsamt. Der Humangeograf gilt als „deutscher Dorfpapst“. Dem nahe Paderborn in Nordrhein-Westfalen in einem Dorf lebenden Wissenschaftler war das persönliche Interesse an der Thematik, zu der er viele Publikationen veröffentlicht hat, anzumerken. Die von ihm in den Mittelpunkt gestellten negativen Entwicklungen wie Abwanderung und aussterbende Dorfkerne betreffen viele Regionen, jedoch weniger einen Landkreis wie Landsberg im Speckgürtel von München.

Landrat Thomas Eichinger sprach in seiner Begrüßung die Probleme an, mit denen die Dörfer um Landsberg zu kämpfen haben: Es sei der Siedlungsdruck, die Gefahr zu starken Wachstums mit entsprechender Verkehrsbelastung und der Notwendigkeit, die Infrastruktur auszuweiten. „Das ist eine Herausforderung.“

Die Infrastruktur stärken

Professor Gerhard Henkel machte in seinem Vortrag deutlich, dass die Infrastruktur gestärkt werden müsse. Wichtig ist ihm auch, dass bestehende Vereine wie der Sportverein die Musikkapelle gestärkt werden. Das bedeute, nicht nur das eigene Kind beim Fußballtraining abzuliefern, sondern auch mal auszusteigen und zu fragen „braucht ihr mich“. „Es geht um eine Anerkennungskultur“. Wichtig ist ihm auch die Freiwillige Feuerwehr als eine „Selbsthilfeeinrichtung des Dorfes“, die eine hochgradig gemeinnützige Arbeit leiste.

Seit 15 Jahren gebe es aber vermehrt neue Bürgervereine, die beispielsweise ein Naturbad, das geschlossen werden sollte, oder einen Dorfladen betreiben. Ein wichtiger auf dem Lande immer wieder genannter Wunsch sei es auch, im eigenen Dorf alt werden zu können. Da die eigenen Kinder oft anderswo leben, muss im Ort eine Art „Nachbarschaftsfamilie“ entstehen, eine soziale Infrastruktur, so sein Vorschlag. Henkel weist auf einen großen Wissens- und Erfahrungsschatz in den Dörfern und die Tradition, eigenverantwortlich für die Gemeinschaft zu handeln, hin. So werden seiner Meinung nach viele der genannten Problempunkte „von unten“ angegangen – Stichwort „Anpackkultur“. Und er hofft, dass sich in den Rathäusern die Entwicklung von einem Bild des Bürgers als Untertan, wie einst, über den Bürger als Kunden, das aktuell gelte, hin zu einem Bild vom Bürger als Partner entwickelt.

Kritik an der Gebietsreform

Einen großen Anteil an der dörflichen Misere hat für Henkel die Entmündigung des Dorfes „von oben“. Henkel kritisiert Gebietsreformen scharf. Aus seinen Ausführungen lässt sich schließen, dass Bayern dabei noch moderat vorgegangen ist, es gebe Bundesländer, in denen beispielsweise Vorgaben galten, dass Kommunen mindestens 6000 Einwohner haben müssen und 20 und mehr Dörfer zusammengeschlossen wurden. Zum Schluss nannte er noch mehrere Gründe, „warum das Dorf nicht sterben darf“ – unter anderem weil, wer auf dem Land wohnt, sehr zufrieden mit seinem Wohnumfeld ist.

Oberbürgermeister Mathias Neuner erinnerte daran, dass zur Stadt Landsberg mit Reisch, Pitzling, Ellighofen und Erpfting auch vier Dörfer gehörten. Und er sprach das Strategiepapier Landsberg 2035 an, an dessen Ausarbeitung auch die Bürger beteiligt seien.

Schlagwort "Glokalisierung"

Er sieht in der Digitalisierung eine Chance für die Dörfer und nannte das Schlagwort „Glokalisierung“, welches Lokalisierung und Globalisierung verbinde: auf der einen Seite die Nutzung lokaler Produkte, das Gefühl von Heimat und Entschleunigung und auf der anderen Seite Exportwirtschaft und Reisen in ferne Länder. „Das bayerische Dorf wird nicht sterben“, ist sich das Landsberger Stadtoberhaupt sicher.

Darüber konnten die geladenen Gäste – darunter zahlreiche Bürgermeister – dann bei Gänsebrust oder anderem Braten, aber auch Vegetarischem diskutieren. Musikalisch hatten Monika Drasch und Johann Zeller schon zwischen den Reden für Akzente gesorgt und ihre Erfahrungen in Sachen Dorfsterben eingebracht.

Was LT-Redakteurin Stephanie Millonig zum Thema sagt: Siedlungsdruck: Ist das Dorf in Gefahr?


Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren